{"id":445,"date":"2009-07-01T18:58:54","date_gmt":"2009-07-01T18:58:54","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=445"},"modified":"2009-07-01T18:58:54","modified_gmt":"2009-07-01T18:58:54","slug":"ich-gestehe-jedem-seine-eigene-glaubenswahrheit-zu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=445","title":{"rendered":"\u201eIch gestehe jedem seine eigene Glaubenswahrheit zu\u201c"},"content":{"rendered":"<div id=\"eintrag-1537\">\n<h6>Evangelisches Frankfurt Juli 2009<\/h6>\n<h2>\u201eIch gestehe jedem seine eigene Glaubenswahrheit zu\u201c<\/h2>\n<h4>Kirchenpr\u00e4sident Volker Jung spricht mit  \u201eEvangelisches Frankfurt\u201c \u00fcber die Aufgabe der Kirche in globalen  Krisenzeiten und die Chancen f\u00fcr den Dialog der Religionen.<\/h4>\n<p>Herr Jung, Sie kommen aus dem Vogelsberg und arbeiten jetzt in  Darmstadt, dem Sitz der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau \u2013  verbindet Sie auch etwas mit Frankfurt?<\/p>\n<blockquote><p>Ich finde Frankfurt hoch spannend und bin gerne hier. Ganz  abgesehen davon, dass ich seit meinem sechsten Lebensjahr Eintracht  Frankfurt-Fan bin und mir diese Stadt daher schon immer emotional etwas  bedeutet hat.<\/p><\/blockquote>\n<div><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/evangelischesfrankfurt.de\/images\/2009\/07\/seite03_oben.jpg\" alt=\"Volker Jung beim Redaktionsgespr\u00e4ch. Der 49-J\u00e4hrige ist seit Anfang dieses Jahres Kirchenpr\u00e4sident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Seine Amtszeit betr\u00e4gt acht Jahre. Vorher war Jung Pfarrer in Lauterbach und Dekan im Vogelsbergkreis. | Foto: Rolf Oeser\" \/><\/p>\n<div>\n<div>Volker  Jung beim Redaktionsgespr\u00e4ch. Der 49-J\u00e4hrige ist seit Anfang dieses  Jahres Kirchenpr\u00e4sident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.  Seine Amtszeit betr\u00e4gt acht Jahre. Vorher war Jung Pfarrer in Lauterbach  und Dekan im Vogelsbergkreis.<\/div>\n<div>Foto: Rolf Oeser<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>In guten wie in schlechten Zeiten?<\/p>\n<blockquote><p>In guten wie in schlechten Zeiten, davon bin ich nie abgewichen!  Eine sehr sch\u00f6ne Sache f\u00fcr mich war es auch, den Pfingstgottesdienst auf  dem R\u00f6merberg mitzufeiern. Da sind sicher viele Menschen gewesen, die  ansonsten gar nicht in die Kirche gehen. In einer Gro\u00dfstadt hat die  Kirche schon tolle Chancen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Welche Impulse sollten denn von Frankfurt f\u00fcr die Landeskirche insgesamt ausgehen?<\/p>\n<blockquote><p>Wir brauchen offene, einladende Kirchen, wo Menschen aus  unterschiedlichen Milieus erreicht werden. Die Stadt bietet da besondere  M\u00f6glichkeiten f\u00fcr experimentelle Projekte und kann eine Vorreiterrolle  haben. Aber ich w\u00fcrde den Gegensatz von Stadt und Land gar nicht so gro\u00df  machen. Es gibt ja auch in Frankfurt Stadtteile, in denen noch das  traditionelle Gemeindeleben in einem durchaus d\u00f6rflichen Sinn gelebt  wird. Das darf nicht kaputt gehen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Sie sind angetreten als ein Kirchenpr\u00e4sident, der die Kirche nicht  nur verwalten, sondern auch geistliche Impulse setzen will. Welche  Impulse braucht eine von Finanzkrisen und Klimawandel bedrohte Welt?<\/p>\n<blockquote><p>Die Welt braucht erstens eine geistlich begr\u00fcndete Gelassenheit.  Wer sich von Gott getragen wei\u00df, ist hoffentlich vor hektischem  Krisenaktivismus etwas besser gefeit. Und zweitens braucht sie ein  Krisenmanagement, das auf das langfristige Wohl aller bedacht ist. Auf  Krisen reagieren viele mit Entsolidarisierung. Pl\u00f6tzlich geht es nur  noch darum, die eigenen Sch\u00e4fchen ins Trockene zu bringen. Die Welt  braucht aber Entwicklungen, die das Leben in den heutigen globalen  Beziehungen ernst nimmt, und das gilt sowohl f\u00fcr das Klima als auch f\u00fcr  die Wirtschaft. Unser Glaube ruft uns nicht zum Kampf der Starken gegen  die Schwachen, sondern er ruft uns in eine globale Solidarit\u00e4t. Dabei  geht es nicht nur um die gro\u00dfen politischen Fragen, sondern auch um  unsere Glaubw\u00fcrdigkeit als Christen und als Kirche, um die Frage nach  dem pers\u00f6nlichen Lebensstil: Was mache ich selber? Es geht darum, das  Glaubensleben und das wache Aufnehmen gesellschaftlicher Fragen  zusammenzubringen.<\/p><\/blockquote>\n<p>In die Schlagzeilen geraten ist im Streit um den Hessischen  Kulturpreis das Verh\u00e4ltnis der Kirche zum Islam. Wie steht es aus Ihrer  Sicht um den Dialog?<\/p>\n<blockquote><p>Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass man sich gerade im Blick auf die  Fragen der Weltverantwortung, die ja in jeder Religion vorkommen,  verst\u00e4ndigt und gemeinsam fragt, vor welchen Herausforderungen wir  stehen. Vielleicht ist die Orientierung an ethischen Fragen dabei  dialogf\u00e4higer als die Orientierung an den dogmatischen Fragen. Wobei  nat\u00fcrlich beides zusammengeh\u00f6rt. Es muss auch Platz sein, sich die  dogmatischen Glaubensauffassungen gegenseitig zu sagen und sie  nebeneinander stehen zu lassen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Sind Allah und Gott letztlich nicht dasselbe?<\/p>\n<blockquote><p>Auf eine einfache Form gebracht w\u00fcrde ich sagen: Wir glauben zwar  an einen Gott, aber wir beschreiben ihn in unterschiedlicher Weise.<\/p><\/blockquote>\n<p>Zur gesellschaftlichen Verantwortung geh\u00f6rt auch, Kinder im Sinne  des friedlichen Zusammenlebens zu erziehen. Da hat die Kirche mit ihren  vielen Kindertagesst\u00e4tten ein gro\u00dfes Bet\u00e4tigungsfeld. Wa\u00adrum beharrt die  evangelische Kirche darauf, nur christliche Erzieherinnen einzustellen?<\/p>\n<blockquote><p>Diese Frage wird bei uns kontrovers diskutiert. Einerseits haben  wir als Kirche den verst\u00e4ndlichen Wunsch, dass in unseren Einrichtungen  ein deutliches evangelisches Profil erkennbar ist. Aus meiner Sicht kann  das bei einer Kindertagesst\u00e4tte, in der viele muslimische Kinder sind,  aber auch so erf\u00fcllt werden, dass man \u00fcberlegt, ob eine muslimische  Erzieherin dem Team und den Kindern gut tun w\u00fcrde. In diesem Sinn denkt  die Synode \u00fcber eine \u00c4nderung der Richtlinien nach.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ihr Vorg\u00e4nger im Amt, Peter Steinacker, vertrat im Interview mit  \u201eEvangelisches Frankfurt\u201c die Auffassung, dass der Buddhismus f\u00fcr das  Christentum eigentlich eine gr\u00f6\u00dfere Herausforderung darstellt als der  Islam. Gerade in Zusammenhang mit dem Besuch des Dalai Lama ist das ein  spannendes Thema. Wie sehen Sie das?<\/p>\n<blockquote><p>Nat\u00fcrlich haben wir so etwas wie einen Markt der Religionen, und  darin gibt es viele Mitbewerber. Aber ob man das gewichten kann? Ich  glaube, dass jedes religi\u00f6se Gespr\u00e4ch dazu f\u00fchrt, das Eigene deutlicher  zu erkennen. Da kann man sich durchaus fragen, warum es manche Menschen  zum Buddhismus zieht oder andere den Islam attraktiv finden. Ein guter  religi\u00f6ser Dialog gibt beidem Raum: dem gegenseitigen Befragen und dem  kritischen Nachfragen an das Eigene.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und warum ist f\u00fcr Sie das Christentum attraktiv?<\/p>\n<blockquote><p>Der Glaube, in dem man gro\u00dfgeworden ist, hat eine tiefe,  lebensgeschichtliche Verankerung und eine gro\u00dfe Pr\u00e4gekraft, sodass man  immer mit der eigenen Religion eine h\u00f6here Identifikation empfindet als  mit einer anderen Religion. Ich sch\u00e4tze am christlichen Glauben sehr,  dass der Mensch als Individuum gesehen wird und zugleich auch als  gesellschaftliches Wesen. Und dass der Begriff der Freiheit, die in  Liebe begr\u00fcndet wird, eine gro\u00dfe Rolle spielt. Aber niemand  kann in  einem absoluten Sinn sagen: Ich kenne die einzige Wahrheit. Sicher, ich  habe subjektiv meine Glaubenswahrheit, aber ich gestehe jedem, mit dem  ich rede, seine eigene Glaubenswahrheit zu. Auf dieser Ebene k\u00f6nnen  Wahrheitsanspr\u00fcche dann durchaus auch konkurrieren.<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Zuge der Finanzkrise ist ja auch die finanzielle Situation der  Kirche wieder angespannter. Wie sehen Sie da die Perspektiven f\u00fcr die  Zukunft?<\/p>\n<blockquote><p>Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hat gl\u00fccklicherweise  in den zur\u00fcckliegenden Jahrzehnten eine gute Finanzpolitik gemacht. Das  hei\u00dft, wir haben R\u00fccklagen, die uns in die Lage versetzen, zwei oder  drei schwierige Jahre ungef\u00e4hr auf dem jetzigen Haushaltsniveau  durchzuhalten. Dass wir uns perspektivisch auf Zeiten einstellen m\u00fcssen,  in denen uns weniger Finanzkraft zur Verf\u00fcgung steht, das ist ja l\u00e4ngst  in unseren Sparbem\u00fchungen mit drin. Ich glaube allerdings nicht, dass  wir eine Zielperspektive entwickeln k\u00f6nnen, die bedeutet, dass wir  einzelne Arbeitsbereiche v\u00f6llig brachlegen. Insgesamt werden wir wohl in  allen Bereichen k\u00fcrzen m\u00fcssen. Aber wir hoffen nat\u00fcrlich sehr, dass die  Krise \u00fcberwunden werden kann und es dann auch wieder einmal in eine  andere Richtung geht.<\/p><\/blockquote>\n<p>Interview: Antje Schrupp und Kurt-Helmuth Eimuth<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Evangelisches Frankfurt Juli 2009 \u201eIch gestehe jedem seine eigene Glaubenswahrheit zu\u201c Kirchenpr\u00e4sident Volker Jung spricht mit \u201eEvangelisches Frankfurt\u201c \u00fcber die Aufgabe der Kirche in globalen Krisenzeiten und die Chancen f\u00fcr den Dialog der Religionen. 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