{"id":4791,"date":"2022-10-26T12:12:01","date_gmt":"2022-10-26T10:12:01","guid":{"rendered":"https:\/\/eimuth.de\/?p=4791"},"modified":"2022-10-26T12:12:01","modified_gmt":"2022-10-26T10:12:01","slug":"energiewende-und-klimanotstand-gruenes-schrumpfen-als-politisches-ziel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=4791","title":{"rendered":"Energiewende und Klimanotstand: Gr\u00fcnes Schrumpfen als politisches Ziel"},"content":{"rendered":"\n<p>Politik &amp; Welt<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">von <a href=\"https:\/\/www.efo-magazin.de\/magazin\/autoren\/kurt-helmuth-eimuth\/\">Kurt-Helmuth Eimuth<\/a><\/h1>\n\n\n\n<p>25. Oktober 2022<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei aktuelle B\u00fccher besch\u00e4ftigen sich mit der Frage, wie der Wandel zu einer \u00f6kologisch nachhaltigen Wirtschaft funktionieren kann. Und sind sich einig in dem Fazit: Ohne Schrumpfen wird es nicht gehen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/efo.fra1.cdn.digitaloceanspaces.com\/media\/images\/2210_Doppel-Mockup.width-900.jpg\" alt=\"Ulrike Herrmann: Das Ende des Kapitalismus, Kiepenheuer und Witsch, 341 Seiten, 24 Euro. Achim Wambach: Klima muss sich lohnen, Herder, 16 Euro.\"\/><figcaption>Ulrike Herrmann: Das Ende des Kapitalismus, Kiepenheuer und Witsch, 341 Seiten, 24 Euro. Achim Wambach: Klima muss sich lohnen, Herder, 16 Euro.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Angesichts eines im Nachkriegsdeutschland noch nie da gewesenen Wohlstandsverlustes und einer allseits augenf\u00e4lligen Klimakrise, die l\u00e4ngst auch hierzulande durch Trockenheit, Hitze und Starkregen als Bedrohung erlebt wird, stellt sich die Frage: Wie geht es weiter? Das Zukunftsversprechen der Nachkriegsgeneration \u201eUnsere Kinder sollen es besser haben\u201c ist f\u00fcr die Generationen, die nach 1980 geboren wurde, nicht mehr einl\u00f6sbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Derzeit ist die Rede von Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaft. E-Autos ersetzen die Diesel und die Gasheizung wird durch W\u00e4rmepumpen ersetzt. Und wenn das Geld nicht reicht, gibt es einen Wumms oder auch einen Doppelwumms. In dieser Situation hat die TAZ-Journalistin Ulrike Herrmann ein viel beachtetes Buch vorgelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hilft nur Schrumpfen, schreibt sie in ihrem aktuellen Buch \u201eDas Ende des Kapitalismus\u201c. Dabei sieht sich Herrmann gar nicht per se als Kapitalismus-Gegnerin, schlie\u00dflich habe kein anderes Wirtschaftssystem eine solche Dynamik entfaltet. Aber die Antriebsfeder des Kapitalismus ist das Wachstum. \u201eOhne st\u00e4ndige Expansion bricht der Kapitalismus zusammen. In einer endlichen Welt kann man aber nicht unendlich wachsen.\u201c Herrmann rechnet vor, dass schon heute der \u00f6kologische Fu\u00dfabdruck in Deutschland drei Mal so gro\u00df sei, wie es f\u00fcr unser \u00d6kosystem vertr\u00e4glich w\u00e4re, in den USA f\u00fcnf Mal, in Katar 18 mal so gro\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Energieverbr\u00e4uche k\u00f6nnten auf \u00f6kologisch nachhaltige Weise nicht hergestellt werden, schreibt Herrmann. Gr\u00fcnes Wachstum, der Traum aller b\u00fcrgerlichen Parteien, sei nicht erwirtschaftbar. \u201eDiese Aussage mag zun\u00e4chst \u00fcberraschen, schlie\u00dflich schickt die Sonne 5.000-mal mehr Energie zur Erde, als die acht Milliarden Menschen ben\u00f6tigen w\u00fcrden, wenn sie alle den Lebensstandard der Europ\u00e4er genie\u00dfen k\u00f6nnten. [\u2026] Solarpaneele und Windr\u00e4der liefern jedoch nur Strom, wenn die Sonne scheint und der Wind weht. Um f\u00fcr Flauten und Dunkelheit vorzusorgen, muss Energie gespeichert werden \u2013 und dieser Zwischenschritt ist so aufwendig, dass \u00d6kostrom knapp bleiben wird.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In der Folge wird es laut Herrmann kein Wachstum geben. Im Gegenteil. Auch das E-Auto sei ein Irrweg. In der Zukunft m\u00fcssten wir mit weniger Autos, weniger, sogar besser keinen Fl\u00fcgen, und weniger Quadratmetern Wohnfl\u00e4che pro Person auskommen: Gr\u00fcnes Schrumpfen statt gr\u00fcnes Wachstum.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Referenz nennt Herrmann das Jahr 1978. Auf dieses Niveau m\u00fcsse die Wirtschaftsleistung sinken, um zukunftsf\u00e4hig zu sein. Es war ein Jahr, in dem die Menschen durchaus gut gelebt haben: \u201eSeit 1978 hat sich die reale Wirtschaftsleistung in der Bundesrepublik verdoppelt, aber die Zufriedenheit ist seither nicht gestiegen. Auch fr\u00fcher lebte es sich gut.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Klimaneutrales Leben k\u00f6nne eine hohe Qualit\u00e4t haben. Herrmann tr\u00e4umt von einer Welt, \u201edie sch\u00f6ner, leiser, gr\u00fcner, ges\u00fcnder, stressfreier, nachhaltiger und gerechter sein wird\u201c. Und fast theologisch f\u00fcgt sie hinzu: \u201eDer Sinn des Lebens ist nicht, st\u00e4ndig mehr zu konsumieren.\u201c Schlie\u00dflich w\u00fcrden sich viele Deutsche von ihren Besitzt\u00fcmern so erdr\u00fcckt f\u00fchlen, dass die Branche der Ratgeber etwa mit dem Dauerbrenner \u201eSimplify your life\u201c boomt. Herrmann entwirft keine Vision von einem \u201egr\u00fcnen Bullerb\u00fc\u201c. Technische Entwicklung soll es weiter geben. Die entscheidende Frage sei nur: Wie schaffen wir die Transformation?<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Frankfurt, f\u00fchrte Ulrike Herrmann k\u00fcrzlich im Haus am Dom aus, sei dies vor allem am Flughafen und in der Finanzbranche zu sp\u00fcren. Denn die Folge eines solchen wirtschaftlichen Schrumpfungsprozesses sei der Verlust an Arbeitspl\u00e4tzen. Arbeit beispielsweise in der \u00f6kologischen Landwirtschaft oder zum Aufforsten der W\u00e4lder sei genug da, nur eben andere und weitaus schlechter bezahlte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als L\u00f6sung zieht Herrmann die durch Rationierung gekennzeichnete britische Kriegswirtschaft von 1939 heran. Damals teilte die Regierung den privaten Unternehmen Rohstoffe, Kredite und Arbeitskr\u00e4fte zu. Die Einwohner:innen bekamen eine feste Menge Lebensmittel, Extras wie M\u00f6bel konnten \u00fcber ein pers\u00f6nliches \u201ePunktebudget\u201c bezahlt werden. Es war ein gerechtes und darum allseits akzeptiertes System, das die Menschen im Vereinten K\u00f6nigreich so liebten, dass sie es noch bis 1954 beibehielten. \u201eDer Konsum fiel damals um ein Drittel \u2013 und zwar in k\u00fcrzester Zeit. Der deutsche Verbrauch muss \u00e4hnlich drastisch sinken, wenn das Klima gerettet werden soll\u201c, ist Herrmann \u00fcberzeugt.<\/p>\n\n\n\n<p>Man mag an manchen Zahlen Zweifel anmelden, doch dass die Klimakrise ohne Verzicht nicht in Grenzen zu halten sein wird, erscheint mehr als plausibel. Die Frage, wie dieser Wohlstandsverlust politisch zu bew\u00e4ltigen ist, bleibt offen. Doch Ulrike Herrmann sieht durchaus die Gefahren, dass ein solcher Kurs zu gr\u00f6\u00dferen Gefahren am rechten Rand f\u00fchrt. Es bleibt zu hoffen, dass endlich ein gesellschaftlicher Diskurs \u00fcber \u201edie Grenzen des Wachstums\u201c, wie sie der Club of Rome schon 1972 beschrieb, beginnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz anders geht der Volkswirtschaftler Achim Wambach an das Thema heran. Sein Credo: Der Weg aus der Klimakrise muss sich lohnen, denn der Gewinn ist die Antriebskraft des Kapitalismus. Dabei will er die Marktkr\u00e4fte nutzen und entfesseln. Der Weg aus der Klimakrise f\u00fchrt nur \u00fcber eine Reduktion des CO\u00b2-Aussto\u00dfes. Der Hochschullehrer entlarvt die M\u00e4r, dass zur Verwirklichung der Klimaziele allein das Verhalten der Verbraucherinnen und Verbraucher verantwortlich sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Der sogenannte \u00f6kologische Fu\u00dfabdruck, auf den auch Herrmann Bezug nimmt, wurde ganz bewusst von Seiten der Industrie protegiert, um von der politischen Verantwortung abzulenken. Dabei, so Wambach im Gespr\u00e4ch, ben\u00f6tigen wir eine effiziente Klimapolitik, die den Verbrauch klimasch\u00e4dlicher Gase so verteuert, dass es eben f\u00fcr die Unternehmen billiger wird, klimaneutral zu produzieren. Dies geschieht \u00fcber den Emissionshandel, der auch f\u00fcr Kraftstoffe und W\u00e4rme eingef\u00fchrt werden sollte. Nur wird durch diese Verteuerung, die wir gerade aus Gr\u00fcnden des russischen Angriffskrieges erleben, auch ein massiver Wohlstandsverlust herbeigef\u00fchrt. Auch hier wird es zu einem Schrumpfen kommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Politik &amp; Welt von Kurt-Helmuth Eimuth 25. Oktober 2022 Zwei aktuelle B\u00fccher besch\u00e4ftigen sich mit der Frage, wie der Wandel zu einer \u00f6kologisch nachhaltigen Wirtschaft funktionieren kann. Und sind sich einig in dem Fazit: Ohne Schrumpfen wird es nicht gehen. 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