{"id":4172,"date":"2007-03-28T12:20:00","date_gmt":"2007-03-28T10:20:00","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=4172"},"modified":"2021-02-13T12:27:21","modified_gmt":"2021-02-13T10:27:21","slug":"paul-gerhardt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=4172","title":{"rendered":"Paul Gerhardt"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">O Haupt voll Blut und Wunden<\/h2>\n\n\n\n<p><strong>Andacht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>28.03.07<\/strong>, Heiliggeistkirche<\/p>\n\n\n\n<p>Kurt-Helmuth Eimuth<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Orgelvorspiel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Lied: 341, 1-4 Nun freut euch lieben<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Psalm Nr. 751<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ansprache:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>O Haupt voll Blut und Wunden<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Soldaten packten Jesus und f\u00fchrten ihn auf einen H\u00fcgel vor der Stadt. Dort nagelten sie ihn an ein Kreuz. Gleichzeitig wurden auch zwei Verbrecher gekreuzigt, einer auf jeder Seite von Jesus.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ist das eine Geschichte f\u00fcr Kinder? Kann man wirklich eine so grauenhafte Handlung Kindern erz\u00e4hlen?<\/p>\n\n\n\n<p>Vor gut einer Woche befragte ich hier in der Heiliggeistkirche den Religionsp\u00e4dagogen Frieder Harz. In seiner Antwort betonte er, dass wir ja schon den Ausgang des Geschehens kennen. Ertr\u00e4glich wird der Karfreitag also durch Ostern. Und genau so kann und darf man es weitererz\u00e4hlen. Erst durch die Auferstehung wird Jesu Tod aushaltbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch das eben gesungene Lied von Paul Gerhardt leugnet den Schmerz und das Leid nicht. Im Gegenteil. Der Anblick eines gefolterten Menschen schmerzt. Er ist schwer auszuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Dichter identifiziert sich mit dem Schicksal Jesu, der sein Leben am Kreuz f\u00fcr andere hingibt. Er f\u00fchlt sich in seiner Vorstellung in das qualvolle Leiden und Sterben Jesu ein. So wird er auf eine Wirklichkeit gesto\u00dfen, die wir normalerweise eher verdr\u00e4ngen, um in unserer Gem\u00fctsruhe nicht gest\u00f6rt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Paul Gerhardt wei\u00df, wovon er spricht, wenn er vom Leiden spricht. Das h\u00f6rt man in jedem Wort. Man h\u00f6rt, dass er das Leiden und die Schuld, die Todesangst und die Sehnsucht nach Erl\u00f6sung mit eigenen Augen gesehen hat. Man h\u00f6rt, dass er selbst empfunden hat, wovon er spricht.<br>Man h\u00f6rt, dass jedes Wort das Ergebnis eines langen Kampfes ist.<br>Er spricht ganz einfach vom Leiden und mit einer innigen, unvergesslichen, Jahrhunderte haltbaren W\u00e4rme.<br>Das Leiden von uns Menschen, so meint Paul Gerhardt, fasst sich zusammen ein f\u00fcr alle mal im Leiden des Menschensohns, im Leiden des Mannes, dem man sein Leben genommen hat, obwohl er niemandem etwas B\u00f6ses getan hatte. Den man vom Angesicht der Erde getilgt hat, obwohl er doch die Menschheit retten will.<br><br>Die meisten Lieder von Paul Gerhardt sind Passionslieder und dieses eine, \u201eO Haupt voll Blut und Wunden\u201c, das ist das Passionslied unter den Passionsliedern.<br><br>Es ist das Lied, das f\u00fcr jeden, der es singt, ganz und gar unvergesslich bleiben wird, denn jeder, der es singt, malt im eigenen Inneren ein Bild. Das Bild eines ohnm\u00e4chtigen, hilflosen, verratenen, gefolterten Menschen.<br><br>Ich muss ganz genau hinschauen auf das Bild der Ohnmacht, wenn ich dieses Lied singe, Strophe f\u00fcr Strophe. Der Poet zwingt mich dazu, ganz genau hinzuschauen.<br>Jeden Tag sterben auf dem Bildschirm unseres Fernsehers Hunderte von Menschen. Wir sehen ihre Fotos in den Nachrichten, wir sehen Leichen im Krimi und im Western.<br>Der Tod ist allgegenw\u00e4rtig und er kommt schnell.<br><br><br><\/p>\n\n\n\n<p>Junge Menschen, so sagen Wissenschaftler, bekommen heute den Eindruck, das mit dem Sterben sei doch eine ziemlich schnelle und schmerzfreie Sache. Junge Menschen, so die Wissenschaftler, die empfinden auch nicht viel, wenn einer auf dem Bildschirm Schmerzen hat oder in Todesgefahr ger\u00e4t. Das Empfinden des Mitleids kann durch die Geschwindigkeit der Bilder im Fernsehen gar nicht geweckt werden. Man schaut weg, obwohl man hinschaut.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Ganz anders bei Paul Gerhardt. Sein Passionslied ist die geschaute, die gesungene Langsamkeit. Ganz langsam, Vers f\u00fcr Vers. Paul Gerhardt lehrt uns genau hinschauen. Er malt ein Bild, das wir im Inneren vervollst\u00e4ndigen, er zeichnet einen Kopf, dem wir das Gesicht verleihen.<br>Wir malen unseren eigenen Christuskopf. Und es sind unsere Passionen, die beim Singen ein Gesicht bekommen.<br><br>Als erstes erscheint das Haupt: o Haupt voll Blut und Wunden voll Schmerz und voller Hohn.<br>Paul Gerhardt musste sich das Gesicht eines verh\u00f6hnten gefolterten Opfers nicht vorstellen. Der drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg, die Zeit in der er lebte, produzierte Millionen solcher Opfer.<br><br><br><\/p>\n\n\n\n<p>Paul Gerhardt wollte, dass wir uns den leidenden Menschen mit Liebe n\u00e4hern.<br>Weil wir uns auch dem leidenden Gottessohn singend mit Liebe n\u00e4hern.<br><br><br><\/p>\n\n\n\n<p>Paul Gerhardt war der \u00dcberzeugung, wenn wir das Gesicht des gekreuzigten Gottes in inneren Bildern abbilden, w\u00e4chst die Liebe zu dem Gott, der wegen uns und f\u00fcr uns leidet und es w\u00e4chst die Liebe zu den ohnm\u00e4chtig unschuldigen Leidenden.<br>Paul Gerhardt hat Leidens-Liebeslieder geschrieben, sein Glaube war sinnlich, sein Christus war ein Gott zum anfassen, ein leidender Gott zum anfassen.<br>Wir sind ja da heute in der Regel etwas z\u00f6gerlich. Kann das Gesicht eines Leidenden die Herzen der Menschen zu Liebe und Mitleid bewegen.<br><br>Da ist zuerst das Haupt.<br>Der Kopf des Leidenden. In Gedanken betrachtet der S\u00e4nger das Haupt des Gekreuzigten. Unter den Verletzungen erkennt er die Sch\u00f6nheit dieses Hauptes. Dieser gequ\u00e4lte Mensch hat etwas \u00fcberirdisch Edles an sich. Er hat eine W\u00fcrde, die kann auch der zerst\u00f6rerische Hass der Folterer nicht vernichten.<br>Wer lange in das Gesicht eines gequ\u00e4lten und leidenden Menschen blickt, erkennt dessen W\u00fcrde. Er erkennt den Menschen hinter der verzerrten Maske.<br>Gef\u00fchle wie \u00dcberlegenheit oder Ekel oder Verachtung verschwinden. Und es w\u00e4chst das Empfinden der Zusammengeh\u00f6rigkeit: Dieser leidende Mensch, das k\u00f6nnte ich sein. Dieser leidende Mensch ist ein Mitglied meiner Spezies. Er steht f\u00fcr alle.<br>Das Gesicht des gekreuzigten Gottes verleiht den Leidenden dieser Welt eine W\u00fcrde, die ihnen niemand nehmen kann.<br>Vielleicht steckt in dieser unzerst\u00f6rbaren W\u00fcrde das Mysterium des Kreuzes. Vielleicht erkl\u00e4rt das, warum \u00fcber Jahrtausende das Kreuz das Zeichen der Christen geblieben ist.<br>Die christliche Botschaft endet ja nicht im Kreuz. Die Pointe des Christentums ist die Auferstehung. Also w\u00e4re das tragende Symbol vielleicht die aufgehende Sonne am Ostermorgen gewesen.<br>Es hat sich aber dieses Kreuz in den Seelen der Menschen fest gebrannt.<br>Das un\u00fcberbietbare Trostzeichen, in dem Generationen von Opfern ihr Schicksal geborgen haben. Das Trostzeichen an das unendlich viele Menschen ihre offenen Lebensrechnungen angeheftet haben.<br><br>Es war Johann Sebastian Bach, der in seiner Matth\u00e4uspassion, das Sterben Gottes und mein eigenes Sterben f\u00fcr immer in einen Augenblick zusammengebunden hat. Das Lied \u201eO Haupt voll Blut und Wunden\u201c begleitet als Kantus Firmus die Matth\u00e4uspassion und in der Sterbeszene Christi flie\u00dft das Sterben Gottes mit meinem Sterben zusammen\u2026<br><br>Da schrie Jesus abermals und verschied.<br><br>Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir,<br>wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herf\u00fcr,<br>wenn mir am allerb\u00e4ngsten wird um das Herze sein,<br>so rei\u00df mich aus den \u00c4ngsten kraft deiner Angst und Pein.<\/p>\n\n\n\n<p>Und weil wir aus dieser Hoffnung sch\u00f6pfen, weil wir wissen, dass nach Karfreitag Ostern kommt, kann man von daher auch das Leid, die Passion mit Kindern besprechen und vom Leid erz\u00e4hlen. Die Kinder wissen das Leiden zum Leben geh\u00f6rt. Doch es l\u00e4sst sich ertragen, wenn man Hoffnung hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>F\u00fcrbittengebet<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Guter Gott,<\/p>\n\n\n\n<p>Jesus, Bruder und Begleiter,<\/p>\n\n\n\n<p>wir sehen dich aus der Ferne<\/p>\n\n\n\n<p>und \u00fcber den unendlichen Abstand der Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir h\u00f6ren dichj.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir versuchen dich zu verstehen,<\/p>\n\n\n\n<p>zu begreifen, wer du bist.<\/p>\n\n\n\n<p>Lass uns mit dir gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Du bist anders al andere Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>St\u00e4rker und Schw\u00e4cher.<\/p>\n\n\n\n<p>Erhabener und geringer.<\/p>\n\n\n\n<p>Du verk\u00fcndest die Ehre Gottes<\/p>\n\n\n\n<p>Und begleitest die Verachteten unter den Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Du bringst die Kraft Gottes<\/p>\n\n\n\n<p>Und bist schwach mit den Schwachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Du schaffst Freiheit<\/p>\n\n\n\n<p>Und l\u00e4sst dich binden f\u00fcr die Gebundenen.<\/p>\n\n\n\n<p>Du stehst an Gottes Stelle<\/p>\n\n\n\n<p>Und vertrittst doch die Schuldigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Du scheidest zwischen Wahrheit und L\u00fcge<\/p>\n\n\n\n<p>Und nimmst die Gescheiterten in Schutz<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Recht der Rechtschaffenen.<\/p>\n\n\n\n<p>Du brauchst keine Gewalt<\/p>\n\n\n\n<p>Und weichst dem Opfer nicht aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Meister des Lebens,<\/p>\n\n\n\n<p>an dir sehen wir, was es hei\u00dft, Mensch zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch dein Antlitz hindurch<\/p>\n\n\n\n<p>Schauen wir das Anlitz Giottes.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo du bist, verwandelt sich die Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gemeinsam beten wir:<\/p>\n\n\n\n<p>Vater unser im Himmel.<\/p>\n\n\n\n<p>Geheiligt werde dein Name.<\/p>\n\n\n\n<p>Dein Reich komme.<\/p>\n\n\n\n<p>Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser t\u00e4gliches Brot gib uns heute.<\/p>\n\n\n\n<p>Und vergib uns unsere Schuld,<\/p>\n\n\n\n<p>wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.<\/p>\n\n\n\n<p>Und f\u00fchre uns nicht in Versuchung,<\/p>\n\n\n\n<p>sondern erl\u00f6se uns von dem B\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn dein ist das Reich und die Kraft<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Segen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Friede Gottes,<\/p>\n\n\n\n<p>der all unser Verstehen \u00fcbersteigt,<\/p>\n\n\n\n<p>sei ein Schutzwall und eine Wacht<\/p>\n\n\n\n<p>um eure Herzen und Gedanken,<\/p>\n\n\n\n<p>dass nichts euch trennen m\u00f6ge<\/p>\n\n\n\n<p>von Jesus Christus,<\/p>\n\n\n\n<p>Er umgebe euch mit auf seinem, auf eurem Weg Amen<\/p>\n\n\n\n<p>Lied: 352, 1-4 Alles ist an Gottes<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>O Haupt voll Blut und Wunden Andacht 28.03.07, Heiliggeistkirche Kurt-Helmuth Eimuth Orgelvorspiel Lied: 341, 1-4 Nun freut euch lieben Psalm Nr. 751 Ansprache: O Haupt voll Blut und Wunden \u201eDie Soldaten packten Jesus und f\u00fchrten ihn auf einen H\u00fcgel vor der Stadt. 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