{"id":3667,"date":"2011-08-11T09:39:00","date_gmt":"2011-08-11T07:39:00","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=3667"},"modified":"2020-12-12T09:42:04","modified_gmt":"2020-12-12T07:42:04","slug":"geistliche-kampffuehrung-das-krude-weltbild-der-fundamentalisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=3667","title":{"rendered":"Geistliche Kampff\u00fchrung: Das krude Weltbild der Fundamentalisten"},"content":{"rendered":"\n<p>von <a href=\"https:\/\/www.efo-magazin.de\/magazin\/autoren\/kurt-helmuth-eimuth\/\">Kurt-Helmuth Eimuth<\/a> 26. August 2011<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In Norwegen ver\u00fcbt ein Terrorist Massenmord und beruft sich dabei auf die christlichen Kreuzritter. In Amerika ruft ein republikanischer Gouverneur zum Mega-Gottesdienst, um die Finanzkrise wegzubeten. Hinter solchen kruden Vorstellungen steht ein Weltbild, in dem das B\u00f6se als Teufel oder Satan personifiziert wird.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.efo-magazin.de\/media\/images\/ef_gettys_geistliche_kampffuehrung_kurt_helmut.width-900.jpg\" alt=\"Die Schuldenkrise wegbeten: Tausende folgten dem Aufruf von Rick Perry, Gouverneur von Texas und m\u00f6glicher Pr\u00e4sidentschaftskandidat der USA, zu einem Mega-Gottesdienst in Houston. Foto: Brandon Thibodeaux\/Getty Images\/AFP\"\/><figcaption>Die Schuldenkrise wegbeten: Tausende folgten dem Aufruf von Rick Perry, Gouverneur von Texas und m\u00f6glicher Pr\u00e4sidentschaftskandidat der USA, zu einem Mega-Gottesdienst in Houston. Foto: Brandon Thibodeaux\/Getty Images\/AFP<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Pfarrerin Lieve Van den Ameele war erstaunt \u00fcber die Anfrage, die im B\u00fcro der Gemeinde Fechenheim eintraf: Ob sie denn einen \u201eJesus-Marsch\u201c unterst\u00fctzen wolle. Als Veranstalter firmierte eine Bewegung namens \u201eHimmel \u00fcber Frankfurt\u201c. Auf deren Internetseite hei\u00dft es, man sei eine \u00fcbergemeindliche Bewegung von bibelgl\u00e4ubigen Christen, \u201edie ihrem Herrn Jesus Christus ernsthaft nachfolgen und SEINEN Auftrag erf\u00fcllen wollen\u201c. Ziel sei, \u201eden Thron Gottes in Frankfurt aufzurichten und die Stadt mit dem Wort Gottes zu f\u00fcllen, damit m\u00f6glichst viele Menschen zu Erkenntnis der Wahrheit, die Jesus Christus selbst ist, kommen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sprache klingt etwas merkw\u00fcrdig, aber auf den ersten Blick h\u00f6rt sich das unverf\u00e4nglich an. Doch der Jesus-Marsch ist ein Instrument der so genannten \u201egeistlichen Kampff\u00fchrung\u201c. Mit ihrer Hilfe sollen r\u00e4umlich begrenzte Gebiete \u201ezur\u00fcckerobert\u201c werden. Gemeint ist der Kampf gegen d\u00e4monische M\u00e4chte, die \u00fcber bestimmte Nationen, Regionen, St\u00e4dte und Wohngebiete oder sogar einzelne H\u00e4user und Wohnungen herrschen. Frankfurt mit seiner materialistischen und pluralistischen Kultur steht nach Ansicht dieser Bewegungen unter besonders starkem Einfluss d\u00e4monischer M\u00e4chte.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Vorstellungen gehen davon aus, dass es einen weltgeschichtlichen Kampf zwischen \u201eGut\u201c und \u201eB\u00f6se\u201c gibt. Engel und D\u00e4monen k\u00e4mpfen in den L\u00fcften miteinander, und Christinnen und Christen k\u00f6nnen durch ihr Handeln und Beten den Engeln und damit Gott selbst zum Sieg verhelfen. Dies geschieht meist durch Gebete und offensive Kampfansagen gegen die \u201eM\u00e4chte der Finsternis\u201c. Auf diese Weise soll die Herrschaft Satans und seiner D\u00e4monen gebrochen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mittel, derer man sich bedienen soll, sind haupts\u00e4chlich F\u00fcrbitte und offensives Gebieten \u201eim Namen Jesu\u201c sowie Lobpreis und Anbetung. Hierzu gibt es eine genaue Strategie. Zun\u00e4chst w\u00e4hlt man eine geographische Einheit aus. Die Gl\u00e4ubigen sollen sich einer pers\u00f6nlichen \u201eReinigung\u201c unterziehen. Bu\u00dfe, Fasten und Gebet sollen die \u201egeistliche Optik\u201c sch\u00e4rfen und dem \u201eFeind\u201c jegliche Angriffspunkte entziehen. Die Anwesenden stellen sich unter den \u201eSchutz des Blutes Jesu\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ferner soll die Region aus religionsgeschichtlicher Perspektive untersucht werden. Da praktisch alle nichtchristlichen Religionen als d\u00e4monisch gelten (au\u00dfer dem Judentum), findet sich hier immer ein Ansatzpunkt. Auch wird nach den in einer Region vorherrschenden S\u00fcnden gesucht. In Frankfurt gelten zum Beispiel das Rotlichtviertel und die Bankniederlassungen \u2013 als Anhaltspunkte f\u00fcr einen Geist der sexuellen Unzucht beziehungsweise der Habgier \u2013 als besonders belastet. Manche gehen dabei so weit, dass sie Landkarten in einzelne Territorien zerlegen, \u00fcber die jeweils ein bestimmter D\u00e4mon herrscht, um gezielt f\u00fcr geistliche Befreiung beten zu k\u00f6nnen. Diese Vorgehensweise bezeichnet man als \u201espiritual mapping\u201c. F\u00fcr eine erfolgreiche geistliche Kriegsf\u00fchrung ist die \u201eGeisterunterscheidung\u201c bedeutsam. Die Geister und ihre Namen m\u00fcssen identifiziert werden, damit man sie vertreiben kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vertreibung Satans und der D\u00e4monen geschieht durch Lobpreis und durch die Proklamierung des Namens Jesu. Dahinter steht letztlich ein magisches Verst\u00e4ndnis von Gebet: Man glaubt, dass das Beten und Rufen des Namens Jesu bewirkt, dass die d\u00e4monischen M\u00e4chte verschwinden. Solche \u201eWirkautomatismen\u201c sind im Prinzip ein in christlicher Verkleidung daher kommender Okkultismus. Denn nach der christlichen Lehre hat eben nicht der Mensch, sondern allein Gott die Wirkung eines Gebetes in der Hand.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Abschied vom Teufelsglauben<\/h3>\n\n\n\n<p>Christinnen und Christen, die sich das B\u00f6se als personifizierten Teufel oder Satan vorstellen, sto\u00dfen an eine gedankliche Grenze. Denn nach christlicher \u00dcberzeugung hat Gott ja die ganze Welt geschaffen \u2013 also auch den Teufel. Ein allm\u00e4chtiger Gott kann nicht im Kampf mit dem Teufel stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um diesem logischen Widerspruch zu entgehen, wird der Teufel oft als gefallener Bote Gottes gesehen. Das hei\u00dft, der Teufel \u00fcbt zwar Macht aus, aber grunds\u00e4tzlich k\u00f6nnte Gott diese Macht jederzeit zur\u00fcckfordern. Allerdings stellt sich dann die Frage, warum Gott den Teufel gew\u00e4hren l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Die moderne protestantische Theologie verzichtet g\u00e4nzlich auf personalisierte Teufelsvorstellungen. Die menschliche Freiheit besteht darin, sich f\u00fcr oder gegen etwas entscheiden zu k\u00f6nnen. Das B\u00f6se kommt nicht von au\u00dfen, sondern ist Teil des menschlichen Denkens und Handelns.<\/p>\n\n\n\n<p>Krieg und Terror, Finanzkrisen und Ungerechtigkeiten sind zwar sicherlich b\u00f6se, aber sie werden von Menschen angezettelt und ausgef\u00fchrt. Deshalb hilft dagegen auch keine Teufelsaustreibung \u2013 sondern nur Umkehr und Bu\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Terror und Fundamentalismus<\/h3>\n\n\n\n<p>Schnell waren Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die Attentate in Norwegen zur Hand. Zuerst vermuteten viele islamische Terroristen, dann wurde die krude Gedankenwelt von Anders Breivik mit christlichem Fundamentalismus in Verbindung gebracht. Doch auch damit hat er nichts zu tun. Seine Motivation war der Hass vor allem auf Menschen anderer Nationalit\u00e4t und Religion. So kommt Massimo Introvigne, italienischer Soziologe und Experte f\u00fcr neue religi\u00f6se Bewegungen, zu dem Schluss: \u201eWenn man eine Methode in seinem Wahnsinn finden will, so muss man den roten Faden in seinem Denken aufsp\u00fcren, und das ist in erster Linie seine Islam-Feindlichkeit, die sich im Westen bisher kaum gewaltsam manifestierte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hingegen gab Breivik klare Anleitungen f\u00fcr die Planung und Durchf\u00fchrung von Terroraktionen \u2013 von der Weitergabe seiner Sprengstoffkenntnisse bis zu strategischen \u00dcberlegungen zur Planung von Terrorakten. Breivik ist also ein Terrorist, der seine Taten mit verworrenen \u00dcberzeugungen begr\u00fcndet, die er von religi\u00f6sen Fundamentalisten \u00fcbernimmt, weil sie zu seinem Hass auf \u201eAndere\u201c passen \u2013 \u00e4hnlich ist es im \u00dcbrigen auch bei \u201eislamistischen\u201d Terroristen.<\/p>\n\n\n\n<p>Fundamentalismus und pseudoreligi\u00f6ser Terrorismus \u00e4hneln sich zwar im Hinblick auf ihre Intoleranz \u2013 man denke nur an den ehemaligen US-Pr\u00e4sidenten George W. Bush, der mit Blick auf feindliche L\u00e4nder von einer \u201eAchse des B\u00f6sen\u201c sprach. Oder auch an einen christlich fundamentalistischen Prediger, f\u00fcr den zum Umkreis d\u00e4monischer M\u00e4chte alle Hochreligionen Asiens und der Islam geh\u00f6ren, ebenso \u00fcbrigens Hom\u00f6opathie, Fu\u00dfzonenreflexmassage und andere alternative Heilmethoden, da sie eine \u201ed\u00e4monische Verf\u00fchrung\u201c darstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber w\u00e4hrend der Fundamentalist diese Auffassungen nur predigt und praktiziert, stellt sich der Terrorist selbst an Gottes Stelle. Er \u00fcberschreitet \u201edie Schwelle der Zu- und Aberkennung der Existenzberechtigung anderer\u201c, wie es der Psychiater Robert Jay Lifton formuliert. F\u00fcr Terroristen sind Menschen, die ihrer \u201eWahrheit\u201c entgegenstehen, Feinde, die massiv bek\u00e4mpft werden m\u00fcssen, wobei alle Mittel erlaubt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Sowohl Terrorismus als auch Fundamentalismus bedienen sich eines Weltbildes, in dem das Gute mit dem B\u00f6sen k\u00e4mpft. Konflikte zwischen Menschen, zwischen Nationen, zwischen Kulturen sind Teil dieses immer w\u00e4hrenden Kampfes. Man selbst steht nat\u00fcrlich auf der Seite des Guten. Ob nun islamische Staaten angeblich eine Achse des B\u00f6sen bilden oder ob der Islam Norwegen bedroht \u2013 das B\u00f6se greift an, und man selbst muss das Gute verteidigen.<\/p>\n\n\n\n<p>So gesehen greifen George W. Bush und der Attent\u00e4ter Breivik durchaus auf \u00e4hnliche Denkmuster zur\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Kurt-Helmuth Eimuth 26. August 2011 In Norwegen ver\u00fcbt ein Terrorist Massenmord und beruft sich dabei auf die christlichen Kreuzritter. In Amerika ruft ein republikanischer Gouverneur zum Mega-Gottesdienst, um die Finanzkrise wegzubeten. 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