{"id":459,"date":"2009-04-01T20:39:17","date_gmt":"2009-04-01T18:39:17","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=459"},"modified":"2020-12-30T18:55:39","modified_gmt":"2020-12-30T16:55:39","slug":"die-krabbel-offensive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=459","title":{"rendered":"Die Krabbel-Offensive"},"content":{"rendered":"<div id=\"eintrag-1257\">\n<h6>Evangelisches Frankfurt April 2009<\/h6>\n<h2>Die Krabbel-Offensive<\/h2>\n<p>Krabbelstuben sind nichts B\u00f6ses \u2013  vorausgesetzt, die Qualit\u00e4t stimmt. In den n\u00e4chsten vier Jahren will die  evangelische Kirche in Frankfurt tausend neue Pl\u00e4tze f\u00fcr Kinder unter  drei Jahren schaffen und ihr derzeitiges Angebot damit fast  verf\u00fcnffachen. Die Bed\u00fcrfnisse und Bildungschancen der Kinder selbst  stehen dabei im Mittelpunkt.<\/p>\n<p>Es ist ein sonniger Tag, und die Kinder in der evangelischen  Krabbelstube in Zeilsheim freuen sich, raus zu kommen \u2013 eifrig steigen  sie in ihre Stiefel und Anoraks und toben kurz darauf im Au\u00dfengel\u00e4nde  herum. Lena hingegen ist m\u00fcde und hat sich in ihr Bettchen im Schlafraum  gelegt, Samantha knabbert an ihrem Tischchen an einem Brot, w\u00e4hrend der  kleine Stefan, der noch nicht laufen kann, auf eigene Faust den Raum  erkundet. \u201eBei uns machen nie alle Kinder zur gleichen Zeit dasselbe\u201c,  sagt Leiterin Tanja Stadtm\u00fcller, \u201ewir passen uns ganz dem Rhythmus jedes  einzelnen Kindes an.\u201c<\/p>\n<div><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/evangelischesfrankfurt.de\/images\/2009\/04\/seite03_oben.jpg\" alt=\"Neuank\u00f6mmling Jarne wei\u00df noch nicht genau, ob es ihm in der Krabbelstube gef\u00e4llt. Aber er hat ja Zeit, sich daran zu gew\u00f6hnen \u2013 mindestens vier Wochen lang sind Mama oder Papa jederzeit erreichbar. | Foto: Ilona Surrey\"><\/p>\n<div>\n<div>Neuank\u00f6mmling  Jarne wei\u00df noch nicht genau, ob es ihm in der Krabbelstube gef\u00e4llt.  Aber er hat ja Zeit, sich daran zu gew\u00f6hnen \u2013 mindestens vier Wochen  lang sind Mama oder Papa jederzeit erreichbar.<\/div>\n<div>Foto: Ilona Surrey<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Dreh- und Angelpunkt dieses Konzeptes, das sich an den Vorschl\u00e4gen  der ungarischen Kinder\u00e4rztin Emmi Pikler orientiert, ist die Beziehung  zwischen Erzieherin und Kind. So ist in der Eingew\u00f6hnungsphase, die in  der Regel vier bis sechs Wochen dauert, eine einzige Erzieherin f\u00fcr das  Kind zust\u00e4ndig \u2013 wird sie krank, muss der Eingew\u00f6hnungsprozess  unterbrochen werden. \u201eNur wenn die Bindung zwischen Kind und einer  festen Bezugsperson stark und sicher ist, wird es anfangen, die Umgebung  aktiv zu erkunden\u201c, sagt Vanessa Hoch, die im Diakonischen Werk f\u00fcr  Frankfurt die fachliche Ausrichtung betreut.<\/p>\n<p>Es ist jedoch nicht immer leicht, konsequent die Bed\u00fcrfnisse der  Kinder in den Mittelpunkt zu stellen. Da komme es vor, dass Eltern sich  beklagen, wenn ihre Kleinen am Nachmittag zu lange geschlafen haben \u2013  weil sie dann am Abend wach sind und besch\u00e4ftigt werden wollen. Andere  fragen schon in der Krabbelstube nach Fr\u00fchenglisch und sind skeptisch,  wenn die Erzieherinnen die Kleinen nicht st\u00e4ndig \u201ebespielen\u201c und beim  Lernen vorantreiben.<\/p>\n<p>Vielleicht ist diese Erwartungshaltung kein Wunder, denn schlie\u00dflich  wurde der massive Ausbau von Krippenpl\u00e4tzen in Deutschland nicht zuerst  aus p\u00e4dagogischen, sondern vielmehr aus wirtschaftlichen und  ordnungspolitischen Gr\u00fcnden angesto\u00dfen: Junge Frauen sollen dem  Arbeitsmarkt zur Verf\u00fcgung stehen und der Nachwuchs \u201ebildungsferner\u201c  Schichten m\u00f6glichst fr\u00fch gef\u00f6rdert werden. Auch Tanja Stadtm\u00fcller wei\u00df  um den Druck, dem viele Eltern heute im Alltag ausgesetzt sind. \u201eDeshalb  bem\u00fchen wir uns sehr, ihnen m\u00f6glichst entgegen zu kommen.\u201c Feste Bring-  und Abholzeiten gibt es nicht, Verbesserungsvorschl\u00e4ge sind jederzeit  willkommen.<\/p>\n<div><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/evangelischesfrankfurt.de\/images\/2009\/04\/seite03_mitte.jpg\" alt=\"Wann immer die Kleinen Hunger haben, gibt's etwas zu essen. Die W\u00fcnsche der Kinder werden von den Erzieherinnen sehr ernst genommen. | Foto: Ilona Surrey\"><\/p>\n<div>\n<div>Wann  immer die Kleinen Hunger haben, gibt\u2019s etwas zu essen. Die W\u00fcnsche der  Kinder werden von den Erzieherinnen sehr ernst genommen.<\/div>\n<div>Foto: Ilona Surrey<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Viel zu lange sind in Deutschland Familien und \u00f6ffentliche  Einrichtungen beim Thema Kleinkinderbetreuung gegeneinander ausgespielt  worden. Es wird h\u00f6chste Zeit, dass sie an einem Strang ziehen. \u201eDer Weg  zu einer Institutionalisierung der Kinderbetreuung auch unter drei  Jahren ist richtig und notwendig\u201c, bekr\u00e4ftigt Pfarrer Michael Frase, der  Leiter des Diakonischen Werkes f\u00fcr Frankfurt. Auch in der Kirche \u2013  lange Zeit ein Hort \u00fcberkommener Familienmodelle \u2013 hat sich diese  Erkenntnis inzwischen durchgesetzt.<\/p>\n<p>Beim Ausbau der Krabbelstuben d\u00fcrfe es aber nicht einfach um  \u201eBetreuungspl\u00e4tze\u201c gehen, sondern vielmehr um Bildung, ist der   zust\u00e4ndige Arbeitsbereichsleiter Kurt-Helmuth Eimuth \u00fcberzeugt. Wobei  sich der Bildungsbegriff nicht l\u00e4nger an dem klassischen Schulmodell  orientiert, wo die Lehrer vorgeben, was wann gelernt wird. Eher steht  das Verhalten einer Mutter Modell, die verl\u00e4sslich da ist, dem Kind  erkl\u00e4rt, was es wissen will, und ihm im ganz normalen Lebensalltag  Anregungen bietet.<\/p>\n<p>\u201eDer Mensch lernt durch Nachahmung, Ausprobieren und Kommunikation\u201c,  erl\u00e4utert Eimuth diesen Prozess. Material dazu gibt es in den  Krabbelstuben zur Gen\u00fcge: Holzrampen und Treppen, Sachen zum R\u00fctteln,  Betasten, Auf- und  Zuschrauben. \u201eWir nehmen gerne Alltagsgegenst\u00e4nde\u201c,  sagt Tanja Stadtm\u00fcller und deutet auf leere Plastikflaschen, Cremedosen,  bemalte W\u00fcrfel und vieles mehr, das auf den Entdeckungsdrang der  Kleinsten wartet. Die Erzieherinnen fragen regelm\u00e4\u00dfig nach den W\u00fcnschen  der Kinder und erkl\u00e4ren ihnen alles, was sie selbst tun. Besondere  Aufmerksamkeit gilt dem Windelwechseln, das nicht etwa als l\u00e4stige  Notwendigkeit, sondern als wichtiger Teil des Bildungsprozesses  verstanden wird. \u201eDiese intime Interaktion tr\u00e4gt ganz entscheidend zur  Vertrauensbildung bei\u201c, sagt Vanessa Hoch. Wobei das Kind selbst  entscheidet, wann die Windel gewechselt werden soll.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr viele Erzieherinnen ist so ein Konzept eine  Herausforderung. \u201eSie m\u00fcssen lernen, sich selbst zur\u00fcckzunehmen und die  Kinder machen zu lassen.\u201c<\/p>\n<p>In den meisten Ausbildungsg\u00e4ngen gibt es in punkto Fr\u00fchp\u00e4dagogik  jedoch noch einen gewissen Nachholbedarf. Forderungen nach einer  Akademisierung der Erzieherinnenausbildung sieht Kurt-Helmuth Eimuth  zwiesp\u00e4ltig. Er setzt eher auf differenzierte Ausbildungsg\u00e4nge und  \u201emultiprofessionelle\u201c Teams: akademisch ausgebildete  \u201eBildungsorganisatorinnen\u201c in der Einrichtungsleitung, dazu  Spezialistinnen f\u00fcr interkulturelle oder religi\u00f6se Bildung, die mit  ihren Fachkenntnissen diejenigen unterst\u00fctzen, die als erste  Bezugspersonen f\u00fcr die Kinder da sind.<\/p>\n<p>Antje Schrupp<\/p>\n<h3>Frankfurt braucht 4500 zus\u00e4tzliche Erzieherinnen<\/h3>\n<p>Ab dem Jahr 2013 haben Eltern in Deutschland einen Rechtsanspruch  auf einen Krabbelstuben-Platz f\u00fcr ihre Kinder. Zust\u00e4ndig sind die  Kommunen. F\u00fcr die Stadt Frankfurt hei\u00dft das: In nur vier Jahren m\u00fcssen  rund 5500 neue Pl\u00e4tze geschaffen werden. Die evangelische Kirche will  sich mit 1000 neuen Pl\u00e4tzen an diesem gewaltigen Ausbau beteiligen.  Daf\u00fcr ist ein Bauvolumen von rund 20 Millionen Euro vorgesehen,  finanziert ganz \u00fcberwiegend von der Kommune sowie aus Landes- und  Bundeszusch\u00fcssen.<\/p>\n<p>Dabei stellen sich vor allem zwei Probleme. Erstens gilt es,  geeignete Liegenschaften zu finden. Sie m\u00fcssen aus Sicherheitsgr\u00fcnden im  Erdgeschoss liegen und \u00fcber ein Au\u00dfengel\u00e4nde verf\u00fcgen \u2013 keine leichte  Sache, vor allem im Innenstadtbereich. Noch schwieriger wird es jedoch  sein, gen\u00fcgend Erzieherinnen zu finden. Die Stadt Frankfurt sch\u00e4tzt den  Bedarf in den kommenden vier Jahren auf 4500 zus\u00e4tzliche Kr\u00e4fte. Dem  stehen aber in diesem Zeitraum nur rund 1500 Absolventinnen und  Absolventen der Berta-Jourdan-Schule gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Antje Schrupp<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Evangelisches Frankfurt April 2009 Die Krabbel-Offensive Krabbelstuben sind nichts B\u00f6ses \u2013 vorausgesetzt, die Qualit\u00e4t stimmt. In den n\u00e4chsten vier Jahren will die evangelische Kirche in Frankfurt tausend neue Pl\u00e4tze f\u00fcr Kinder unter drei Jahren schaffen und ihr derzeitiges Angebot damit fast verf\u00fcnffachen. Die Bed\u00fcrfnisse und<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,654,11],"tags":[163,58,26,181,28,195],"class_list":["post-459","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-kita","category-presse","tag-ausbau","tag-kinder","tag-kita","tag-krabbel","tag-padagogik","tag-pikler"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/459","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=459"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/459\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3936,"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/459\/revisions\/3936"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=459"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=459"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=459"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}