{"id":3460,"date":"2020-08-08T02:40:00","date_gmt":"2020-08-08T00:40:00","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=3460"},"modified":"2020-12-10T02:43:13","modified_gmt":"2020-12-10T00:43:13","slug":"kirchensteuer-rabatt-fuer-juengere-drei-gruende-warum-das-keine-gute-idee-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=3460","title":{"rendered":"Kirchensteuer-Rabatt f\u00fcr J\u00fcngere? Drei Gr\u00fcnde, warum das keine gute Idee ist."},"content":{"rendered":"\n<p>von <a href=\"https:\/\/www.efo-magazin.de\/magazin\/autoren\/kurt-helmuth-eimuth\/\">Kurt-Helmuth Eimuth<\/a> 5. August 2020<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, schl\u00e4gt vor, die Kirchensteuer f\u00fcr Berufseinsteiger*innen zu senken. Klingt auf den ersten Blick zwar plausibel, wird aber so nicht funktionieren.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.efo-magazin.de\/media\/images\/2007_bedford-Strohm.width-900.jpg\" alt=\"Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, will j\u00fcngere Kirchenmitglieder finanziell entlasten. | Foto: BayernSPD, Flickr.com (cc by-nc-sa)\"\/><figcaption>Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, will j\u00fcngere Kirchenmitglieder finanziell entlasten. | Foto: BayernSPD, Flickr.com (cc by-nc-sa)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Evangelische Kirche in Deutschland diskutiert, ob f\u00fcr Berufseinsteiger die Kirchensteuer ausgesetzt oder reduziert werden soll. \u201eViele junge Menschen sind mit Studium und Ausbildung besch\u00e4ftigt, verlieren wom\u00f6glich den Kontakt zur Kirche. Und wenn sie dann ihr erstes Gehalt bekommen, fragen sie sich, warum sie Kirchensteuern zahlen sollen und treten aus\u201c, sagte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Beford-Strohm in einem Interview mit der Tageszeitung \u201eDie Welt\u201c. Ziel sei es, die Gruppe der 25- bis 35-J\u00e4hrigen \u201ein m\u00f6glichst hoher Zahl in der Kirche zu halten\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich tritt vor allem diese Altersgruppe in sehr hohen Zahlen aus der Kirche aus, dem will man verst\u00e4ndlicherweise entgegenwirken. Bei der ersten Lohnabrechnung stellen viele erstaunt fest, wie viele Abz\u00fcge vom Bruttogehalt es gibt, wie gro\u00df die Differenz zwischen Netto und Brutto. Die einzige Stellschraube, an der sich dann etwas \u00e4ndern l\u00e4sst, ist die Kirchenmitgliedschaft. Denn bei der Kirchensteuer handelt es sich nicht um eine unvermeidliche Steuer, sondern um einen Mitgliedsbeitrag \u2013 und wer nicht Mitglied ist, zahlt auch keinen Beitrag.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist der Grund, warum der Ratsvorsitzende diesen Beitrag am Anfang des Berufslebens m\u00f6glichst klein halten will, und damit auch die Austrittsneigung. Zumal gerade die 25- bis 35-J\u00e4hrigen f\u00fcr Wohnungseinrichtung oder auch Familiengr\u00fcndung jeden Cent gebrauchen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem greift die \u00dcberlegung in dreifacher Hinsicht zu kurz. Erstens: Ein Produkt, das ich nicht verwenden kann, kaufe ich nicht. Als Nichtschwimmer werde ich nicht in den Schwimmclub eintreten, egal wie hoch der Rabatt ist. Mag sein, dass mit so einer Ma\u00dfnahme einige Hundert oder auch Tausende vom sofortigen Austritt aus der Kirche abgehalten werden. Aber werden sie damit auch f\u00fcr die Kirche gewonnen? Die mangelnde Akzeptanz daf\u00fcr, eine Mitgliedsbeitrag zu zahlen, reicht tiefer, ihr Grund liegt in einer Entfremdung von Kirche und Glauben. Ein Kirchenaustritt steht meist am Ende eines langen Entfremdungsprozesse, der oftmals bereits \u00fcber Generationen angedauert hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens: Die Rabattierung des Mitgliedsbeitrages f\u00fcr bestimmte Gruppen konterkariert das Prinzip des heutigen Mitgliedsbeitrages, der an die Lohn- oder Einkommenssteuer gekoppelt ist: Neun Prozent davon gehen zus\u00e4tzlich an die Kirche. Indem der Kirchenmitgliedsbeitrag analog zur Einkommensteuer steigt und f\u00e4llt, ist er an die wirtschaftliche Lage der Mitglieder angepasst. Wer viel verdient, zahlt auch viel Kirchensteuer, wer kein Einkommen hat, muss auch der Kirche nichts bezahlen. Das ist sozial gerecht. Au\u00dferdem ist die Kirchensteuer als Mitgliedsbeitrag f\u00fcr eine gemeinn\u00fctzige Organisation wiederum steuerlich absetzbar, was bedeutet, dass sich die tats\u00e4chliche Belastung noch um 20 bis 48 Prozent verringert. Das ist ein kompliziertes System, aber im Ergebnis sozial ausgewogen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbrigens erhebt der Staat die Mitgliedsbeitr\u00e4ge f\u00fcr die Kirchen keineswegs umsonst, sondern l\u00e4sst sich daf\u00fcr bezahlen. Das Land Hessen zum Beispiel beh\u00e4lt drei Prozent der erhobenen Beitr\u00e4ge als Verwaltungspauschale ein. Dass die Mitgliedsbeitr\u00e4ge der Kirchen vom Finanzamt erhoben werden ist ein historisch entstandenes Arrangement, das aber f\u00fcr beide Seiten Vorteile hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Drittens schlie\u00dflich erhebt nicht die EKD, sondern die einzelnen Landeskirchen die Steuern. Bevor der Vorschlag des Ratsvorsitzenden Wirklichkeit werden kann, m\u00fcssten sich also alle 20 Landeskirchen auf ein solches Vorgehen einigen. Und es ist auch eine gute Tradition, dass man sich hier ebenfalls mit der katholischen Kirche abstimmt. Das wird kein einfacher Prozess.<\/p>\n\n\n\n<p>Klar ist: Die christlichen Kirchen in Deutschland stehen vor gewaltigen \u2013 auch finanziellen \u2013 Herausforderungen, die aktuell durch den coronabedingten Einbruch bei der Kirchensteuer noch einmal verst\u00e4rkt werden. Das kirchliche Angebot und die kirchlichen Strukturen werden sich grundlegend ver\u00e4ndern. Die Diskussion dar\u00fcber wird jetzt auch \u00f6ffentlich gef\u00fchrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Kurt-Helmuth Eimuth 5. August 2020 Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, schl\u00e4gt vor, die Kirchensteuer f\u00fcr Berufseinsteiger*innen zu senken. Klingt auf den ersten Blick zwar plausibel, wird aber so nicht funktionieren. 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