{"id":3762,"date":"2020-12-23T23:19:46","date_gmt":"2020-12-23T21:19:46","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=3762"},"modified":"2020-12-29T19:53:47","modified_gmt":"2020-12-29T17:53:47","slug":"nicht-nur-saenger-und-songwriter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=3762","title":{"rendered":"Nicht nur S\u00e4nger und Songwriter"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Birnstein00.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Birnstein00-631x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3763\" width=\"262\" height=\"425\" srcset=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Birnstein00-631x1024.jpg 631w, https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Birnstein00-185x300.jpg 185w, https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Birnstein00.jpg 743w\" sizes=\"auto, (max-width: 262px) 100vw, 262px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Er ist eine Ikone der Flower-Power-Zeit und wurde nochmals als Achtzigj\u00e4hriger in diesem Jahrzehnt popul\u00e4r. Leonard Cohen (1934 -2016) war weit mehr als ein S\u00e4nger und Songwriter. Er schrieb Gedichte und Romane, aber vor allem war er ein religi\u00f6s Suchender. Die Tiefe im Schaffen des K\u00fcnstlers beleuchtet Uwe Birnstein in seinem neuen Sachbuch\u201c\u2018Hallelujah\u2018 Leonard Cohen!\u201c Dem Autor gelingt es mit viel Empathie den Leser und die Leserin mitzunehmen auf die Reise durch ein Leben, das so viele Facetten hatte, wie man es kaum f\u00fcr m\u00f6glich h\u00e4lt. Stets nah an den Quellen. Man hat das Gef\u00fchl, mitten im Geschehen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, der Autor will keine Biografie vorlegen. Und tut es auch nicht. Er will ermutigen, sich auf den Weg zu machen, den eigenen Horizont zu weiten, auf andere Zuzugehen, ganz ohne \u00c4ngste, Vorschriften und Scheuklappen, ganz so wie es Cohen getan hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Cohen ist und bleibt dabei verwurzelt in seinem j\u00fcdischen Glauben. Gepr\u00e4gt von Kindheit an, \u201enicht fanatisch, aber traditionell religi\u00f6s\u201c. Und eng verbunden mit seinem Gro\u00dfvater, einem Rabbi. Und B\u00fccher gibt es im Hause Cohen. Literatur wird zu einem seiner Hobbys. Aus der gut b\u00fcrgerlichen Welt Kanadas bricht er auf und landet auf der griechischen Insel Hydra. Dort begegnet er Marianne. Ja, die gibt es wirklich. Nach einer gemeinsamen Zeit sagte er ihr \u201eso long Marianne\u201c, und flog nach New York. Dort spielt er Judy Collins \u201eSuzanne\u201c vor. Collins ist begeistert, nimmt den Song auf und er wird zum Welthit. Cohen selbst will nicht auftreten. Er k\u00f6nne nicht singen und auch nicht Gitarre spielen. Auf einem Festival treten sie dann gemeinsam auf. Jetzt erst fasst Cohen Zutrauen \u201ein die geradezu magische Wirkung seiner Stimme\u201c (Birnstein).<\/p>\n\n\n\n<p>Es folgen Jahre im \u201eDrogen- und Frauenrausch\u201c. Sp\u00e4ter bedauert er seine oberfl\u00e4chlichen Frauengeschichten. Mit Marianne bleibt er in Verbindung. Und noch eine Erkenntnis bricht sich Bahn: Die Drogen katalpultieren ihn zwar in tranzendente Welten, aber sie f\u00fchren ihn nicht ans Ziel seiner spirituellen Suche.<\/p>\n\n\n\n<p>Cohen sagt von sich selbst, er sei \u201egeboren im Herzen der Bibel\u201c. Er kennt die Geschichten, die die Bibel erz\u00e4hlt, von den Sorgen und \u00c4ngsten, von Liebe und Hass, von Rachegel\u00fcsten und Mitgef\u00fchl, von Sehns\u00fcchten und Entt\u00e4uschungen. \u201eDie biblischen Geschichten und Gedanken bringen Inspiration f\u00fcr das eigene Nachdenken\u201c, so Birnstein. In zahlreichen Texten greift er zur\u00fcck auf biblische Motive. Etwa im Song \u201eBorn in Chains\u201c: Dort hei\u00dft es: \u201eIch wurde in Ketten geboren, doch aus \u00c4gypten versto\u00dfen\u201c. Ankl\u00e4nge biblischer \u00dcberlieferung finden sich in zahlreichen Liedern. Etwa wenn er in \u201eDemocracy\u201c von der Sehnsucht nach echter Demokratie singt \u201eZurzeit w\u00fcrden die Frauen vor den \u201aBrunnen der Entt\u00e4uschung\u2018 auf Knien beten \u2018um die Gnade Gottes in dieser W\u00fcste\u2018\u201c Das gelobte Land steht hier f\u00fcr die wahrhafte Demokratie. Gelegentlich \u00fcberzieht Cohen mit \u201eseiner bisweilen kruden Fantasie und depressiven Weltsicht.\u201c Etwa wenn er eigene sexuelle Erlebnisse mit biblischen Assoziationen vermengt.<\/p>\n\n\n\n<p>Birnstein bezeichnet David als biblischen Seelenbruder Cohens. David lebte als Freisch\u00e4rler und Frauenheld und wurde schlie\u00dflich zum K\u00f6nig Israels gekr\u00f6nt. Die Geschichte des Ehebruchs mit Batseba hat Cohen in seinem Welthit \u201eHallelujah\u201c verarbeitet. In der ersten Strophe will der Musiker K\u00f6nig David Gott mit einem geheimen Akkord gn\u00e4dig stimmen. Und es folgt fast litaneiartig das Gotteslob \u201eHallelujah\u201c. In der zweiten Strophe spricht Cohen eine Person an. \u201eDein Glaube war stark, aber du brauchtest Beweise\u201c, hei\u00dft es \u201edu sahst das Mondlicht auf dem Dach, ihre Sch\u00f6nheit und das Mondlicht haben dich \u00fcberw\u00e4ltigt.\u201c Hier spielt Cohen darauf an, dass K\u00f6nig David Batseba beim Baden zusah. Doch pl\u00f6tzlich wechselt die Szene und die Sch\u00f6ne bindet den verliebten K\u00f6nig an den K\u00fcchenstuhl und schneidet seine Haare ab. Ein Motiv, dass an Simson erinnert, der Liebestrunken seiner Geliebten Delila das Geheimnis seiner Macht verr\u00e4t, das in seinen Haaren wurzelt. Sie schneidet ihm die Locken ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gebrochenheit des Lebens dr\u00fcckt sich auch in seinem Hallelujah aus. Cohen kommentiert es so: \u201eDer Song erkl\u00e4rt, dass es mehrere Formen des Hallelujah gibt und dass alle perfekten und gebrochenen Hallelujahs dieselbe Wertigkeit haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Cohen treibt aber das Thema noch weiter. Er verbindet Religion und Sexualit\u00e4t. \u201eDenk dran, als ich mich in dir bewegte, da bewegte sich mit uns der Heilige Geist. Und jeder unserer Atemz\u00fcge war ein Hallelujah.\u201c Birnstein folgert: \u201eK\u00f6rperliche Vereinigung sei \u2013 oder sollte es sein- auch eine spirituelle Angelegenheit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Song wird zu einem der meistgecoverten Songs der Popgeschichte, leider oft verkitscht oder gar missbraucht, etwa im Einsatz f\u00fcr Donald Trump. Dabei ist das Lied ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr Demut und wendet sich gegen jede Form von Triumphalismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die spirituelle Suche Cohens geht weiter. Er ist zwar ber\u00fchmt und begehrt, f\u00e4llt aber immer wieder in tiefe Depressionen. Selbst den Psychokult Scientology probiert er kurz aus. Doch er erkennt die Banalit\u00e4t dieses Systems schnell. 1969 begegnet er dem buddhistischen Zen-Meister Roshi. Cohen verbringt viel Zeit im buddhistischen Kloster. Roshi begleitet ihn sogar auf Tourneen. Doch der j\u00fcdische Glaube bleibt trotz aller Suchbewegungen weiterhin die religi\u00f6se Wurzel Cohens. 1993 zieht es ihn ganz ins Kloster. Er braucht Struktur. 1996 wird er zum M\u00f6nch ordiniert. Er blieb bis 1999 im Kloster.<\/p>\n\n\n\n<p>In zahlreichen Werken setzt er sich auch mit Jesus auseinander. Auch ganz privat ist Cohen offen. Er schreibt an einem Weihnachtstag in sein Notizbuch: \u201eIch habe zu dem gebetet, um den es geht\u201c. Erst seine tiefe Verwurzelung im Judentum macht dies m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Cohen geht in den 2000er Jahren wieder auf Welt-Tournee. Seine Depressionen sind \u00fcberstanden und die Notwendigkeit liegt auf der Hand. W\u00e4hrend seines Klosteraufenthalts hat seine Vertraute und Managerin mehrere Millionen veruntreut. Seine letzte CD \u201eYou want it darker\u201c ist ein inniges, haderndes Gebet zu Gott. \u201eAls w\u00fcrde die Sonne ihre Strahlen verlieren \/ und wir in endloser Nacht vegetieren \/ und es g\u00e4be nichts mehr zu f\u00fchlen: \/ Genauso w\u00fcrde mir die Welt erscheinen, \/ g\u00e4be es deine Liebe nicht.\u201c Cohen setzt sich mit dem Tod auseinander. Gerde hat er die Nachricht vom unheilbaren Blutkrebs von Marianne erhalten. Er schreibt ihr: \u201eLiebste Marianne, ich bin ein kleines St\u00fcckchen hinter dir, nah genug, um deine Hand zu nehmen. Mein alter K\u00f6rper hat aufgegeben, ganz so, wie es deiner getan hat, und es kann nur noch Tage dauern, bis der R\u00e4umungsbescheid abgeschickt wird. Ich habe deine Liebe und deine Sch\u00f6nheit nie vergessen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Uwe Birnstein hat uns f\u00fcr die Hintergr\u00fcndigkeit, f\u00fcr die Vielschichtigkeit und Gebrochenheit Leonhard Cohens die Augen ge\u00f6ffnet. Informativ, fesselnd, bewegend.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurt-Helmuth Eimuth<\/p>\n\n\n\n<p>Uwe Birnstein, \u201eHallelujah\u201c, Leomhard Cohen!132 S. Verlag Neue Stadt, 16.-<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er ist eine Ikone der Flower-Power-Zeit und wurde nochmals als Achtzigj\u00e4hriger in diesem Jahrzehnt popul\u00e4r. Leonard Cohen (1934 -2016) war weit mehr als ein S\u00e4nger und Songwriter. Er schrieb Gedichte und Romane, aber vor allem war er ein religi\u00f6s Suchender. 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