{"id":3669,"date":"2011-03-17T09:43:00","date_gmt":"2011-03-17T07:43:00","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=3669"},"modified":"2020-12-12T09:47:33","modified_gmt":"2020-12-12T07:47:33","slug":"wie-der-kindergarten-zu-einem-deutschen-exportschlager-wurde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=3669","title":{"rendered":"Wie der \u201eKindergarten\u201c zu einem deutschen Exportschlager wurde"},"content":{"rendered":"\n<p>von <a href=\"https:\/\/www.efo-magazin.de\/magazin\/autoren\/kurt-helmuth-eimuth\/\">Kurt-Helmuth Eimuth<\/a> 17. M\u00e4rz 2011<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Brauchen Kinder einen gewissen Drill, um Leistung zu bringen? Sind Strafen ein notwendiges Mittel der Erziehung? Diese Auffassung der amerikanischen Professorin Amy Chua werden auch in Deutschland mit Interesse aufgenommen. Doch die p\u00e4dagogische Erfahrung lehrt etwas anderes: dass Kinder von Natur aus lernwillig sind, aber ihr eigenes Tempo und ihre individuelle Herangehensweise brauchen. Die Grundlagen f\u00fcr dieses Menschenbild legte der Frankfurter P\u00e4dagoge Friedrich Fr\u00f6bel, der Anfang des 19. Jahrhunderts den Begriff des \u201eKindergartens\u201c pr\u00e4gte.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.efo-magazin.de\/media\/images\/ef_oes_exportschlager_kindergarten_eimuth_stel.width-900.jpg\" alt=\"Individuelle Lernerfahrungen, Eigeninitiative und Raum f\u00fcr die pers\u00f6nliche Entfaltung \u2013 dieses Konzept des Fr\u00f6belschen \u201eKindergartens\u201c ist heute noch aktuell, wie hier im neuen Kinderhaus Goldstein. Foto: Rolf Oeser\"\/><figcaption>Individuelle Lernerfahrungen, Eigeninitiative und Raum f\u00fcr die pers\u00f6nliche Entfaltung \u2013 dieses Konzept des Fr\u00f6belschen \u201eKindergartens\u201c ist heute noch aktuell, wie hier im neuen Kinderhaus Goldstein. Foto: Rolf Oeser<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im th\u00fcringischen Blankenburg entstand dann auf Fr\u00f6bels Initiative der erste Kindergarten. Die vielseitige Anregung und Anleitung der Kinder geschah durch Bewegungs- und Wortspiele, durch Lieder und Spr\u00fcche sowie im Kontakt mit der Natur, und schlie\u00dflich auch durch speziell konzipiertes Spielmaterial. Der Kindergarten war so von Anfang an ein Ort fr\u00fchkindlicher Bildung. Auch die M\u00fctter, denen Fr\u00f6bel damals die Hauptverantwortung f\u00fcr die Erziehung zusprach, sollten im Kindergarten Anregungen und Beispiele f\u00fcr ihr eigenes Handeln finden und das p\u00e4dagogische Wissen in die Familien weitertragen. Der Begriff \u201eKindergarten\u201d erwies sich fortan als Exportschlager und fand seinen Weg als deutsches Lehnwort in andere europ\u00e4ische L\u00e4nder wie auch nach Amerika.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00f6bel, der seine berufliche Laufbahn \u00fcbrigens als Lehrer an der Frankfurter Musterschule begonnen hatte und dann als Hauslehrer die drei Kinder einer Frankfurter Adelsfamilie betreute, war Sch\u00fcler des Schweizer P\u00e4dagogen Johann Heinrich Pestalozzi. Die \u201eMenschenerziehung\u201d \u2013 so der Titel seines Hauptwerkes \u2013 lag ihm am Herzen. Das kleine Kind, so seine moderne Auffassung, m\u00fcsse \u201eselbstt\u00e4tig in die Welt des Geistes\u201c eintreten und dabei Hilfestellung durch Erwachsene erfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings war das p\u00e4dagogische Konzept des \u201eKindergartens\u201c auch anf\u00e4llig f\u00fcr totalit\u00e4re Erziehungsideologien, in Deutschland die braune und die rote: So wenig man Pflanzen in einem Garten einfach frei wachsen und sich entwickeln lie\u00df, sondern gezielt als Nutzpflanzen in Reih und Glied z\u00fcchtete, so wurden auch Kinder bewusst dem elterlichen Einfluss entzogen und in die vom Staat gewollte Richtung gelenkt. Das ein wenig ans Paradies erinnernde und selbsterkl\u00e4rende Bild vom Garten, in dem sich alles frei und nach eigenen Gesetzen entwickelt, wo also im Blick auf das Kind eine freie und kreative (Selbst-)Besch\u00e4ftigung Programm ist, wurde pervertiert zu einem Ort planenden und ordnenden Eingreifens, in dem \u201eUnkraut\u201d und Wildwuchs nichts zu suchen hatten.Die Fr\u00f6belsche Wortsch\u00f6pfung \u201eKindergarten\u201d ist heute noch in aller Munde, auch wenn man gerade in den St\u00e4dten im Blick auf die Betreuungszeiten funktional von \u201eKindertagesst\u00e4tten\u201d spricht und die \u201eKinderg\u00e4rtnerin\u201d zugunsten der \u201eErzieherin\u201d ausgedient hat. Der Wechsel der Berufsbezeichnung spiegelt die Professionalisierung im Berufsbild wider \u2013 weg von der romantisierenden und volkst\u00fcmlichen Vorstellung, eine Kinderg\u00e4rtnerin habe \u201enur\u201d auf Kinder aufzupassen und mit ihnen zu spielen, hin zur professionellen p\u00e4dagogischen Fachkraft, die, ganz im Sinne Fr\u00f6bels, das Kind in seiner jeweiligen Problem- und Fragehaltung ernst nimmt und darin spezifische Lernerfahrungen erm\u00f6glicht und f\u00f6rdert.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine aktuelle Fachzeitschrift f\u00fcr Erzieherinnen tr\u00e4gt im Untertitel den Dreiklang \u201eErziehung, Bildung und Betreuung\u201c und beschreibt damit den umfassenden, Familien erg\u00e4nzenden und beratenden Auftrag des Kindergartens. Weder geht es einseitig um Betreuung ohne Erziehung und Bildung, noch steht vorschulische Wissensvermittlung im Mittelpunkt. Ziel ist es vielmehr, die kindlichen Ressourcen wie Sprache, Motorik, Sozialkompetenz und Kreativit\u00e4t zu f\u00f6rdern und auf die Entwicklung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsf\u00e4higen Pers\u00f6nlichkeit hinzuwirken. Dabei wird jedes Kind als ganzheitliches Individuum gesehen und darf seine eigene Lerngeschichte haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der hessische Bildungsplan betont allerdings gerade im Bereich des Kindergartens die Bildung gegen\u00fcber der Erziehung st\u00e4rker und formuliert als Ziel \u201edie fr\u00fchere, nachhaltigere, individuellere und intensivere Bildung der Kinder\u201c. Sie sei \u201edie zentrale Voraussetzung, um in der von kontinuierlichem Wandel gepr\u00e4gten Welt auch in Zukunft zu bestehen.\u201c Auch wenn hier durchaus vom Kind her gedacht wird, n\u00e4hren solche Formulierungen doch die oft \u00fcbertriebene Erwartung, der Kindergarten habe besonders gro\u00dfe und sch\u00f6ne \u201eFr\u00fcchte\u201d zu erzielen, die sich sp\u00e4ter in der Leistungsgesellschaft behaupten k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u201eGras w\u00e4chst nicht schneller, wenn man an ihm zieht\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p>Wenn Lulu rebelliert und nicht mehr Klavier spielen will, hagelt es Strafen. Das Puppenhaus soll der Heilsarmee gespendet werden, wenn das Klavierst\u00fcck am n\u00e4chsten Tag nicht perfekt sitzt. Der Entzug des Mittag- und Abendessens sowie die Geburtstagspartys gleich f\u00fcr die n\u00e4chsten vier Jahre geh\u00f6ren ebenso zum Strafenkatalog.<\/p>\n\n\n\n<p>Die rabiaten Erziehungsmethoden der Yale-Professorin Amy Chua, bekannt als \u201eTigermama\u201c, werden auch hierzulande diskutiert. Und jede Kindertagesst\u00e4tte kann best\u00e4tigen, dass Eltern der aufstrebenden Mittelschicht schon hier Schulleistungen wie Lesen und Schreiben einklagen. Erfolg ist in der Wissensgesellschaft unabdingbar mit Bildung verkn\u00fcpft. Alle Eltern wollen das Beste f\u00fcr ihr Kind. Doch was ist das Beste?Bildung ist jedenfalls etwas anderes als Wissen. Bildung ist die umfassende Aneignung der Welt, sie umfasst musische und k\u00fcnstlerische F\u00e4higkeiten ebenso wie soziale Kompetenz. Ein Kind, das unter enormem Druck aufw\u00e4chst, kann sich kaum entfalten. Es kann Wissen abrufen, aber das vordringliche Gef\u00fchl wird doch eher Angst sein. Mit Angst kann das Kind aber nicht die Welt selbstbewusst erforschen, sich nicht die Welt neugierig aneignen. Dabei \u201earbeiten\u201c (wie es die Reformp\u00e4dagogin Maria Montessori formuliert hat) Kinder ganz freiwillig, sogar hoch konzentriert und ausdauernd. Die 14 Monate alte Lisa zum Beispiel liegt auf dem Teppich und sortiert Plastiksch\u00fcsseln. Sie versucht, die kleine Sch\u00fcssel in die gro\u00dfe zu stellen. Nicht einmal, auch nicht ein Dutzend mal, sondern immer und immer wieder \u2013 wenn man sie l\u00e4sst. Oder Max, der erstmals eine schiefe Ebene betritt, besser: bekrabbelt. Er probiert es mit gro\u00dfer Hartn\u00e4ckigkeit, und auch durch Misserfolge l\u00e4sst er sich nicht von seinem Vorhaben abbringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kinder erobern die Welt \u2013 sofort nach der Geburt. Ihre Energie, die Leistung ihres Gehirns, wird nie wieder so gro\u00df sein wie in den ersten zw\u00f6lf Monaten. Und alle Kinder finden den f\u00fcr sie passenden Weg. Die einen krabbeln zuerst r\u00fcckw\u00e4rts, die anderen rollen sich mehr als dass sie krabbeln. Aber egal, wie: Am Ende werden sie alle laufen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so ist es auch auf ihrem weiteren Weg der Bildung. Kinder gehen unterschiedliche Wege in unterschiedlichem Tempo. Sie zu f\u00f6rdern, erfordert deshalb nicht Drill, sondern dass man ihnen Zeit l\u00e4sst. Ein afrikanisches Sprichwort lautet: \u201eDas Gras w\u00e4chst nicht schneller, wenn man an ihm zieht.\u201c In diesem Sinne ist mehr Gelassenheit in der Erziehung angesagt. Denn nur gl\u00fcckliche Kinder k\u00f6nnen wirklich erfolgreich sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Kurt-Helmuth Eimuth 17. M\u00e4rz 2011 Brauchen Kinder einen gewissen Drill, um Leistung zu bringen? Sind Strafen ein notwendiges Mittel der Erziehung? Diese Auffassung der amerikanischen Professorin Amy Chua werden auch in Deutschland mit Interesse aufgenommen. 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