{"id":3843,"date":"2013-11-18T16:15:00","date_gmt":"2013-11-18T14:15:00","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=3843"},"modified":"2020-12-30T16:17:07","modified_gmt":"2020-12-30T14:17:07","slug":"maenner-bejubelt-und-verdaechtig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=3843","title":{"rendered":"M\u00e4nner: Bejubelt und verd\u00e4chtig"},"content":{"rendered":"\n<p>Frankfurt: M\u00e4nner in Kitas<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">von Anne Lemh\u00f6fer<\/h2>\n\n\n\n<p>Seit es die Betreuungsplatzgarantie gibt, arbeiten mehr M\u00e4nner denn je in Krabbelstuben, Kinderg\u00e4rten und Horten. Frankfurt ist bundesweit Spitzenreiter, elf Prozent des Kita-Personals sind m\u00e4nnlich. Was viele Eltern gut finden, st\u00f6\u00dft trotzdem nicht selten auf Argwohn.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hat Dekorationen und Kost\u00fcme entworfen, stand zwar nicht selbst im Rampenlicht, aber letztlich galt der Applaus nach einer Theaterauff\u00fchrung auch ihm, er war Teil eines Ensembles aus K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern, hat mit anspruchsvollen Regisseuren und besonderen Materialien gearbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem ersten Leben war Lars Betko, 51 Jahre alt, B\u00fchnenbildner. Jetzt hockt er auf einem kleinen St\u00fchlchen und h\u00e4lt eine leere Klorolle in der Hand. Und k\u00f6nnte nicht besser gelaunt sein. \u201eFranka, pass auf, hier festhalten. Sehr gut!\u201c Lars Betkos neuer Arbeitsplatz ist keine Theaterb\u00fchne, sondern ein Gruppenraum in der Kindertagesst\u00e4tte \u201eGipfelflitzer\u201c am Frankfurter Riedberg. Dabei ist es nicht so, dass Franka, Annika, Clara und Kian kein anspruchsvolles Publikum w\u00e4ren, im Gegenteil. Die Vier- und F\u00fcnfj\u00e4hrigen, die in einer Traube um den schlanken Mann mit der Brille herumstehen, m\u00f6chten schon, dass die Dinge, mit denen sie sich besch\u00e4ftigen, etwas hermachen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u201eDie Arbeit mit Kindern gibt mir sehr viel\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p>Und das tut die Kugelbahn, die gerade aus Klorollen, Kleber und viel, viel Farbe entsteht. Ein Kunstwerk aus komplizierten Rohren, dem man ansieht, dass sein Erfinder etwas vom Basteln und Bauen, von Statik und raffinierten Effekten versteht. Wer es noch nicht wei\u00df, wundert sich kein bisschen, wenn er erf\u00e4hrt, dass Betko einen Beruf erlernt hat, der an der Schnittstelle von Handwerk und Kunst angesiedelt ist. Und wer ihm zuschaut, wie er geduldig erkl\u00e4rt und die Jungen und M\u00e4dchen ermuntert, es doch selbst mal mit dem Kleben zu versuchen, wie er ihre Aufmerksamkeit zu fesseln wei\u00df und echte Begeisterung weckt, wundert sich nicht, dass er in diesem Moment an genau diesem Ort sitzt. Der glaubt sofort, wenn Betko sagt: \u201eDie Arbeit mit Kindern gibt mir sehr viel.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem alten Job dagegen war er am Ende nicht mehr gl\u00fccklich. \u201eNach einer l\u00e4ngeren Anstellung als Ausstattungsleiter am Theater Heilbronn hing ich in der Luft und geriet ins Gr\u00fcbeln. Dieses Warten auf Angebote, das Tingeln von Stadt zu Stadt, wollte ich das wirklich bis zum Ende meines Berufslebens machen?\u201c Seine Antwort: nein. \u201eMeine Eltern waren Lehrer, ich habe viele Freunde, die im P\u00e4dagogikberuf arbeiten. In meiner Schulzeit hatte ich kurz \u00fcberlegt, diese Richtung einzuschlagen, aber dann doch zun\u00e4chst ein Handwerk erlernt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wie kam er nach mehr als 20 Jahren noch darauf, ausgerechnet Erzieher zu werden? \u201eIm letzten Jahr war auf einmal halb Frankfurt mit Plakaten tapeziert, die f\u00fcr den Erzieherberuf warben. Ich wusste pl\u00f6tzlich: Das ist es. Ich kann viel aus meinem ersten Berufsleben einbringen. Mit den Kindern habe ich in einem meiner ersten Projekte in der Kita Roboter aus Recyclingm\u00fcll gebaut. Als ich ihren M\u00fcttern und V\u00e4tern beim Elternabend davon erz\u00e4hlte, klatschten die sogar Beifall.\u201c Lars Betko kennt das Klischee von den M\u00e4nnern, die mit den Kindern so sch\u00f6n toben, Dinge aus Holz und N\u00e4geln bauen oder Fu\u00dfball spielen. \u201eDas ist mir aber zu wenig. Ich m\u00f6chte hier keine Geschlechter-Stereotype vorleben und auch mit meinen Gruppenkindern weben oder malen, wenn es gerade passt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Lars Betko geh\u00f6rt zu einer Minderheit, um die derzeit stark geworben wird: M\u00e4nner, die man f\u00fcr den Erzieherberuf begeistern kann. Kinder, das glauben alle, k\u00f6nnen nur profitieren, wenn sie mit m\u00e4nnlichen und weiblichen Bezugspersonen gleicherma\u00dfen aufwachsen. Soweit die Theorie. Doch nach wie vor sind M\u00e4nner wie Betko eine wirklich rare Spezies, was nicht nur mit dem niedrigen Gehalt, sondern auch mit traditionellen Rollenvorstellungen zu tun hat, wie Kurt-Helmuth Eimuth glaubt, Leiter des Arbeitsbereichs Kindertagesst\u00e4tten beim Diakonischen Werk Frankfurt, das rund 110 evangelische Einrichtungen unter seinem Dach vereint: \u201eEin Busfahrer verdient noch weniger als ein Erzieher, aber stellen Sie sich zwei M\u00e4nner an der Theke vor. Der eine sagt: Ich fahr\u2018 einen gro\u00dfen Bus. Der andere: Ich betreue kleine Kinder. Wer von beiden bekommt mehr Anerkennung?\u201c Bundesweit sind nicht einmal vier Prozent des Personals in Kindertagesst\u00e4tten m\u00e4nnlich, in Ballungsr\u00e4umen daf\u00fcr meist mehr als doppelt so viel.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Frankfurt unangefochtener Spitzenreiter<\/h3>\n\n\n\n<p>Laut der in Berlin ans\u00e4ssigen Koordinierungsstelle M\u00e4nner in Kitas ist Frankfurt unangefochtener Spitzenreiter \u2013 mit 11,3 Prozent. Tendenz steigend. \u201eWir f\u00fchren diese erstmals sehr deutliche Steigerung des M\u00e4nneranteils gerade im letzten Jahr darauf zur\u00fcck, dass der Ruf nach M\u00e4nnern in Kitas lauter geworden ist. Betreiber von Kitas, Erzieherinnen und Erzieher selbst, Eltern und Politiker fordern immer deutlicher mehr m\u00e4nnliche Fachkr\u00e4fte. M\u00e4nner in Kitas sind von \u00f6ffentlichem Interesse\u201c, sagt Jens Krabel, Sprecher der Koordinierungsstelle. Positiv auf die Steigerung des Anteils wirke sich auch aus, dass seit 2011 bundesweit 16 Modellprojekte mehr als 13 Millionen Euro aus dem Europ\u00e4ischen Sozialfonds und vom Bundesfamilienministerium erhielten. Das habe die \u00f6ffentliche Diskussion in den St\u00e4dten und Landkreisen zus\u00e4tzlich bef\u00f6rdert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Grund: die von der Bundesregierung beschlossene Betreuungsplatzgarantie f\u00fcr Kinder ab einem Jahr, f\u00fcr die 2013 auf einen Schlag viel mehr Personal notwendig wurde, als da war. Das hat eine riesige Umschulungswelle in Gang gebracht. Die Neuen, M\u00e4nner wie Frauen, waren zuvor B\u00fchnenbildner oder Redakteure, Schreiner oder G\u00e4rtner, und jetzt k\u00fcmmern sie sich um das Gro\u00dfwerden von Kindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele im Rhein-Main-Gebiet, auch Lars Betko, wurden an der Berta-Jourdan-Schule ausgebildet, einer der Hauptausbildungsst\u00e4tten f\u00fcr Erzieherinnen und Erzieher in Frankfurt. Manche berufsbegleitend, fast alle in einem verk\u00fcrzten Ausbildungsgang. Schulleiter Michael Baumeister sagt, dass er derzeit jedes Jahr 50 bis 60 Umsch\u00fclerinnen und Umsch\u00fcler fit f\u00fcr ein zweites Berufsleben als P\u00e4dagoginnen und P\u00e4dagogen mache, M\u00e4nner hat er in fast jeder Klasse sitzen. Es braucht ein ganzes Dorf, ein Kind gro\u00dfzuziehen, hei\u00dft ein bekanntes ghanaisches Sprichwort.<\/p>\n\n\n\n<p>Andere Kinder, unterschiedliche Erwachsene, Handwerker und Kopfmenschen, M\u00e4nner und Frauen \u2013 je gr\u00f6\u00dfer die Bandbreite der Erfahrungen, die an die J\u00fcngsten weitergegeben werden k\u00f6nnen, desto besser, so ist das Sprichwort wohl gemeint. So gesehen ergibt es Sinn, dass die Gruppe der Menschen, die sich beruflich um Kinder k\u00fcmmern, heterogener wird, dass Biografien neue Wendungen nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch nicht alle sind uneingeschr\u00e4nkt gl\u00fccklich \u00fcber die neuen M\u00e4nner im traditionellen Frauenberuf. Da ist das b\u00f6se Wort vom \u201eGeneralverdacht\u201c, das unter Fachleuten immer f\u00e4llt, wenn das Thema besprochen wird, und mit dem sich Berufsanf\u00e4nger auseinandersetzen m\u00fcssen. Darf der Erzieher die Kinder wickeln? Die kleinen M\u00e4dchen auf den Scho\u00df nehmen? Hat er wom\u00f6glich Hintergedanken? Nicht regelm\u00e4\u00dfig, aber doch immer wieder w\u00fcrden solche Sorgen an ihn herangetragen, berichtet auch Kurt-Helmuth Eimuth. Wie geht man in Kitas mit solchen unkonkreten und pauschalen Mutma\u00dfungen um? \u201eGanz klar: Es gibt in einem gemischten Team keine unterschiedlichen Zust\u00e4ndigkeiten\u201c, sagt Eimuth. Jens Krabel von der Berliner Koordinierungsstelle kennt das Problem ebenfalls. Er und seine Kollegen haben im Rahmen einer Studie auf Basis einer repr\u00e4sentativen Befragung ermittelt, dass 40 Prozent der Eltern, 34 Prozent der Kita-Leitungen und 48 Prozent der Tr\u00e4gerverantwortlichen zumindest schon einmal an die Gefahr eines Missbrauchs durch Erzieher gedacht haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Lars Betko wei\u00df, dass er gegen Vorurteile k\u00e4mpft, auch gegen unausgesprochene. Die Freude am Beruf verdorben hat ihm das nicht. \u201eM\u00e4nner wollen erziehen\u201c, glaubt er. Und er glaubt auch, dass ihr Anblick in den R\u00e4umen mit den kleinen St\u00fchlchen und den Kunstwerken aus Pappe immer normaler werden wird. Und sich viele Sorgen dann ganz von selbst er\u00fcbrigen.<\/p>\n\n\n\n<p>18.11.2013 FR<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frankfurt: M\u00e4nner in Kitas von Anne Lemh\u00f6fer Seit es die Betreuungsplatzgarantie gibt, arbeiten mehr M\u00e4nner denn je in Krabbelstuben, Kinderg\u00e4rten und Horten. 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