{"id":4882,"date":"2023-01-08T08:47:17","date_gmt":"2023-01-08T06:47:17","guid":{"rendered":"https:\/\/eimuth.de\/?p=4882"},"modified":"2023-01-08T08:47:17","modified_gmt":"2023-01-08T06:47:17","slug":"die-kirche-muss-chinasensibel-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=4882","title":{"rendered":"\u201eDie Kirche muss chinasensibel werden\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>von <a href=\"https:\/\/www.efo-magazin.de\/magazin\/autoren\/kurt-helmuth-eimuth\/\">Kurt-Helmuth Eimuth<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>4. Januar 2023<\/p>\n\n\n\n<p>Annette Mehlhorn ist vielen in Frankfurt noch aus ihrer Zeit als Pfarrerin in Bockenheim und sp\u00e4ter als Studienleiterin der Evangelischen Akademie bekannt. In den vergangenen neun Jahren war sie in der deutschen Gemeinde in Shanghai t\u00e4tig. Im Interview spricht sie \u00fcber Religionspolitik in China und ihre Erfahrungen mit der dortigen Gesellschaft und Kultur. Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrten Kurt-Helmuth Eimuth und Conny von Schumann.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/2301_Titelbild_Mehlhorn.width-900.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"900\" height=\"562\" src=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/2301_Titelbild_Mehlhorn.width-900.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4883\" srcset=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/2301_Titelbild_Mehlhorn.width-900.jpg 900w, https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/2301_Titelbild_Mehlhorn.width-900-300x187.jpg 300w, https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/2301_Titelbild_Mehlhorn.width-900-768x480.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Annette Mehlhorn war neun Jahre lang Pfarrerin in Shanghai. | Foto: Monja Tang<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Annette Mehlhorn war neun Jahre lang Pfarrerin in Shanghai. | Foto: Monja Tang<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Frau Mehlhorn, Sie waren neun Jahre in China als Pfarrerin t\u00e4tig. Wie kam es dazu?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>2012 wurde mir klar, dass es Zeit wird f\u00fcr einen Stellenwechsel. Ich war damals Pfarrerin in R\u00fcsselsheim, und als ich einem chinesischen Freund von der ausgeschriebenen Stelle in Shanghai erz\u00e4hlte, sagte er: Shanghai ist gut f\u00fcr dich, mach das.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><br>Sie wurden von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) entsandt. Aber sie durften gar nicht als Pfarrerin einreisen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In China bekommen ausl\u00e4ndische Geistliche, gleich welcher Religion, in dieser Funktion keine Arbeitsgenehmigung. Deswegen m\u00fcssen sie einen anderen Weg finden. Wir haben das gro\u00dfe Gl\u00fcck, dass die Stadt Hamburg in Shanghai wegen der St\u00e4dtepartnerschaft ein B\u00fcro unterh\u00e4lt. Dort wurden wir \u2013 also mein katholischer Kollege und ich, wir sind ja eine \u00f6kumenische Gemeinde in Shanghai \u2013 als interkulturelle Projektmanager offiziell gef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><br>Sie hatten viel Kontakt zu den Menschen, auch zu Chinesen. Sie haben sogar Mandarin gelernt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, soweit es mir m\u00f6glich war. Wenn man 55 ist und nochmal eine neue Sprache lernt, die noch dazu so sehr anders ist, als alle bisher gelernten Sprachen, dann hat das Grenzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><br>Aber wie war der Kontakt mit den Einheimischen? Religion ist in China ja eher eine Art Subkultur.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das stimmt nicht so ganz. China hat einen offiziellen Weg der Religionspolitik. Es gibt ein Religionsministerium und alle registrierten Religionsgemeinschaften \u2013 das sind insgesamt f\u00fcnf genehmigte Religionsgemeinschaften \u2013 unterstehen diesem Religionsministerium. Auf der einen Seite bin ich nicht als Geistliche eingereist, aber auf anderen Seite war ich akkreditiert als evangelische Pfarrerin dieser Gemeinde. \u201eThat\u2019s China\u201c \u2013 sagt man dazu, wenn man China kennt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><br>Seit dem Ukraine-Krieg schauen wir<\/strong> <strong>in Deutschland auch kritischer auf unser Abh\u00e4ngigkeit von China. Wie eng sind die Verflechtungen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Shanghai ist meinem Eindruck nach eine der gr\u00f6\u00dften deutschen Wirtschaftsmetropolen der Welt, wenn nicht die gr\u00f6\u00dfte \u00fcberhaupt. Alle wichtigen deutschen Unternehmen haben dort einen Sitz. Shanghai ist Chinas Tor zur Welt. Die Entwicklungen in China w\u00e4hrend der letzten Jahre sind nicht in jeder Hinsicht zu begr\u00fc\u00dfen. Das w\u00fcrde ich auch so sehen. Vieles wurde enger und autokratischer.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><br>Wie wirkt sich das auf die christliche Gemeinde aus?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Naja, mit Corona ist sowieso alles anders geworden. Schon vorher hatten die Restriktionen allerdings zugenommen. Auch die Religionsgesetzgebungen wurden enger formuliert. Das habe ich ebenfalls zu sp\u00fcren bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><br>In den Kirchen h\u00e4ngen Videokameras.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist so. Im gesamten \u00f6ffentlichen Raum und in allen Einrichtungen h\u00e4ngen solche Videokameras. Alle Gottesdienste werden aufgezeichnet und damit auch ein St\u00fcck weit \u00fcberwacht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><br>F\u00fchlten sie sich \u00fcberwacht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist eine Frage, die schwer zu beantworten ist, weil man als Ausl\u00e4nder in China nat\u00fcrlich andere Freiheiten hat als Einheimische. Ich habe eigentlich kein Blatt vor den Mund genommen, und was meine Aussagen oder meine Rede angeht, bin ich nie kritisiert worden. Manchmal bin ich kritisiert worden, was mein Verhalten angeht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><br>Was w\u00fcrden Sie uns denn empfehlen im Umgang mit China, politisch und menschlich?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir als Kirche k\u00f6nnten durch unsere \u00f6kumenische Verbundenheit Br\u00fccken bauen. Selbst da, wo es auf der politischen oder der wirtschaftlichen Ebene Grenzen gibt. Wir t\u00e4ten gut daran, in die Partnerschaft mit China verst\u00e4rkt einzutreten und uns dort zu engagieren. Daf\u00fcr werbe ich. F\u00fcr uns als deutsche Gesellschaft ist allerdings erh\u00f6hte Vorsicht geboten. Zum einen, was die Wirtschaft angeht, das ist keine Frage. Auf politischer Ebene scheint es mir wichtig, darauf zu dringen, dass alles auf Augenh\u00f6he l\u00e4uft. Ansonsten ist nat\u00fcrlich die Menschenrechtsfrage eine, die auf politischer Ebene zu Recht thematisiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><br>Ist die Menschenrechtsfrage auch f\u00fcr die Chinesinnen und Chinesen wichtig?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Meinem Eindruck nach spielt das nur f\u00fcr wenige Chinesen eine Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><br>Wie haben Sie diese restriktive Corona-Politik erlebt oder sind sie vorher ausgereist?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wirklich schwierig wurde es erst, nachdem die Omikron-Variante nach China kam und die Null-Covid-Politik das nicht mehr in Griff gekriegt hat. In Shanghai haben wir durch den Total-Lockdown dieses Fr\u00fchjahr eine sehr, sehr unangenehme Zeit verbracht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><br>Sie sind ja in dieser Schlie\u00dfzeit im Mai 2022 ausgeflogen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das war letzten Endes geplant, denn meine neun Jahre in China waren vorbei. Was nicht geplant war, war, dass ich keine Konfirmation mehr durchf\u00fchren konnte. Mein Abschiedsgottesdienst war online. Ich bin dann im Mai unter sehr reglementierten Bedingungen von einem fast menschenleeren Flughafen abgereist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><br>Leute wurden in ihren B\u00fcros festgehalten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das gab&#8217;s. Wenn sie im Moment des Lockdowns im B\u00fcro waren, mussten Sie dort bleiben. Ich war im Prinzip von Mitte M\u00e4rz bis zu meinem Abflug total isoliert und konnte mit allen Leuten nur noch online kommunizieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><br>Der \u00c4rger \u00fcber die Ma\u00dfnahmen wurde so gro\u00df, dass viele Leute protestiert haben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Schon die chinesischen Kaiser haben sich vor Protestwellen gef\u00fcrchtet. In diesem riesigen, schwer zu regierenden Land war es immer eine Sorge, dass sich aus regionalen Aufst\u00e4nden landesweite Unruhen entwickeln. Das war auch fr\u00fcher schon f\u00fcr Regierungen ein Grund, die Politik zu \u00e4ndern, und so ist es halt auch jetzt. Zumal es ja weitere Gr\u00fcnde f\u00fcr das Umsteuern in der Coronapolitik gab.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><br>Also bewirkt ein Aufstand doch etwas?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Man darf nicht denken, ein solches Regime w\u00e4re nicht kritisierbar. Kritik findet durchaus statt. Nur hat das eine andere Grundstruktur als in einer Demokratie.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><br>Was hei\u00dft: andere Grundstruktur?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es zu gr\u00f6\u00dferen Unruhen kommt, gibt es in China durchaus interne Diskussionsprozesse, auch wenn sie nicht offiziell und demokratisch und auf Mitbestimmung angelegt sind. Man darf nicht denken, dass dort niemand den Mund aufmacht. Auch in dieser Hinsicht sollten wir China etwas differenzierter wahrnehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Kurt-Helmuth Eimuth 4. Januar 2023 Annette Mehlhorn ist vielen in Frankfurt noch aus ihrer Zeit als Pfarrerin in Bockenheim und sp\u00e4ter als Studienleiterin der Evangelischen Akademie bekannt. 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