{"id":3636,"date":"2018-01-17T01:27:00","date_gmt":"2018-01-16T23:27:00","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=3636"},"modified":"2020-12-12T01:29:26","modified_gmt":"2020-12-11T23:29:26","slug":"zusammenhalt-gibt-es-nur-wenn-fuer-alle-dieselben-regeln-gelten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=3636","title":{"rendered":"\u201eZusammenhalt gibt es nur, wenn f\u00fcr alle dieselben Regeln gelten\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>von <a href=\"https:\/\/www.efo-magazin.de\/magazin\/autoren\/kurt-helmuth-eimuth\/\">Kurt-Helmuth Eimuth<\/a> 17. Januar 2018<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Reich und Arm driften immer weiter auseinander, der Rechtspopulismus hat Aufwind, und traditionelle Institutionen verlieren das Vertrauen der Menschen: \u201eWas h\u00e4lt die Gesellschaft zusammen?<\/strong><strong>\u201c<\/strong><strong>&nbsp;Dar\u00fcber diskutierten Kirchen und Gewerkschaften in der Evangelischen Akademie am R\u00f6merberg.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.efo-magazin.de\/media\/images\/blog_00_oes_podium.width-900.jpg\" alt=\"Gro\u00dfes Interesse: Podiumsdiskussion unter anderem mit Kirchenpr\u00e4sident Volker Jung und Bischof Georg B\u00e4tzing in der Evangelischen Akademie am R\u00f6merberg. Foto: Rolf Oeser\"\/><figcaption>Gro\u00dfes Interesse: Podiumsdiskussion unter anderem mit Kirchenpr\u00e4sident Volker Jung und Bischof Georg B\u00e4tzing in der Evangelischen Akademie am R\u00f6merberg. Foto: Rolf Oeser<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Ausgangslage ist klar. Noch nie waren so viele Menschen in Deutschland in bezahlter Arbeit wie heute. Und doch klafft die Kluft zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Ein F\u00fcnftel aller Arbeitspl\u00e4tze sind im Niedriglohnsektor. Den Bereich der prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse sch\u00e4tzen manche gar auf 40 Prozent. Private Verm\u00f6gen haben einen H\u00f6chststand erreicht, und gleichzeitig w\u00e4chst die Armut. Dies verst\u00e4rkt auch in der Mittelschicht Abstiegs\u00e4ngste, nicht nur angesichts steigender Mietpreise. Und dann ist noch die AfD mit ihren Wahlerfolgen und ihrem Populismus, der vor rechtsextremen Parolen nicht halt macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Grund genug f\u00fcr die Kirchen und die Gewerkschaften in Hessen zu fragen: \u201eWas h\u00e4lt die Gesellschaft zusammen\u201c? Drei katholische Bist\u00fcmer (Fulda, Mainz und Limburg), drei evangelische Landeskirchen (Rheinland, Hessen-Nassau und Kurhessen-Waldeck) sowie der Deutsche Gewerkschaftsbund hatten erstmals zu einer gemeinsamen Diskussion geladen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ulrike Eifler vom DGB-S\u00fcdosthessen entwarf ein d\u00fcsteres Bild der derzeitigen Risse in der Gesellschaft. Das politische Klima sei nach rechts verschoben, die Bundestagswahl eine Z\u00e4sur, mit der man n\u00e4her an die Weimarer Verh\u00e4ltnisse in den 1920er Jahren r\u00fccke.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Baseler Soziologe Oliver Nachtwey warf einen analytischen Blick auf die heutigen gesellschaftlichen Prozesse. Sicher, die Gesellschaft erodiere und im Arbeitsleben vermissten viele die Solidarit\u00e4t. Doch trotz aller Dramatik komme man in Deutschland noch zusammen. Grunds\u00e4tzlich gelte, dass eine Gesellschaft dann zusammenh\u00e4lt, wenn die Menschen den Eindruck haben, dass alle sich an die gleichen Regeln halten. Das bedeutet nicht, dass es keine Unterschiede gibt. Nachtwey verglich das mit einem Haus, wo unten Menschen in einfachen Wohnungen leben, im ersten Stock die Wohnungen schon besser seien und oben geradezu luxuri\u00f6s \u2013 aber es richten sich doch alle nach derselben Hausordnung. Es gibt keine Sonderrechte und auch keine Parallelgesellschaften , anders als sie sich derzeit bei den \u201eoberen ein Prozent\u201c der Superreichen herausbildeten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die neoliberale Ausrichtung der Politik \u00fcberlasse alles dem Markt, der so etwas wie ein \u201eanonymer Gott\u201c geworden sei. Der Markt m\u00fcsse aber eingebettet sein in andere Bezugsgr\u00f6\u00dfen wie Familie, Freundschaften oder eine Dorfgemeinschaft. Der Limburger katholischen Bischof Georg B\u00e4tzing wies darauf hin, dass der Markt nicht an Normen interessiert ist. Gerechtigkeit, Gleichheit und die W\u00fcrde der Einzelnen m\u00fcssten daher als gesellschaftliche Norm durchgesetzt werden. Dazu sei, so Kirchenpr\u00e4sident Volker Jung, auch Empathie notwendig, also dass Menschen sich in die Lage von anderen hineinversetzen. Jung rief dazu auf die Demokratie weiterzuentwickeln, um Partizipation zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben der neoliberalen Ausrichtung sieht Nachtwey noch eine zweite Ursache f\u00fcr die derzeitigen gesellschaftlichen Spannungen, n\u00e4mlich die Individualisierung. Fr\u00fchere Formen der Vergemeinschaftung wie zum Beispiel Vereine verlieren an Bedeutung, die Einzelnen seien&nbsp; zunehmend auf sich alleine gestellt. Damit werden sie auch immer abh\u00e4ngiger von gesellschaftlichen Institutionen: Wer keine Gro\u00dfeltern in der N\u00e4he hat, ist mehr auf Krippe oder Kindergarten angewiesen, wer keine Kinder oder Verwandte in der N\u00e4he hat, muss bei Pflegebed\u00fcrftigkeit ins Heim. Und so entstehe das Paradox, dass die modernen Individuen gerade wegen ihres Individualismus immer abh\u00e4ngiger von der Gesellschaft werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Und was also nun tun? Nachtwey forderte Kirchen und Gewerkschaften dazu auf, sich einzumischen und auch f\u00fcr konkrete politische Ziele einzutreten, etwa f\u00fcr die Einf\u00fchrung einer Verm\u00f6genssteuer oder die Abschaffung von Leiharbeit. Bischof B\u00e4tzing war der Ansicht, dass die die meisten Probleme nicht auf der Ebene des Nationalstaates gel\u00f6st werden k\u00f6nnten. Angesichts der Globalisierung der M\u00e4rkte brauche es eine gr\u00f6\u00dfere Solidarit\u00e4t: \u201eEs gibt keine Alternative zu Europa. Europa muss st\u00e4rker werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Michael Rudolph vom DGB Hessen-Th\u00fcringen sieht die Gewerkschaften durchaus als einen Ort der Solidarit\u00e4t. Hier seien die unterschiedlichsten Berufsgruppen vereint, und es w\u00fcrden nicht nur Einzelinteressen vertreten, wie in den Spartengewerkschaften. Um die \u201eW\u00fcrde der Arbeit\u201c wieder herzustellen, m\u00fcsse die prek\u00e4re Besch\u00e4ftigung abgeschafft werden. Die gemeinsam von Kirchen und Gewerkschaften durchgef\u00fchrte Kampagne f\u00fcr einen arbeitsfreien Sonntag sei zum Beispiel ein Beitrag gegen die Entgrenzung der Arbeitswelt und gegen die zunehmende Vermischung von Freizeit und Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings wies Nachtwey auch darauf hin, dass das Vertrauen in traditionelle Institutionen wie eben Kirchen und Gewerkschaften ebenfalls bei vielen Menschen verloren gegangen sei. Jedes Jahr gebe es in Deutschland 300.000 Kirchenaustritte, die Mitgliederzahl der Gewerkschaften stagniere.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Kurt-Helmuth Eimuth 17. 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