{"id":527,"date":"2008-03-01T21:45:56","date_gmt":"2008-03-01T21:45:56","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=527"},"modified":"2008-03-01T21:45:56","modified_gmt":"2008-03-01T21:45:56","slug":"auch-pfarrer-auf-seiten-der-unruhestifter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=527","title":{"rendered":"\u201eAuch Pfarrer auf Seiten der Unruhestifter\u201c"},"content":{"rendered":"<div id=\"eintrag-729\">\n<h6>Evangelisches Frankfurt M\u00e4rz 2008<\/h6>\n<h2>\u201eAuch Pfarrer auf Seiten der Unruhestifter\u201c<\/h2>\n<p>Sie waren aufregend, lebendig, inspirierend:  Vor vierzig Jahren sorgten die \u201868er auch in Frankfurter  Kirchengemeinden f\u00fcr neue Aufbr\u00fcche.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die evangelische Jugend zu einem Seminar \u00fcber die \u201eAnnalen  des Kolonialismus in Lateinamerika\u201c einlud, polemisierte Pfarrer Erich  Schmidt im Rundbrief der Petersgemeinde gegen die jungen Rebellen: \u201eEs  ist besch\u00e4mend, dass sich auch evangelische Pfarrer und Laien auf die  Seite dieser Unruhestifter stellen.\u201c Die \u201868e\u2013Bewegung vor vierzig  Jahren lie\u00df auch die Frankfurter Kirchengemeinden nicht unber\u00fchrt.<\/p>\n<div>\n<div>\n<div>Protest  im Karfreitagsgottesdienst 1968: Jochen Krahl vom Sozialistischen  Deutschen Studentenbund besetzt die Kanzel der Frankfurter Peterskirche,  um gegen den Mordanschlag auf den Studentenf\u00fchrer Rudi Dutschke zu  protestieren. Auf den Plakattexten wird dem Springer-Konzern eine  Mitschuld zugesprochen.<\/div>\n<div>Foto: kna<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Themen wie Vietnamkrieg, Imperialismus, Dritte Welt oder auch freie  Sexualit\u00e4t schwappten, ebenso wie Formen des Protests, aus der  Universit\u00e4t her\u00fcber. So kam es am dritten Advent 1968 zum Eklat bei,  einem so genannten \u201eGo-In\u201c in der Epi-phaniaskirche im Nordend. Pfarrer  Ernst Sch\u00e4fer versuchte zun\u00e4chst, den Protest mit Hilfe der Orgel  \u00fcbert\u00f6nen zu lassen, um dann den Gottesdienst abzubrechen und die  ungebetenen G\u00e4ste zur Diskussion ins Gemeindehaus zu bitten.<\/p>\n<p>Die St\u00f6rer hatten sich zuvor in einem neu gegr\u00fcndeten \u201ePolitischen  Arbeitskreis\u201c des Stadtjugendpfarramtes zusammengefunden. Sp\u00e4ter kam es \u2013  typisch f\u00fcr diese Zeit \u2013 zu einer Spaltung der Gruppe, da man die  Aktionsformen unterschiedlich bewertete. Der Arbeitskreis hatte sich zur  Aufgabe gesetzt, \u201edas politische Bewusstsein in der evangelischen  Jugend und in den Gemeinden durch seine Arbeit zu f\u00f6rdern\u201c, so eine  Selbstdarstellung. Doch die meisten Gemeinden lehnten solche  Protestformen ab. \u201eDer Arbeitskreis wurde immer radikaler\u201c, erinnert  sich Klaus W\u00fcrmell, der damals Bildungsreferent im Stadtjugendpfarramt  war. \u201eSolche Aktionen brachten mich und den Stadtjugendpfarrer Dieter  Trautwein durchaus innerkirchlich in Schwierigkeiten.\u201c Die Folge: Das  Stadtjugendpfarramt zog sich aus der Verantwortung f\u00fcr den Arbeitskreis  zur\u00fcck.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Kirche als Institution hatte der Aufbruch der Studenten in  der Tat be\u00e4ngstigende Auswirkungen. Die j\u00e4hrliche Austrittsquote  schnellte von 0,2 auf 0,8 Prozent der Kirchenmitglieder hoch,  gleichzeitig sank der Besuch der Gottesdienste von 15 auf 8 Prozent. Die  Kirche war eben ein Teil der \u201ealten Z\u00f6pfe\u201c, die es abzuschneiden galt.<\/p>\n<div><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/evangelischesfrankfurt.de\/images\/2008\/03\/seite03_unten.jpg\" alt=\"Einladung mit Che Guevara: Flyer des \u201ePolitischen Arbeitskreises\u201c im Stadtjugendpfarramt 1968.\" \/><\/p>\n<div>\n<div>Einladung mit Che Guevara: Flyer des \u201ePolitischen Arbeitskreises\u201c im Stadtjugendpfarramt 1968.<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Und im R\u00fcckblick muss man sagen: durchaus zu Recht. Denn noch 1959  konnte sich der damalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in  Deutschland (EKD), Otto Dibelius, eine Obrigkeit nur in  patriarchalischen Formen denken. Eine demokratisch gew\u00e4hlte Regierung  besa\u00df f\u00fcr ihn, da sie prinzipiell abw\u00e4hlbar war, \u201ekeine wirkliche  Autorit\u00e4t\u201c. Der heutige Ratvorsitzende Wolfgang Huber stellt deshalb  fest: \u201eEs war ein weiter Weg bis zur uneingeschr\u00e4nkten Anerkennung der  demokratischen Staatsform durch die evangelische Kirche.\u201c Voll und ganz   zur Demokratie bekenne sich die evangelische Kirche in ihrer Gesamtheit  erst seit Mitte der achtziger Jahre.<\/p>\n<p>Dass die Kirche 1968 nicht mehr so gefragt war, erlebte auch Hermann  D\u00fcringer als Theologiestudent. \u201ePl\u00f6tzlich sprangen Kommilitonen ab und  studierten Soziologie.\u201c F\u00fcr den heutigen Direktor der Evangelischen  Akademie Arnoldshain im Taunus waren jene Jahre eine \u201elebendige,  aufgeregte und inspirierende Zeit.\u201c Zum Lebensgef\u00fchl dieser Tage geh\u00f6rte  auch \u201eder Stolz, wenn man vom Wasserwerfer nass gespritzt worden war \u201c.<\/p>\n<p>Kristallisationspunkt der Proteste in Frankfurt war der Umgang mit  \u201eF\u00fcrsorgez\u00f6glingen\u201c, wie Jugendliche, die in Heimen lebten, damals  genannt wurden. Einige Dutzend waren aus dem Heim \u201eStaffelberg\u201c in  Biedenkopf ausgebrochen und lebten nun in Frankfurt. Die sp\u00e4tere  RAF-Terroristin Gudrun Ensslin hatte zum \u201eAufstand der Betroffenen\u201c  aufgerufen. Tats\u00e4chlich besa\u00df die Heimunterbringung jener Tage eher  Gef\u00e4ngnischarakter.<\/p>\n<p>Aufgeschreckt durch die Proteste suchte man aber auch in den  Institutionen nach Alternativen. In Frankfurt zum Beispiel gr\u00fcndete  schlie\u00dflich der Evangelische Volksdienst gemeinsam mit dem  Stadtjugendpfarramt und auf Bitten der Stadt in der Altk\u00f6nigstra\u00dfe ein  \u201eLehrlingskollektiv\u201c.<\/p>\n<p>Im Umfeld dieses Kollektivs kam es auch zu Begegnungen mit Andreas  Baader und Gudrun Ensslin. Nach ihrer politisch motivierten  Brandstiftung im Kaufhaus Schneider auf der Zeil im April 1968 waren sie  zu drei Jahren Haft verurteilt worden, kamen aber durch einen  Revisionsantrag zun\u00e4chst wieder frei und beteiligten sich an der  \u201eHeimkampagne\u201c der au\u00dferparlamentarischen Opposition. \u201eSie wollten das  politische Bewusstsein der Lehrlinge entwickeln\u201c, erinnert sich W\u00fcrmell.  Er wei\u00df noch gut, wie er sich damals in den R\u00e4umen des  Stadtjugendpfarramtes mit Baader ein lautstarkes Rededuell lieferte,  w\u00e4hrend die Pfarrerstochter Ensslin zu vermitteln suchte.<\/p>\n<p>Die gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen im Zuge der \u201868er bewirkten  auch in der evangelischen Jugend neue Aufbr\u00fcche. Im Jahr 1970  beteiligten sich 1500 junge Leute an einem \u201eHungermarsch\u201c und  thematisierten die eigene Mitschuld an Verarmung und Krieg. Es  entstanden Jugendgottesdienste, Politische Nachtgebete und  Auseinandersetzungen mit einer \u00fcberkommenen Sexualmoral.<\/p>\n<p>Dass Reform eine dauernde Aufgabe ist, gilt als Grundeinsicht  evangelischer,  reformatorischer Kirchen. Das Lebensgef\u00fchl einer ganzen  Generation nach 1968 wurde von Willy Brandt in dem Motto  zusammengefasst: \u201eWer morgen sicher leben will, muss heute f\u00fcr Reformen  k\u00e4mpfen.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr Bischof Wolfgang Huber ist dies die Schnittmenge zwischen der  \u201868er-Bewegung und dem Protestantismus: \u201eDie leitende Grund\u00fcberzeugung  hei\u00dft: Gesellschaft und Kirche m\u00fcssen immer wieder zu neuen Aufbr\u00fcchen  bereit sein.\u201c<\/p>\n<p>Kurt-Helmuth Eimuth<\/p>\n<h3>Kurzer Sommer \u2013 lange Wirkung: Die Kirche und die 68er<\/h3>\n<p>Unter dem Motto \u201eKurzer Sommer \u2013 lange Wirkung\u201c startet im Mai eine  Sonderausstellung im Historischen Museum, die sich mit verschiedenen  Aspekten der Studentenunruhen besch\u00e4ftigt. Dazu gibt es ein  umfangreiches Begleitprogramm, an dem auch die Evangelische  Stadtakademie, Am R\u00f6merberg 9, beteiligt ist. Unter dem Motto \u201eProtest  und Protestantismus\u201c berichtet dort am Montag, 26. Mai, um 19.30 Uhr der  damalige Theologiestudent und heutige Direktor der Evangelischen  Akademie Arnoldshain,  Hermann D\u00fcringer, von seinen Erlebnissen.  Kommentiert wird sein Vortrag von der Kabarettistin Hilde Wackerhagen,  die 1968 im Frankfurter Weiberrat dabei war. Mehr zur Ausstellung im  Historischen Museum unter <a href=\"http:\/\/www.die-68er.de\/\">www.die-68er.de<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Evangelisches Frankfurt M\u00e4rz 2008 \u201eAuch Pfarrer auf Seiten der Unruhestifter\u201c Sie waren aufregend, lebendig, inspirierend: Vor vierzig Jahren sorgten die \u201868er auch in Frankfurter Kirchengemeinden f\u00fcr neue Aufbr\u00fcche. 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