{"id":3693,"date":"2016-08-18T01:10:00","date_gmt":"2016-08-17T23:10:00","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=3693"},"modified":"2020-12-13T01:16:02","modified_gmt":"2020-12-12T23:16:02","slug":"mir-geht-es-darum-dem-phaenomen-religion-gerecht-zu-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=3693","title":{"rendered":"\u201eMir geht es darum, dem Ph\u00e4nomen Religion gerecht zu werden\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Drei\u00dfig Jahre lang hat Meinhard Schmidt-Degenhard die Sendung\u00a0\u201eHorizonte\u201c im Hessenfernsehen\u00a0moderiert, nun lief die letzte Sendung, und Ende September geht\u00a0der 59-J\u00e4hrige in Altersteilzeit. Kurt-Helmuth Eimuth hat ihn\u00a0zum Abschied interviewt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Sie haben im Hessenfernsehen drei\u00dfig Jahre&nbsp;lang Sendungen zu religi\u00f6sen Themen&nbsp;verantwortet und moderiert. Was hat sich in den drei Jahrzehnten ver\u00e4ndert?<\/em><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Abgenommen hat die Bedeutung von \u201aKirche\u2018 f\u00fcr das gesellschaftliche Miteinander hierzulande, aber auch f\u00fcr das je pers\u00f6nliche Leben; gewachsen ist hingegen die Bedeutung von Religion f\u00fcr das politische und soziale Miteinander auf diesem Planeten. Die These vom allm\u00e4hlichen Verschwinden der Religion, der wir in den achtziger Jahren erlegen sind, trifft nicht zu: Religion ist global nie wirklich zur\u00fcckgegangen! Wir Menschen in der westlichen Welt sind sp\u00e4testens durch die Ereignisse um 9\/11 daran erinnert worden, dass Religion eine entscheidende und treibende Kraft ist f\u00fcr das menschliche Zusammenleben. Meine Grundthese nach 30 Jahren: \u201eDu kannst die Welt nicht verstehen ohne die Religion(en) \u2013 ohne um das zu wissen, was die Menschen zu ihrem Gott erkl\u00e4ren.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Geht es heute nicht um das Miteinander der Religionen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Mir geht es bei alldem zun\u00e4chst darum, dem Ph\u00e4nomen Religion gerecht zu werden. Das, was diesen Planeten durcheinanderwirbelt, kann ich nicht begreifen, wenn ich nicht um das wei\u00df, was den Menschen heilig ist. In einem zweiten Schritt versuche ich das Gespr\u00e4ch zwischen den Religionen zu verstehen: Was l\u00e4uft da gerade ab? Welche Themen kristallisieren sich heraus? Wir Journalisten sind kritische Beobachter des Dialogs oder de facto des Trialogs der Religionen. Die Kernfrage lautet schlicht: Wenn\u2019s denn einen Gott gibt, dann kann es doch eigentlich nur einen geben \u2026 oder? Wie aber dann umgehen mit den realen kulturellen Unterschiedlichkeiten? Was kann man daraus lernen, um das globale wie lokale Miteinander besser zu verstehen?<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Sie geh\u00f6ren keiner Kirche an. Das ist ungew\u00f6hnlich f\u00fcr einen Kirchenredakteur.<\/em><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Das hat zugegeben eine Menge frommer Geister verwirrt \u2013 kann ich sogar verstehen. F\u00fcr mich war es eine pers\u00f6nliche Entscheidung. Das hei\u00dft aber nicht, dass Religion f\u00fcr mich keine Rolle spielt: Die Ebene der Transzendenz, die religi\u00f6s-philosophischen Fragen sind mir f\u00fcr mein Leben unverzichtbar. Aber je mehr ich mich \u2013 auch beruflich bedingt \u2013 bei aller kritischen Sympathie mit dem Ph\u00e4nomen \u201aKirche\u2018 besch\u00e4ftigt habe, umso mehr bin ich auf Distanz gegangen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Die Kirchen sind privilegiert. Auch in den \u00f6ffentlich-rechtlichen Anstalten, beispielsweise mit einer Kirchenredaktion. Ist das noch zeitgem\u00e4\u00df?<\/em><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Wenn wir in die Geschichte des \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunksystems schauen, so stellten sich die Kirchen f\u00fcr die Alliierten nach 1945 als wichtige Vertrauenspartner dar. Sie galten, wenn auch nicht immer zu recht, als jene Institutionen, die in den Jahren der Nazi-Diktatur Horte des Widerstands waren. In den Jahren des demokratischen Wiederaufbaus kam den Kirchen wie den \u00f6ffentlich-rechtlichen Anstalten qua Gesetz eine besondere Bedeutung haben. Rundfunkpolitisch waren und sind (!) die Kirchen einflussreiche Player. Aber beide Institutionen \u2013 Kirche wie \u00f6ffentlich-rechtlicher Rundfunk \u2013 m\u00fcssen zugleich einen immensen Vertrauensverlust vergegenw\u00e4rtigen, m\u00fcssen sich selbstkritisch auf die Ursachen hin befragen. Unsere Programmarbeit hat sich in den vergangenen Jahren ge\u00f6ffnet, weg von explizit kirchlichen hin zu allgemein religi\u00f6sen, religionspolitischen Themen, aber auch hin zu muslimischen Partnern. Aber de facto sind die Kirchen immer auch noch privilegierte Lobbyisten im Rundfunk, in diesem Land \u2013 das pr\u00e4gt schon die Republik. Die Kirchen tun gut daran, dar\u00fcber nachzudenken, ob all diese gesellschaftlichen Privilegien noch gerechtfertigt sind, wenn die Zahl der Kirchenmitglieder eines Tages unter 50 Prozent sinkt \u2013 und dieser Tag ist absehbar. Auf der anderen Seite m\u00f6chte ich als Journalist aber auch der Gesellschaft die Frage stellen: Was wird das f\u00fcr eine Gesellschaft sein, in der die Kirchen keine oder nur noch eine geringere Bedeutung haben? Wie steht es um die soziale Realit\u00e4t, um den ethisch-moralischen Diskurs in der Gesellschaft, wenn wir die Institutionen der Kirchen nicht mehr haben, egal wie auch immer wir ihre Privilegien beurteilen?<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Sie haben in der Sendung im Wesentlichen den Dialog zwischen Theologie und Wissenschaft, zwischen Gesellschaft und Philosophie dargestellt und nicht die Berichterstattung \u00fcber Kirche.<\/em><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Die Medienforschung hat uns n\u00fcchtern gezeigt, dass die Menschen ganz selten an Themen aus dem direkten kirchlich-religi\u00f6sen Leben interessiert sind. Ob und welche der gro\u00dfen Kirchen mal wieder einen Finanz-Fehler begangen hat, ob es in Limburg oder Nordhessen mal wieder einen Skandal gibt \u2026 oder auch nicht \u2013 das nutzt sich ab, hat kein wirkliches Erregungspotenzial mehr. Was die Menschen tief drinnen interessiert, sind die Grundfragen unseres Zusammenlebens, die Grundfragen unserer individuellen wie kollektiven Existenz. Und da kommen wir rasch an die religi\u00f6sen Grundfragen heran, an das, was wirklich z\u00e4hlt im Leben. Die Kirchenkrisen sind nicht das Problem unserer Zeit \u2013 es geht letztlich um die Gotteskrise: Wie buchstabieren die Menschen heute die religi\u00f6sen Fragen? Was stellen sie sich unter dem Synonym \u201aGott\u2018 vor? Wie sind Wissenschaft und tradierter Glaube vereinbar?<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Was raten Sie den Kirchen angesichts des Traditionsabbruchs und einer verst\u00e4rkt s\u00e4kular aufwachsenden Generation?<\/em><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Den Menschen auch intellektuell ernstnehmen! Es f\u00fchrt kein Weg vorbei an der &nbsp;Aufkl\u00e4rung \u2013 konkret das Kant\u2019sche Quartett: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? Und da sind wir mitten drin in den existentiell ber\u00fchrenden Fragen. Und diese Fragen erst einmal nur auszuhalten statt mit frommen Phrasen daherzukommen, kann den Kirchen und somit den Menschen nutzen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Und was machen Sie jetzt nach dem Ausscheiden aus dem Hessischen Rundfunk?<\/em><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Ich habe jetzt recht fr\u00fch mit 59 Jahren aufgeh\u00f6rt, dank der M\u00f6glichkeiten, die der HR mir bot. Aber ich habe aufgeh\u00f6rt, um Neues zu beginnen. Ich werde in den n\u00e4chsten Jahren mit Stiftungen und Bildungseinrichtungen zusammenarbeiten, als Moderator, aber auch als Coach und Interviewtrainer. Und das Thema Religion bleibt in jeder Hinsicht mein Lebensthema.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beitrag von <strong><a href=\"http:\/\/www.evangelischesfrankfurtarchiv.de\/people\/kurt-helmuth-eimuth\/\">Kurt-Helmuth Eimuth<\/a><\/strong>, ver\u00f6ffentlicht am 18. August 2016 in der Rubrik <a href=\"http:\/\/www.evangelischesfrankfurtarchiv.de\/category\/menschen\/\">Menschen<\/a>, erschienen in der Ausgabe <a href=\"http:\/\/www.evangelischesfrankfurtarchiv.de\/issue\/2016-5-september\/\">2016\/5 \u2013 September<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.evangelischesfrankfurtarchiv.de\/issue\/web\/\">Web<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drei\u00dfig Jahre lang hat Meinhard Schmidt-Degenhard die Sendung\u00a0\u201eHorizonte\u201c im Hessenfernsehen\u00a0moderiert, nun lief die letzte Sendung, und Ende September geht\u00a0der 59-J\u00e4hrige in Altersteilzeit. Kurt-Helmuth Eimuth hat ihn\u00a0zum Abschied interviewt. Sie haben im Hessenfernsehen drei\u00dfig Jahre&nbsp;lang Sendungen zu religi\u00f6sen Themen&nbsp;verantwortet und moderiert. 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