{"id":4967,"date":"2023-03-28T18:06:05","date_gmt":"2023-03-28T16:06:05","guid":{"rendered":"https:\/\/eimuth.de\/?p=4967"},"modified":"2023-03-28T18:06:05","modified_gmt":"2023-03-28T16:06:05","slug":"dorothee-soelle-den-politischen-zu-fromm-den-frommen-zu-politisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=4967","title":{"rendered":"Dorothee S\u00f6lle: Den Politischen zu fromm, den Frommen zu politisch"},"content":{"rendered":"\n<p>von Kurt-Helmuth Eimuth<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/grafik.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"900\" height=\"639\" src=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/grafik.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-4968\" srcset=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/grafik.png 900w, https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/grafik-300x213.png 300w, https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/grafik-768x545.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\"><br>Volles Haus: Dorothee S\u00f6lle predigt beim Kirchentag in Rostock 1988. | Foto: Bernd Bohm, epd-Bild<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die 1929 in K\u00f6ln geborene Poetin und Theologin Dorothee S\u00f6lle hatte nie einen Lehrstuhl in Deutschland inne. Trotzdem war sie eine der einflussreichsten theologischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Am 27. April j\u00e4hrt sich ihr Todestag zum zwanzigsten Mal.<\/p>\n\n\n\n<p>Dorothee S\u00f6lle studierte Theologie, Philosophie und Literaturwissenschaft, machte 1954 ihr Staatsexamen und promovierte. Die Mutter von vier Kindern habilitierte sich 1971. Sie arbeitete als Lehrerin zun\u00e4chst an der Schule, dann im Hochschuldienst. Von 1975 bis 1987 lehrte sie auf einer Professur f\u00fcr systematische Theologie in New York. Erst 1994 erhielt sie die Ehrenprofessur der Universit\u00e4t Hamburg.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon im Elternhaus setzte sich S\u00f6lle mit Politik auseinander. In einem 1999 aufgenommenen Essay des SWR sagt sie: \u201eIch verdanke meinen nazikritischen Eltern viel.\u201c Aber doch, so erz\u00e4hlt sie im R\u00fcckblick, fragte sie sich, ob man nicht eine st\u00e4rkere Verwurzelung ben\u00f6tigte, als sie der postchristliche Humanismus mit Goethe und Thomas Mann bieten k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Begegnung mit ihrer Lehrerin Marie Veit, die bei Rudolf Bultmann promoviert hatte, erschlossen sich f\u00fcr S\u00f6lle neue Horizonte. \u201eSie brachte mir bei, dass man seinen Verstand nicht an der Kirchent\u00fcr abgeben musste, um naiv, geistlos und dem\u00fctig Christin zu werden\u201c. Jesus faszinierte sie. \u201eAn die Liebe glauben ist mehr als den himmlischen Knopfdr\u00fccker anzubeten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Auseinandersetzung mit einem scheinbar allm\u00e4chtigen Gott ist ein Ursprung von S\u00f6lles theologischem Denken. \u201eOmnipotenz ist nicht das h\u00f6chste, was man von Gott sagen kann. Der Allmachtswahn hat in der Geschichte des Christentums vor allem Ungl\u00fcck erzeugt.\u201c Und dann kommen S\u00e4tze, die auch noch heute provozieren: \u201eDieser Herrschergott ist in der Tat tot.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u00f6lle faszinierte der Traum eines anderen Lebens, in dem die Tr\u00e4nen abgewischt werden und die \u00c4ngste nicht mehr die Herrschaft \u00fcber Menschen behalten. Sie liebte die Bibel und hat lange unter der \u00dcberschrift \u201eTheologie nach dem Tode Gottes\u201c mit dem \u00fcberkommenen Christentum gerungen. Dies war f\u00fcr sie, so erz\u00e4hlt sie r\u00fcckblickend, der Widerspruch einer jungen Frau, die mit dem Horror der Nazizeit nicht so schnell fertig wurde. Die herrschende Theologie tr\u00e4umte weiter von der Allmacht Gottes. \u201eHatte denn Gott auch in Auschwitz alles so herrlich regieret?\u201c H\u00e4tte er eingreifen k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p>Wie aktuell ihr theologisches Denken ist, zeigt ihre Auseinandersetzung mit milit\u00e4rischer Gewalt. \u201eMir war klar, wenn Hitler nicht von au\u00dfen bek\u00e4mpft worden w\u00e4re, h\u00e4tte er Europa beherrscht und wir s\u00e4\u00dfen nicht hier.\u201c Sicher w\u00e4re jede andere L\u00f6sung besser als milit\u00e4rische Gewalt. Aber: \u201eIch bin keine absolute Pazifistin\u201c. Neu sei heute, dass Krieg immer auch Massenmord an der Zivilbev\u00f6lkerung bedeute. Das Hauptinteresse, das Kriegsziel sei heute die Zerst\u00f6rung derer, die sich nicht wehren k\u00f6nnen. Die Vision von Jesaja, sie werden den Krieg nicht mehr lernen, w\u00e4re f\u00fcr S\u00f6lle \u201eschon sehr viel\u201c. Und dann kommt in dem 1996 mit Wolfgang Niess gef\u00fchrten Interview der Satz: \u201eDass Staaten den Krieg f\u00fcr eine Konfliktbew\u00e4ltigung halten, das ist ein m\u00e4nnliches Ideal, was wir vielleicht \u00fcberwinden k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In den 1960er Jahren, S\u00f6lle arbeitete als Lehrerin, wurde ihr durch die Auseinandersetzung mit der Nazizeit immer deutlicher, dass das politische Bewusstsein zu f\u00f6rdern ist. Zentral hier der Begriff Gerechtigkeit. Eine Gruppe von katholischen und evangelischen Christ:innen fragte sich, welche Konsequenzen der Glaube haben sollte. Daraus entstand das Politische Nachtgebet. Es beruhte auf einer \u201ePolitisierung des Gewissens.\u201c Es wurden Fragen gestellt, die auch heute nichts von ihrer Aktualit\u00e4t verloren haben: \u201eVon wem kaufen wir unsere billigen Bananen? An wem bereichern wir uns? Wie verh\u00e4lt sich unser Reichtum zur Armut der Menschen? Wie verhalten wir uns zur Sch\u00f6pfung und all ihren Lebewesen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Entstehung geschah wieder einmal eher durch Zur\u00fcckweisung. Die kleine Gruppe hatte sich 1968 beim Katholikentag in Essen f\u00fcr eine politische Gebetsliturgie zu aktuellen politischen Fragen beworben. Das Organisationskomitee wollte den Antrag nicht zur\u00fcckweisen, legte den Termin aber auf eine Zeit nach 23 Uhr \u2013 und so kam es zum Nachtgebet. Diese Veranstaltungsform verband die spirituelle Sehnsucht vieler Menschen mit klaren politischen Aussagen. Es kamen, so S\u00f6lle, \u201eMenschen, die politisch wach und geistlich frustriert waren.\u201c Politische Nachtgebete werden bis heute gefeiert, so auch beim kommenden Kirchentag 2023 in N\u00fcrnberg.<\/p>\n\n\n\n<p>Apropos Evangelischer Kirchentag: Dort stie\u00df Dorothee S\u00f6lle zun\u00e4chst ebenfalls auf Ablehnung. Aber ihre Freundin Luise Schottroff nahm sie als Co-Referentin mit auf die B\u00fchne. \u00dcber zwei Jahrzehnte f\u00fcllten diese beiden Frauen bei Kirchentagen die gro\u00dfen Hallen. Mit dabei die Frankfurter Band Habakuk um Eugen Eckert. Schottroff und S\u00f6lle gaben \u2013 auch gemeinsam mit ihren M\u00e4nnern Willy Schottroff (Professor f\u00fcr Altes Testament in Frankfurt) und Fulbert Steffensky (Religionsp\u00e4dagoge in Hamburg) vielf\u00e4ltige Denkanst\u00f6\u00dfe, etwa die materialistische Exegese, die sich auch in zahlreichen gemeinsamen Buchprojekten niederschlug.<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Dinge sind nach S\u00f6lles \u00dcberzeugung f\u00fcr die Zukunft des Glaubens zentral: \u201eGerechtigkeit, also eine nicht ausschlie\u00dflich vom Profitinteresse gelenkte Wirtschaft, Frieden, also eine andere Art der Konfliktl\u00f6sung, und die Bewahrung der Sch\u00f6pfung.\u201c Eine Theologie nach der Schoah m\u00fcsse die S\u00fcnde politisieren und die Zuschauenden als Vollstrecker:innen identifizieren. Denn es stelle sich nicht nur die Frage \u201eWas hast Du getan?\u201c, sondern auch: \u201eWas hast Du nicht getan?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das Christentum der Zukunft wird f\u00fcr S\u00f6lle \u00f6kumenisch und feministisch sein und der Mystik mehr Raum geben. Die gelebte Einheit der Christ:innen sei wichtiger als eine Amtskirche, \u201edie hinterher humpelt\u201c. Der Ausschluss von Frauen, so ist sich S\u00f6lle sicher, wird zu Ende gehen. Die \u201eVerweiblichung\u201c der Theologie sei eher eine \u201eVermenschlichung\u201c der Theologie.<\/p>\n\n\n\n<p>Insofern war S\u00f6lle auch eine Vordenkerin der feministischen Theologie, \u201edie darauf besteht, dass eine Theologie, die nur von der H\u00e4lfte der Menschheit formuliert wird, notwendig unzureichend bleibt.\u201c Bei der mystischen Dimension beruft sich S\u00f6lle auf den katholischen Theologen Karl Rahner. Die Seele jeder Religion ist die gelebte und angeeignete Erfahrung Gottes. Leider finde diese Dimension in den Kirchen derzeit wenig Raum. Jede lebendige Religion brauche das spirituelle, lebendige Element. Ohne Mystik sterbe der christliche Glaube.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u00f6lles theologisches Denken war gepr\u00e4gt von ihrer festen \u00dcberzeugung: \u201eIn allen Menschen ist etwas von Gott. Das kann man zum\u00fcllen, aber man kann es auch wieder aufwecken.\u201c Da folgte sie ganz der Mystik. Die Mystikerin Mechthild von Magdeburg oder auch Thomas M\u00fcntzer waren ihr darin Vorbild.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zierliche Frau beeindruckte die Menschen aber auch durch ihre Bescheidenheit. Eugen Eckert von der Band Habakuk erz\u00e4hlt von einer gemeinsamen Reise 1999 nach Kanada, wo Dorothee S\u00f6lle und Luise Schottroff bei den dreit\u00e4gigen Pollock-Lectures an der Atlantic School of Theology in Halifax ihr Veranstaltungsformat vom Kirchentag vorstellten: ein faszinierender Dreiklang aus Exegese, Poesie und Musik. S\u00f6lle, die damals noch eine Vortragsreise nach New York anschloss, reiste mit leichtem, sprich Handgep\u00e4ck.<\/p>\n\n\n\n<p>Eckert erinnert sich auch an einen S\u00e4nger:innenwettstreit zu Chor\u00e4len des Gesangbuches, den er sich auf langen Autofahrten an der kanadischen Ostk\u00fcste mit S\u00f6lle lieferte. Zu seiner \u00dcberraschung kannte S\u00f6lle oftmals mehr Strophen auswendig als er selbst. Und auch das Leben konnte S\u00f6lle genie\u00dfen. Einen Zigarillo zu einem guten Wein und lange Gespr\u00e4che verachtete sie nie. Dabei blieb sie bodenst\u00e4ndig, sang im Kirchenchor und spielte selbst hervorragend Klavier.<\/p>\n\n\n\n<p>Fulbert Steffensky beschrieb seine Frau im \u201eNachwort zu einem Leben\u201c so: \u201eSie konnte weder von den Frommen noch von den Politischen, weder von den Konservativen noch von den Aufkl\u00e4rern ganz eingefangen werden. Sie erlaubte sich, die jeweils andere zu sein \u2013 den Frommen die Politische, den Politischen die Fromme, den Bisch\u00f6fen die Kirchenst\u00f6rerin und den Entkirchlichten die Kirchenliebende.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr: <a href=\"https:\/\/www.dorothee-soelle.de\/\">https:\/\/www.dorothee-soelle.de\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Kurt-Helmuth Eimuth Die 1929 in K\u00f6ln geborene Poetin und Theologin Dorothee S\u00f6lle hatte nie einen Lehrstuhl in Deutschland inne. Trotzdem war sie eine der einflussreichsten theologischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Am 27. April j\u00e4hrt sich ihr Todestag zum zwanzigsten Mal. 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