{"id":4253,"date":"1999-03-11T08:56:00","date_gmt":"1999-03-11T06:56:00","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=4253"},"modified":"2021-02-14T09:00:34","modified_gmt":"2021-02-14T07:00:34","slug":"die-bergpredigt-ist-konkretion-der-liebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=4253","title":{"rendered":"Die Bergpredigt ist Konkretion der Liebe"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Die Bergpredigt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>11.3.1999<\/p>\n\n\n\n<p>Einer der bekanntesten und wichtigsten Texte des NT ist die Bergpredigt.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr viele ist sie der Inbegriff der Botschaft Jesu und das Dokument, das den Kern des christlichen Glaubens un\u00fcberbietbar zum Ausdruck bringt. Wer sich auf sie beruft, beruft sich auf Jesus selbst und ist sich bewu\u00dft, im Geiste Jesu zu handeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bergpredigt ist ein Text, der entscheidende Elemente der Verk\u00fcndigung Jesu \u00fcberliefert. Doch mu\u00df man sich klar machen, da\u00df es sich hier nicht um eine Predigt Jesu, sondern um eine Redekomposition des Evangelisten Matth\u00e4us handelt. Eine parallele Rede findet sich bei Lukas (6, 20-49). Der Grundbestand der Bergpredigt\/Feldrede stammt aus der Spruchquelle. Mt hat diesen zu einem gro\u00dfen Redekomplex ausgebaut.<\/p>\n\n\n\n<p>An verschiedenen Stellen mu\u00df man damit rechnen, da\u00df Mt die Worte Jesu auch inhaltlich ver\u00e4ndert wiedergibt. Z.B. Bei Lukas werden die Armen wie andere Gruppen von Leidenden und Benachteiligten unmittelbar angesprochen (\u201eIhr\u201c); Matth\u00e4us spricht von \u201eArmen im Geiste\u201c und formuliert allgemein: \u201eSelig sind dienjenigen, die&#8230;\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Forderungen, die Jesus in der Bergpredigt erhebt, kennzeichnet eine nicht \u00fcberbietbare Radikalit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon fr\u00fch hat sich in der Kirchengeschichte die Frage der Erf\u00fcllbarkeit der Bergpredigt erhoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Eher die Randgruppen haben sich entschieden auf die Bergpredigt berufen. Die M\u00f6nchsorden des Mittelalters, die sog. T\u00e4ufer in der Zeit der Reformation, Freikirchen wie etwa die Qu\u00e4ker oder die Mennoniten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits in <strong>urchristlicher Zeit<\/strong> ist die Problematik der Bergpredigt sichtbar in einer Schrift aus dem ersten Jahrhundert, der Didache, dort hei\u00dft es: \u201eWenn du das ganze Joch des Herrn tragen kannst, wirst du vollkommen sein; kannst du das aber nicht, dann halte, was du kannst\u201c. Nicht alle Gemeindeglieder werden hier auf Jesu radikale Forderung verpflichtet, sonden die \u201eVollkommenen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies nun f\u00fchrt zum Umgang mit der Bergpredigt im <strong>Mittelalter<\/strong>. Die Zehn Gebote werden f\u00fcr allgemein verbindlich erkl\u00e4rt. Sie zu halten ist n\u00f6tig f\u00fcr das Heil. Daneben gibt es aber die \u201eVollkommenen\u201c, die sich an die Bergpredigt halten und damit besondere Verdienste erwerben. Zu diesen z\u00e4hlen z.B. die Bettelm\u00f6nche, allen voran Franziskus von Assisi, dessen Leben und Lehre ganz durch die Bergpredigt bestimmt ist: Besitzverzicht, Verwirklichung von Barmherzigkeit und Demut, Feindesliebe, Frieden stiften, nicht richten, nicht sorgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <strong>b\u00f6hmischen Br\u00fcder<\/strong>, eine Reformbewegung im Mittelalter haben sich ebenfalls ganz entschieden auf die Bergpredigt berufen. Die Bergpredigt war f\u00fcr sie Lebensgesetz und f\u00fcr alle Glieder verbindlich. Besonders hervorgehoben wurden die Gebote: Nicht z\u00fcrnen, nicht begehren, sich nicht scheiden lassen, nicht schw\u00f6ren, dem \u00dcbel nicht widerstehen, die Feinde lieben.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr <strong>Luther<\/strong> richtet sich die Bergpredigt an alle Christen. Im Zentrum seines Interesses steht die Einstellung zum irdischen Besitz, das Verhalten zum N\u00e4chsten und die Bereitschaft zum Leiden. Er war \u00fcberzeugt, da\u00df das Befolgen der Bergpredigt die Christen gleichsam zu Narren macht und in Verfolgungssituationen hineinf\u00fchrt. An der Verbindlichkeit der Bergpredigt macht er keine Abstiche. Dennoch wird sie f\u00fcr ihn zum asketischen Ideal. Er sieht mit N\u00fcchternheit die Realit\u00e4ten der Welt und nimmt sie mit ihrem Recht und ihren Ordnungen, ihren M\u00e4chten und Strukturen und ihren Gefahren ernst. F\u00fcr die Christen gilt, dem B\u00f6sen zu widerstehen, mit Vernunft f\u00fcr Recht zu sorgen und vor Gewalt und Zerst\u00f6rung zu sch\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im <strong>Luthertum<\/strong> gibt es ein Verst\u00e4ndnis von besonderer Art. Hier wird die Frage der Erf\u00fcllbarkeit der radikalen Forderungen Jesu nicht nur verneint. In der Nicht-Erf\u00fcllbarkeit liegt vielmehr ihr eigentlicher Sinn. Durch sie soll sich der Mensch seiner Verlorenheit und Erl\u00f6sungsbed\u00fcrftigkeit bewu\u00dft werden. Jegliche Art menschlicher Selbstgerechtigkeit wird der Boden entzogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <strong>liberale Theologie<\/strong> des 19. Jahrhunderts l\u00f6st das Problem ganz anders. Im Sinne eines Gesetzes sei die Bergpredigt mi\u00dfverstanden. Worauf Jesus abzielt, ist die Gesinnung. Gemeint ist: Der Mensch ist bis in das innerste Wesen hinein in Anspruch genommen; mit \u00e4u\u00dferem Tun, einzelnen Taten, und seien sie noch so bewunderungsw\u00fcrdig, kann man dem, was Jesus fordert, nicht gerecht werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Albert Schweitzer<\/strong> (1906) hat erkannt, da\u00df die Verk\u00fcndigung Jesu durch und durch eschatologisch, d.h. durch die N\u00e4he der Gottesherrschaft bestimmt. Die Forderungen Jesu sind nur durch die Naherwartung zu verstehen. In diesem Sinne sind die Weisungen der Bergpredigt aber \u201ezeitgebunden\u201c. Nachdem die Naherwartung sich nicht erf\u00fcllt hat, ist die \u201eZeit\u201c ihrer G\u00fcltigkeit vorbei. F\u00fcr die Gestaltung eines christlichen Lebens in der Welt und Zeit, wie sie heute erfahren wird, k\u00f6nnen sie so nicht gelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders die <strong>Religi\u00f6sen Sozialisten<\/strong>, sie betonen, da\u00df es der Bergpredigt auf entschiedenes Tun ankommt. F\u00fcr Leonhard Ragaz ist die Bergpredigt eine gro\u00dfe Hilfe angesichts der desolaten Weltlage, des Zusammenbruches unserer Kultur. F\u00fcr Ragaz ist die Bergpredigt revolution\u00e4r im Blick auf den Umsturz der Werte, Gesetze und Regeln, die im gesellschaftlich-politischen Leben gelten.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr <strong>Mahatma Gandhi<\/strong> war sie Ansto\u00df zu seinem Programm der Gewaltlosigkeit bzw. des gewaltlosen Kampfes gegen die Unterdr\u00fcckung.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr <strong>Martin Luther King<\/strong> f\u00fchrte das Gebot der Feindesliebe zu der Einsicht, da\u00df nicht Ha\u00df und Gewalt den gerechten Kampf gegen die Rassentrennung mitbestimmen d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mt 5, 17-48 Die Antithesen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Einem Gesetz des AT wird das \u201eIch aber sage euch\u201c von Jesus gegen\u00fcbergestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Antithesen beziehen sich auf Forderungen der Tora. Sie wollen diese aber nicht aufheben, sondern \u201eerf\u00fcllen\u201c. Matth\u00e4us denkt dabei aber nicht, oder nicht ausschlie\u00dflich daran, da\u00df Jesus die Tora \u201eerf\u00fcllt\u201c, indem er sie befolgt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eErf\u00fcllen\u201c bedeutet: \u201einterpretieren\u201c. In Jesu Interpretation gehen die Forderungen der Tora an die Wurzel menschlicher Existenz, konfrontieren sie mit dem unverstellten Willen Gottes.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Inhalte und Bedeutung der Bergpredigt sind Konkretionen der \u201eLiebe\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ragaz:<\/p>\n\n\n\n<p>Du sollst da B\u00f6se nicht mit seinen eigenen Mitteln bek\u00e4mpfen. Du sollst nicht Unrecht mit Unrecht, L\u00fcge mit L\u00fcge, Gewalt mit Gewalt bekriegen. Du sollst dem B\u00f6sen nicht auf der gleichen Ebene entgegenstehen. Du sollst dich nicht an der Regel der Welt orientieren, sondern an Gott. Du sollst gr\u00f6\u00dfer sein als das B\u00f6se. Du darfst dich nicht in dein blo\u00dfes Recht, das Rache-Recht ist, verstricken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bergpredigt 11.3.1999 Einer der bekanntesten und wichtigsten Texte des NT ist die Bergpredigt. F\u00fcr viele ist sie der Inbegriff der Botschaft Jesu und das Dokument, das den Kern des christlichen Glaubens un\u00fcberbietbar zum Ausdruck bringt. 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