{"id":5598,"date":"2025-09-04T11:36:20","date_gmt":"2025-09-04T09:36:20","guid":{"rendered":"https:\/\/eimuth.de\/?p=5598"},"modified":"2025-09-04T11:36:20","modified_gmt":"2025-09-04T09:36:20","slug":"traditionsabbruch-studie-beleuchtet-den-wandel-religioeser-sozialisation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=5598","title":{"rendered":"Traditionsabbruch: Studie beleuchtet den Wandel religi\u00f6ser Sozialisation"},"content":{"rendered":"\n<p>Ob Menschen religi\u00f6s oder nicht-religi\u00f6s werden, h\u00e4ngt in Zeiten des gesellschaftlichen R\u00fcckgangs von Religion nach einer internationalen Studie entscheidend von der Familie ab. Die Studie best\u00e4tigt einen massiven Traditionsabbruch, dem die Kirchen nicht einfach entgegenwirken k\u00f6nnen. F\u00fcr die Zukunft erwartet Religionssoziologin Christel G\u00e4rtner von der Universit\u00e4t M\u00fcnster einen weiteren kontinuierlichen R\u00fcckgang, schlussfolgert aber nicht, dass Religion verschwinden wird. Vielmehr wird sie in bestimmten Milieus und unter spezifischen Bedingungen weiter existieren, erl\u00e4utert sie im Podcast Conny&amp;Kurt. Die Bedingungen f\u00fcr die Weitergabe innerhalb der Familien werden jedoch schwieriger. Eltern, die ihren Kindern Religion vermitteln m\u00f6chten, sehen sich manchmal mit Gemeinden konfrontiert, die so konservativ sind, dass sie bef\u00fcrchten, ihre Kinder k\u00f6nnten kein positives Gottesbild entwickeln. Dies birgt das Risiko weiterer Abbr\u00fcche.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Kirche formulieren die Forscher:innen der internationalen Studie klare Empfehlungen: Sie m\u00fcssen Orte bleiben, die Familien integrieren, Vergemeinschaftung und Kreativit\u00e4t erm\u00f6glichen und Diskursr\u00e4ume f\u00fcr die Fragen der Jugendlichen bieten, anstatt zu indoktrinieren. Kirchliche Dogmen werden heute kaum noch geglaubt oder verstanden. Das Angebot von Antworten und R\u00e4umen f\u00fcr die Reflexion der Adoleszenten wird als entscheidend f\u00fcr die Bindung der jungen Generation an die Kirche angesehen, da auch nicht-religi\u00f6se Jugendliche eine Sehnsucht nach solchen Auseinandersetzungsr\u00e4umen zeigen. Eine theologische oder p\u00e4dagogische Kompetenz in den Familien erleichtert die Vermittlung von Religion erheblich, da Zusammenh\u00e4nge besser erl\u00e4utert und erkl\u00e4rt werden k\u00f6nnen. Die l\u00e4nder\u00fcbergreifenden Studie, an der auch Christel G\u00e4rtner mitgearbeitet hat, wirft ein Schlaglicht auf den tiefgreifenden Wandel der religi\u00f6sen Sozialisation in Familien \u00fcber mehrere Generationen hinweg. Die Untersuchung, die von der amerikanischen John Templeton Foundation gef\u00f6rdert wurde, analysiert die Weitergabe, Ver\u00e4nderung und den Abbruch von Religion in f\u00fcnf L\u00e4ndern mit christlichem Hintergrund: Deutschland, Finnland, Italien, Ungarn und Kanada. Die Ergebnisse zeichnen ein Bild eines fortlaufenden R\u00fcckgangs religi\u00f6ser Praxis und Glaubensinhalte, warnen aber auch vor Verallgemeinerungen und zeigen unterschiedliche regionale Dynamiken auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Studie nutzte einen Mixed-Method-Ansatz, der repr\u00e4sentative Fragebogenbefragungen und Familieninterviews umfasste, bei denen bis zu drei Generationen an einen Tisch gebracht wurden. Im Zentrum stand die Frage, wie Religion innerhalb von Familien \u00fcber die Zeit tradiert wird.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Relig.-Sozialisation-Sendeband.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Traditionsabbruch: Studie beleuchtet den Wandel religi\u00f6ser Sozialisation\" width=\"495\" height=\"278\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/JtPO-ojDvFw?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Kindheit als Pr\u00e4gephase, Adoleszenz als Reflexionszeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein zentrales Ergebnis ist die unterschiedliche Rezeption von Religion in verschiedenen Lebensphasen. Kinder nehmen demnach die Form der Religion an, die sie in der Familie erfahren, inklusive Glaubensinhalte, Werte und Rituale. Sie \u00e4u\u00dfern sich oft positiv, wenn die Inhalte kindgerecht vermittelt werden. Mit der Adoleszenz setzt jedoch eine kritische Reflexionsphase ein. Jugendliche beginnen, Fragen an den Glauben und die vermittelten Werte zu stellen und entwickeln eine eigene Position.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Glaube schwindet, Rituale bleiben selektiv<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Weitergabe des Glaubens selbst erweist sich als am schwierigsten. W\u00e4hrend Werte und das Gef\u00fchl der Zugeh\u00f6rigkeit eine hohe Kontinuit\u00e4t aufweisen \u2013 mit Ausnahme Ostdeutschlands \u2013, sehen die Forscher bei kirchlichen Praktiken und Glaubensinhalten einen deutlichen Bruch. Erfolgreich ist die Weitergabe von Religion heute vor allem dann, wenn die gesamte Familie an einem Strang zieht und in eine religi\u00f6se Gemeinschaft eingebunden ist, was eine Art Familienidentit\u00e4t schafft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Feier des gesamten Kirchenjahres, wie sie in der Gro\u00dfelterngeneration noch pr\u00e4sent war, ist in der dritten Generation kaum noch zu finden. Stattdessen konzentrieren sich religi\u00f6se Praktiken oft auf einzelne Rituale und zentrale Feiertage wie Weihnachten und Ostern, die zunehmend als Familienfeste begangen werden. Rituale wie der St. Martins-Umzug existieren zwar weiter, werden aber oft als \u201eLaternenlauf\u201c entkonfessionalisiert und \u00fcber Kinderg\u00e4rten oder Schulen initiiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Regionale Unterschiede und die Rolle der Kirche<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der S\u00e4kularisierungsprozess verl\u00e4uft nicht \u00fcberall gleich. In Ostdeutschland war bereits in der Gro\u00dfelterngeneration ein scharfer Abbruch der kirchlichen Bindung festzustellen, der sich in der DDR durch Kirchenverfolgung und antikirchliche Politik massiv verst\u00e4rkte. Dies f\u00fchrte dazu, dass Familien \u00fcber Generationen hinweg eine Nichtreligion weitergaben. In Italien hingegen erfolgte dieser Prozess wesentlich sp\u00e4ter und kontinuierlicher. Finnland zeigt eine Besonderheit mit einer hohen Zahl an Konfirmationen, die oft als kulturelles Ritual wahrgenommen werden, selbst von nicht getauften Jugendlichen, und scheint den R\u00fcckgang zu verlangsamen. Kanada liegt dazwischen, mit regionalen Unterschieden, insbesondere in katholischen Gebieten wie Quebec, wo eine fr\u00fchere Distanz zur Kirche aufgrund strenger Erziehung entstand. M\u00fctter spielen rein statistisch gesehen in allen untersuchten L\u00e4ndern die wichtigste Rolle bei der Vermittlung von Religion. Diese Rolle nimmt jedoch \u00fcber die Generationen hinweg ab. Gro\u00dfm\u00fctter k\u00f6nnen eine vermittelnde Funktion einnehmen, insbesondere in der ersten und zweiten Generation, aber ihre Rolle kann den R\u00fcckgang der elterlichen religi\u00f6sen Sozialisation nicht vollst\u00e4ndig kompensieren. Enkel erinnern die religi\u00f6se Weitergabe durch Gro\u00dfm\u00fctter zudem weniger deutlich als die Elterngeneration.Gtnr, Christel\/Hennig, Linda\/M\u00fcller, Olaf (Hg.) (2025): Families and Religion. Dynamics of Transmission across Generations, Frankfurt a.M.\/New York. ISBN 978-3-593-51994-4.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zur Person<\/strong><br>Christel G\u00e4rtner ist Soziologin und&nbsp;seit 2014 au\u00dferplanm\u00e4\u00dfige Professorin am Fachbereich Erziehungswissenschaften und Sozialwissenschaften der Westf\u00e4lischen Wilhelms-Universit\u00e4t M\u00fcnster.&nbsp;Sie ist Mentorin der Graduiertenschule im Exzellenzcluster \u201eReligion und Politik\u201c der Universit\u00e4t M\u00fcnster und leitet dort das Projekt \u201eIslam und Gender in Deutschland. Zur (De-)Konstruktion s\u00e4kular und religi\u00f6s legitimierter Geschlechterordnungen\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob Menschen religi\u00f6s oder nicht-religi\u00f6s werden, h\u00e4ngt in Zeiten des gesellschaftlichen R\u00fcckgangs von Religion nach einer internationalen Studie entscheidend von der Familie ab. Die Studie best\u00e4tigt einen massiven Traditionsabbruch, dem die Kirchen nicht einfach entgegenwirken k\u00f6nnen. 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