{"id":3424,"date":"2020-12-04T01:18:00","date_gmt":"2020-12-03T23:18:00","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=3424"},"modified":"2020-12-10T02:09:25","modified_gmt":"2020-12-10T00:09:25","slug":"frankfurter-aus-afrika-ein-buch-erinnert-an-jean-claude-diallo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=3424","title":{"rendered":"Frankfurter aus Afrika: Ein Buch erinnert an Jean Claude Diallo"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Mockup_Diallo.width-900.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"900\" height=\"504\" src=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Mockup_Diallo.width-900.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3425\" srcset=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Mockup_Diallo.width-900.jpg 900w, https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Mockup_Diallo.width-900-300x168.jpg 300w, https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Mockup_Diallo.width-900-768x430.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><figcaption>&#8222;Jean-Claude Diallo \u2013 Ein Frankfurter aus Afrika&#8220;, 264 Seiten, erschienen im Nomen Verlag<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Buchtitel h\u00e4tte nicht besser gew\u00e4hlt werden k\u00f6nnen. \u201eEin Frankfurter aus Afrika\u201c zeichnet ein buntes Mosaik eines ungew\u00f6hnlichen Menschen mit einer unglaublichen Biographie; fest verwurzelt in seinem Geburtsland Guinea, wo Jean Claude Diallo in einer kurzen Phase des demokratischen Aufbruchs Minister wurde, sowie in Frankfurt, wo er als erster Schwarzafrikaner die Position eines Stadtrats und Dezernenten f\u00fcr Integration \u00fcbernahm. Im Evangelischen Regionalverband leitete er den Fachbereich f\u00fcr \u00d6kumene und Ausl\u00e4nderarbeit. In einem von Diallos Ehefrau Barbara Gressert-Diallo herausgegebenen Buch kommen jetzt zahlreiche Weggef\u00e4hrt:innen des 2008 im Alter von 60 Jahren verstorbenen Psychologen zu Wort.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vielen unterschiedlichen Perspektiven lassen nicht nur ein lebendiges Bild des Menschen Diallo entstehen, sie zeigen auch sein gro\u00dfes Netzwerk. Als Student bricht Diallo auf, um in Europa zu studieren. Doch bald wird er eingeholt von den Vorg\u00e4ngen in seinem Heimatland Guinea. Diktator S\u00e9kou Tour\u00e9 brach damals die Beziehungen zu zahlreichen westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern ab, und die Studenten mussten 1971 die BRD verlassen und sich in Rom versammeln, wie Diallos Studienfreund Ansoumane Camara berichtet. Es ist spannend nachzulesen, wie er die Zeit dort verbrachte, schlie\u00dflich in der Schweiz studierte und schon damals sich eine Gruppe Guineer um ihn versammelte. Man kann sich gut vorstellen, wie die Studentenbude zum Treffpunkt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch Zufall h\u00f6rte Jean Claude Diallo 1980 im Radio davon, dass die Evangelische Kirche in Frankfurt einen Psychologen f\u00fcr die Arbeit mit politisch Gefl\u00fcchteten in ihrem Psychosozialen Zentrum (PSZ) suchte. So kam er nach Frankfurt und begann seine Laufbahn beim Evangelischen Regionalverband. 1984 ging er allerdings nach dem Tod von Tour\u00e9, nach 15 Jahren im Exil, erst einmal zur\u00fcck nach Conakry, in die Hauptstadt Guineas. Dort lernte er den neuen Staatschef Lansana Cont\u00e9 kennen und wurde noch im selben Jahr zum Staatssekret\u00e4r, sp\u00e4ter zum Minister f\u00fcr Information und Kultur ernannt. Malte Rauch berichtet \u00fcber ein aufregendes Filmprojekt damals mit Diallo. Nicht nur in die politische Situation wird Einblick gew\u00e4hrt, sondern auch in die soziale Lage eines der \u00e4rmsten L\u00e4nder der Welt. Trotz Haus und Dienstwagen war die finanzielle Absicherung f\u00fcr die Familie damals nicht gesichert, wie Barbara Gressert-Diallo sich erinnert: \u201eUnsere Bem\u00fchungen, ein ruhiges und normales Leben zu f\u00fchren, wurden immer wieder durch nicht vorhersehbare Ereignisse unterbrochen.\u201c Mit 300 DM Ministergehalt kam man selbst in Guinea nicht weit.<\/p>\n\n\n\n<p>Victor Pfaff beschreibt in dem Buch den R\u00fccktritt vom Ministeramt und die fluchtartige R\u00fcckkehr nach Deutschland. Der Anwalt f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsfragen hatte Diallo damals in Afrika besucht. Er schreibt: \u201eJean Claude hatte zwei Eigenschaften in das Amt mitgebracht, die unter den gegebenen Bedingungen v\u00f6llig fehl am Platze waren: Er war Gestalter und er war unbestechlich. Vor allem das Letztere erwies sich als lebensgef\u00e4hrlich.\u201c Nach beruflicher T\u00e4tigkeit in D\u00fcsseldorf \u00fcbernahm Diallo bald die Leitung des PSZ in Frankfurt, sp\u00e4ter dann Leitung des Fachbereichs \u00d6kumene und Ausl\u00e4nderarbeit des Evangelischen Regionalverbandes, zu dem zahlreiche Bildungs- und Therapieeinrichtungen geh\u00f6rten. Seine damalige Stellvertreterin Angelika Berghofer-Sierra erinnert sich: \u201eEr entschied nicht \u00fcber die K\u00f6pfe der Mitarbeitenden hinweg. H\u00e4ufig lagen vor Entscheidungen lange Diskussionsprozesse.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auch am Main mischte sich der Frankfurter aus Afrika politisch ein. Ab 1997 geh\u00f6rte er als Stadtrat und Dezernent f\u00fcr Integration dem Magistrat der Stadt an. Jutta Ebeling, B\u00fcrgermeisterin und Bildungsdezernentin nennt Diallo \u201eeinen Gl\u00fccksfall f\u00fcr die Stadt\u201c. Und weiter: \u201eEr war das intellektuelle wie sinnlich anschauliche Symbol f\u00fcr eine Politik der Multikulturalit\u00e4t.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Einen tiefen Einblick in das Familienleben gew\u00e4hren in dem Buch die vier Kinder. Ob Riten oder die ausgedehnten Urlaubsfahrten: Jean Claude Diallos Leben hatte viele Facetten, eben auch die des Familienvaters. Er legte Wert auf Rituale. So bat er kurz vor seinem Tod zu einem gemeinsamen Essen in intimer Runde. \u201eWenn man seinen christlichen Glauben kannte und seinen traditionellen Glauben kannte, wusste man: Da schwingt jetzt ein wenig Motivationstrainer kombiniert mit einer Prise \u00dcbersinnlichem mit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Offenheit f\u00fcr Neues zeigte sich auch in Diallos Mitgliedschaft bei den Freimaurern. Seinem Sohn David gegen\u00fcber begr\u00fcndete er sie so: \u201eWei\u00dft du, diese Treffen tun mir so gut. Einmal nur unter M\u00e4nnern zu sein ist etwas anderes, es ist f\u00fcr mich erholsam und entspannend.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Neben diesen und weiteren Berichten von Menschen, die Diallo kannten, enth\u00e4lt das Buch auch Texte von Diallo selbst, die belegen, f\u00fcr welche Ideale er gek\u00e4mpft hat. Besonders beeindruckend ist ein Beitrag mit dem Titel \u201eDer Mann aus der Zelle 18\u201c \u00fcber die Entw\u00fcrdigung und Folterung eines politisch Verfolgten.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Erinnerungsband wird die ganze Bandbreite von Diallos Leben ausgebreitet, ohne ihn zu glorifizieren. Diallo nahm die Herausforderungen des Lebens an und behielt seine Ideale fest im Blick. Dabei verbreitete er eine von Lebensfreude durchdrungene Atmosph\u00e4re. Wenn er freundlich l\u00e4chelnd in seinen afrikanischen Gew\u00e4ndern \u00fcber die Flure des Dominikanerklosters, dem Sitz des Evangelischen Regionalverbandes, schritt, sp\u00fcrte man etwas von seiner gewinnenden Pers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr alle, die ihn kannten, wird beim Lesen dieses Buches vieles wieder in Erinnerung gerufen. Aber es ist auch lesenswert f\u00fcr die, die ihn nicht kannten. Denn nicht nur ein Leben wird hier lebendig, sondern auch gesellschaftliche Spannungen und Konflikte, die sich gar nicht so sehr von den heutigen unterscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurt-Helmuth Eimuth<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Buchtitel h\u00e4tte nicht besser gew\u00e4hlt werden k\u00f6nnen. \u201eEin Frankfurter aus Afrika\u201c zeichnet ein buntes Mosaik eines ungew\u00f6hnlichen Menschen mit einer unglaublichen Biographie; fest verwurzelt in seinem Geburtsland Guinea, wo Jean Claude Diallo in einer kurzen Phase des demokratischen Aufbruchs Minister wurde, sowie in Frankfurt,<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,17],"tags":[456,454,4,455],"class_list":["post-3424","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-buchbesprechungen","tag-afrika","tag-diallo","tag-frankfurt","tag-migration"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3424","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3424"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3424\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3426,"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3424\/revisions\/3426"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3424"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3424"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3424"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}