{"id":3404,"date":"2019-11-11T23:13:00","date_gmt":"2019-11-11T21:13:00","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=3404"},"modified":"2021-07-04T09:32:43","modified_gmt":"2021-07-04T07:32:43","slug":"angehoerige-erzaehlen-marion-und-kurt-helmuth-eimuth","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=3404","title":{"rendered":"Angeh\u00f6rige erz\u00e4hlen: Marion und Kurt-Helmuth Eimuth"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Von Constanze Angermann<\/h2>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Eimuth_Pflege_Diakonie-0018klein.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Eimuth_Pflege_Diakonie-0018klein-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4415\" srcset=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Eimuth_Pflege_Diakonie-0018klein-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Eimuth_Pflege_Diakonie-0018klein-300x200.jpg 300w, https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Eimuth_Pflege_Diakonie-0018klein-768x512.jpg 768w, https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Eimuth_Pflege_Diakonie-0018klein-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Eimuth_Pflege_Diakonie-0018klein-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Eimuth_Pflege_Diakonie-0018klein-480x320.jpg 480w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Kurt-Helmuth Eimuth und Frau Marion : Theme Pflege mit Constanze Angermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Wir werden freundlich, aber bestimmt empfangen. Keinen Schritt d\u00fcrfen wir in die gem\u00fctliche, lichtdurchflutete Wohnung machen, ohne uns vorher die H\u00e4nde desinfiziert zu haben. Direkt neben der Eingangst\u00fcr steht eine kleine gr\u00fcne Flasche, die allen Besuchern in die Hand gedr\u00fcckt wird. Marion Eimuth beobachtet das Ritual vom Wohnzimmer aus und gibt einem erst dann die Hand. Und dann nimmt sie auch die Blumen. Er holt noch Wasser \u2013 f\u00fcr uns und f\u00fcr die Blumen \u2013, und dann setzen wir uns an den Tisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bilder lassen ihn nicht los. Wie seine Frau, schon benommen, noch versucht, aufrecht zu gehen, bis zum Krankenhaus. Wie sie die lange Fahrt inklusive Irrweg des Taxifahrers noch durchh\u00e4lt, bis sie dann, als sie das Krankenhaus endlich erreicht haben und l\u00e4ngst ahnen, dass etwas Schlimmes passiert ist, im Flur an der Anmeldung zusammenbricht. Sie kann sich nicht daran erinnern, auch nicht an die Angst. Aber ihm steckt das in den Knochen. \u201eSie war bewusstlos, sie war weg.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das, was er erlebt hat, war auch Antrieb: Ein Dreivierteljahr hatte er, um alleine ihr zuk\u00fcnftiges Leben zu organisieren. \u201eH\u00e4tten die mich in der Reha gefragt, ob sie noch zwei Wochen bleiben soll, h\u00e4tte ich auch nicht nein gesagt.\u201c Er wollte vorbereitet sein. Auf die Aufgabe, die er seitdem hat. \u201eDas wird immer untersch\u00e4tzt. Das ist ein Fulltime-Job. Den ganzen Tag sind Sie in Sorge und damit besch\u00e4ftigt, das alles irgendwie hinzukriegen. Da kommt der Beruf \u2013 und alles andere \u2013 erst an zweiter Stelle. Und das funktioniert nicht. Das setzt einen unter Druck.\u201c Morgens tut es inzwischen beiden gut, immer zur gleichen Zeit aufzustehen, damit sie vor seiner Arbeit alles schaffen. Zwei Stunden brauchen sie f\u00fcr Waschen, Anziehen, Fr\u00fchst\u00fcck. Denn sie kann nichts mehr alleine machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Schlaganfall. \u201eErst als ich Stroke Unit gelesen habe, wusste ich, was passiert ist.\u201c Ein schwerer Schlaganfall, der ihr fast alles nahm. Sie konnte nicht mehr sprechen, sie konnte sich nicht mehr bewegen, sie konnte nicht mehr schlucken. Allein das wieder zu lernen hat drei Monate gedauert. Und war so wichtig, da die k\u00fcnstliche Ern\u00e4hrung eine Belastung f\u00fcr den K\u00f6rper ist, sorgf\u00e4ltig gemacht werden muss, da sie sonst Entz\u00fcndungen hervorruft. Nicht jeder kann da so nachfragen \u2013 wie er. Und so viel lernen \u2013 wie sie. Nach einem halben Jahr brachte sie wieder einen Ton heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute r\u00e4uspert sie sich, lacht, st\u00f6hnt, singt und sagt Ja in 150 verschiedenen Variationen. Nein aber auch. \u201eSie glauben nicht, wie ein Nein moduliert werden kann! Sie kann auch schimpfen!\u201c Erz\u00e4hlt er mit einer Mischung aus Freude und Bedauern. Alle Jas und Neins werden begleitet von einer ihnen eigen gewordenen Geb\u00e4rdensprache. Und in der ist kein Platz f\u00fcr einen falschen Ton. Sie sind einander ehrlich zugetan, das ist der wertvollste Teil der Pflege. Trotz ihrer Einschr\u00e4nkung schaut er nicht auf sie herab, sondern ihr in die Augen. Auch oder gerade, wenn sie Nein sagt. Es geht vom gehauchten und gel\u00e4chelten Nein bis zum deutlichen und nachdr\u00fccklichen. Aber niemals ist es scharf. Ihr Nachdruck ist leise geworden. \u201eSie glauben doch nicht, dass wenn Besuch kommt und sie einen Fussel entdeckt, dass der da liegen bleiben kann. Der muss weg. Und das muss dann sofort passieren.\u201c Und beide lachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie k\u00f6nnten auch weinen. \u201eDas Leben ist einfach so. Es gibt keinen strafenden Gott, der uns das angetan hat. Das ist nicht unsere Vorstellung.\u201c Deshalb fragen sie sich auch nicht, warum ihnen das passiert ist. \u201eKlar k\u00f6nnte man fragen, warum wir. Aber man k\u00f6nnte auch fragen, warum nicht wir. Probleme muss man l\u00f6sen. Ich habe immer so gearbeitet, da mache ich das hier genauso.\u201c Also l\u00f6st er ein Problem nach dem anderen. Und es sind genug.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie erste Frage in der Reha war: \u201aIst eine Heimunterbringung geplant?\u2018 Da haben meine Tochter und ich wie aus einem Munde Nein gesagt. Nein, wir wollten nicht, dass sie ins Heim kommt. Aber wir wussten auch nicht, wie es wird. Und wissen es auch jetzt noch nicht.\u201c Sie mussten ausziehen aus ihrer gro\u00dfen Wohnung, in der sie zu viert und zu dritt gelebt hatten. In eine Wohnung mit Aufzug. Der ist klein. Da passt Marion Eimuth gerade mit ihrem Rollstuhl rein. Sonst nichts. \u201eZwei Wochen, bevor wir hier eingezogen sind, haben wir erst mal probiert, ob das \u00fcberhaupt geht. Denn sonst h\u00e4tten wir in diese Wohnung nicht einziehen k\u00f6nnen.\u201c Da die Wohnung aber nicht behindertengerecht gebaut war, mussten sie das Bad umbauen. Die Pflege beantragen, mit Verwandten sprechen, ob sie nach ihr schauen, wenn er arbeitet, Windelgeld beantragen, einen Rollstuhl. \u201eDas sind alles verschiedene Adressen. Das macht nicht der Arzt, der sie kennt. Sondern andere Stellen, die dann aber wieder an den Arzt verweisen, da es ein Rezept, eine Verordnung sein muss. Der wei\u00df doch gar nicht, was er im Laufe der Jahre alles verordnet hat.\u201c Ein Stehpult beantragen, an dem sie mit M\u00fche eine halbe Stunde am Tag steht, damit die Organe sich mal ausbreiten k\u00f6nnen. Denn sie werden durch das Sitzen dauernd gequetscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Krankengymnastik beantragen. Die Krankenkasse hat nun geschrieben, dass es medizinisch gesehen keinen Grund gebe, die Gymnastik weiterhin drei Mal die Woche zu finanzieren. Dabei lernt seine Frau, in kleinen Schritten, immer mehr zu bewegen. Sie bekommt wieder Kraft. Es gibt ein Gutachten dazu. Die Krankenkasse interessiert sich nicht daf\u00fcr. \u201eWir bewegen uns hier in Absurdistan. \u2013 Also Anwalt\u201c, sagt er. Und zuckt mit den Schultern. Sozialgericht. \u201eAber das dauert anderthalb Jahre, bis Sie da ein Urteil haben.\u201c Bis dahin bezahlt er die Krankengymnastik von seinem eigenen Geld, da er sieht, wie gut das seiner Frau tut. \u201eAber wer kann das schon?! Wir haben beide gute Jobs, meine Frau ist Kirchenbeamtin. Ich klemme mich dahinter, wir bekommen fast alles. Aber wer kann das denn sonst so machen? Sich auseinandersetzen mit Leuten, die eine ganz andere Sprache sprechen. Da immer wieder nachhaken.\u201c Nerven.<\/p>\n\n\n\n<p>Er tut das. Und k\u00e4mpft so auch gegen die Ohnmacht der ersch\u00f6pften Pflegenden. \u201eKrankheit macht arm. Sie haben ja Kosten. F\u00fcr den Rollstuhl das Zusatzrad. Damit Sie in Frankfurt \u00fcber das Kopfsteinpflaster fahren k\u00f6nnen. Ich m\u00f6chte wirklich mal, dass der gesamte Frankfurter Magistrat mit dem Rollstuhl \u00fcber den gepflasterten R\u00f6mer f\u00e4hrt. Das halten Sie keine f\u00fcnf Minuten aus. Warum macht man da keinen glatt asphaltierten Weg? Woanders gibt\u2019s das. Da benutzen den die Radfahrer\u201c, sagt er trocken. \u201eWenn es neu gemacht wird, hat man manchmal die Chance. Aber da muss man schon laut schreien, sich deutlich bemerkbar machen. Was denken die sich eigentlich dabei?\u201c Auch da k\u00e4mpft er, und man fragt sich, woher er die Kraft daf\u00fcr nimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es schwere Tage. Aber die haben sie eigentlich nicht miteinander. Sondern nur wenn Kurt-Helmuth Eimuth einen Termin hat, weg muss und irgendwas von den vielen kleinen Dingen nicht so klappt \u2013 dann ger\u00e4t er unter Druck. Der baut sich nicht so leicht wieder ab. Denn er ist ja eingebunden. In seine Arbeit. Er plant die evangelischen Kitas in Frankfurt. Noch ein Jahr, dann geht er in Rente. Bis dahin will er noch ein Buch fertig schreiben. Aber auch wenn er im Ruhestand ist, wird er arbeiten, etwas gestalten. \u201eNur pflegen, das k\u00f6nnte ich mir nicht vorstellen.\u201c Das will auch seine Frau nicht. Sie ist einerseits froh um die vielen Leute, die sich um sie k\u00fcmmern. Andererseits furchtbar ersch\u00f6pft. Denn jeder Mensch ist ein Reiz, jede Frage, die ihr gestellt wird, jedes Wort, das an sie gerichtet wird. Und jedes Wort, nach dem sie sucht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Eimuth_Diakonie-0006_481.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"481\" height=\"360\" src=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Eimuth_Diakonie-0006_481.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4414\" srcset=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Eimuth_Diakonie-0006_481.jpg 481w, https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Eimuth_Diakonie-0006_481-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 481px) 100vw, 481px\" \/><\/a><figcaption>Kurt-Helmuth Eimuth und Frau Marion : Theme Pflege mit Constanze Angermann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Logop\u00e4din kommt vier Mal die Woche; er schleppt eine Liste mit W\u00f6rtern an, die sie gerade lernt. Sie wei\u00df, wie leicht es ist, sie auszusprechen; deshalb ist es so schwer f\u00fcr sie zu ertragen, dass sie es nicht kann. Denn sie muss jedes einzelne wieder lernen. Sie hat es auf der Zunge, aber sie findet den ersten Buchstaben nicht. Er gibt ihn ihr. Und dann klappt es: \u201eK\u00e4se, Wein, Banane.\u201c Und \u2013 sehr deutlich: \u201e\u2026 zum Zeitpunkt der \u2026\u201c \u2013 \u201eDas ist ein Platzhalter\u201c, erkl\u00e4rt er. \u201eWenn sie etwas will und ich noch nicht das Richtige gesagt habe \u2026\u201c Er r\u00e4t sich durch die m\u00f6glichen Antworten durch. Bis sie mit einem Leuchten in den Augen bejaht, weil er das Richtige getroffen hat. Sie hat alles im Kopf und arbeitet daran, es auch \u00fcber die Zunge und die Lippen zu bekommen. \u201eUnd sie schafft das. Die Frau ist ehrgeizig!\u201c Man h\u00f6rt den Stolz in seiner Stimme. \u201eMeine Tochter ist \u00fcbrigens viel besser im Raten!\u201c Sie nickt, ein L\u00e4cheln schleicht sich in ihre Augen. Wenn die Tochter da ist, die wegen der Gesundheit in Kiel lebt, dann geht das den ganzen Tag so. Aber sie ist auch v\u00f6llig fertig danach. \u201eDas ist anstrengend, wirklich anstrengend f\u00fcr sie, aber eben auch sch\u00f6n.\u201c Ihre Tochter vermisst sie, um sie macht sie sich Sorgen. \u201eWenn wir nicht mehr sind \u2026\u201c Das sieht man Marion Eimuth an; das muss sie gar nicht sagen. \u201eAber\u201c, sagt er, \u201emeine Tochter ist 36. Sie hat sich ihr Leben organisiert, selbst wenn auch sie ein nicht ganz einfaches hat. Die kann das. Und ich kann das nicht auch noch. Ich habe hier meine Baustelle.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die fordert ihn. Jeden Morgen, jeden Abend. Das gleiche wichtige Ritual, das ihr Leben zusammenh\u00e4lt. Sie haben gemerkt, dass es nur so geht. Den Ausflug mit dem Rollstuhl, die gemeinsame Runde, die gibt es nur am Wochenende. Denn die ist m\u00fchsam und kostet Stunden. Manchmal drehen Verwandte oder Freunde die Runde mit ihr. Denn er muss auch noch ihr Elternhaus ausr\u00e4umen. Seit Generationen hat es der Familie geh\u00f6rt. Das herzugeben tut ihr weh. Aber sie sieht, dass sie nie mehr hinkommt. Und deshalb r\u00e4umt er es jetzt aus, so wie er damals die gro\u00dfe Wohnung leer ger\u00e4umt hat. Sie musste sich von ihrem Geschirr trennen, er sich von seiner Modelleisenbahn. Denn die neue Wohnung ist nur halb so gro\u00df. \u201eGenug Geschirr haben wir aber noch immer.\u201c Und ein paar Modellh\u00e4uschen und Bahnen auch noch. Und viele B\u00fccher. \u201eMeine Frau kauft sie immer, und die anderen lesen sie dann vor.\u201c Nur ein paar Zeilen schafft sie. Dann legt sie das Buch doch weg. Lesen ist f\u00fcr sie zu anstrengend.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn ihr Hirn steht unter Stress. Denn nach dem Schlaganfall bekam sie eine Lungenentz\u00fcndung. Sp\u00e4t noch, es ging ihr schon deutlich besser, sie machte Fortschritte. Die \u00c4rzte hatten nicht mehr damit gerechnet \u2013 und pl\u00f6tzlich die Lungenentz\u00fcndung, schwere Kr\u00e4mpfe und epileptische Anf\u00e4lle. Sechs Wochen lag sie im k\u00fcnstlichen Koma. Sechs Wochen lang fragte er sich, ob sie je wieder eigenst\u00e4ndig atmen w\u00fcrde. \u201eAtmen ist leben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Seither kann sie nicht mehr alleine aus dem Rollstuhl aufstehen. Sie nimmt schwere Antiepileptika, die sie zum Gl\u00fcck gut vertr\u00e4gt. Es war ein R\u00fcckschlag f\u00fcr sie \u2013 und f\u00fcr ihn. Auch da hadert er nicht. \u201eEs ist keine Pr\u00fcfung. Es ist einfach so. Man muss es umdrehen. Wir sind beide am Leben. Nat\u00fcrlich ist es nicht ganz einfach, aber wir haben uns drauf eingestellt. Es ist gut so. Alles gut.\u201c Es ist, als spreche er sich selbst Mut zu. Als sei er seine eigene Kraftzelle. Leise sagt er dann: \u201eNat\u00fcrlich fehlt mir oft der Schlaf, wenn sie nachts raus muss oder ihr schlecht wird oder schwindlig. Ich komme dann nicht zur Ruhe. Meine Tochter hat Bilder in der Reha gemacht, wie ich neben dem Bett meiner Frau auf dem Stuhl eingeschlafen bin.\u201c \u2013 Was er f\u00fcr sich tut: Fahrrad fahren. Er wollte ihr eine Art Lastenfahrrad f\u00fcr den Rollstuhl kaufen, damit sie mitfahren kann. Das wollte sie nicht. Also macht er das allein. Und l\u00e4sst sie auch allein. \u201eEine Stunde oder so.\u201c Denn wenn das l\u00e4nger geht, wird er unruhig. Wenn sie allein ist \u2013 und die Wasserflasche ist leer. Dann kann sie sich kein neues Wasser vom Hahn holen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Hilflosigkeit mitzudenken, das muss man lernen. Und sich einstellen auf die Bed\u00fcrfnisse des anderen. Aber die eigenen dabei nicht aus den Augen verlieren. Das ist der Balanceakt. Denn wenn er sich verausgabt, bis zur Ersch\u00f6pfung, hat auch sie nichts davon. Am Anfang, da hat er den Fehler gemacht. In der Reha war er jeden Vormittag und jeden Nachmittag. \u201eDas hat die Pflege entschieden verbessert. Einmal habe ich mitbekommen, wie der Therapeut, mit dem sie laufen lernen sollte, zur T\u00fcr reingeguckt hat und gesehen hat, dass sie noch nicht fertig \u2013 noch nicht gewaschen, nicht angezogen \u2013 war. Da ist er eben wieder gegangen.\u201c Also hat er immer drauf geachtet, dass sie versorgt war, damit in der Reha genau das passieren konnte, weshalb sie dort war. \u201eIch mache denen aber keinen Vorwurf, das ist einkalkuliert. Die sind zu wenig. Ich habe auch gelernt, eine Pflegekraft nicht anzusprechen, wenn die f\u00fcr 40 Patienten die Tabletten sortiert. Das ist hochkomplex. Da m\u00fcssen Sie sich konzentrieren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das macht er auch. Sich konzentrieren. Auf die Politik. Denn die ist verantwortlich daf\u00fcr. \u201eSo was Aberwitziges wie dieses Pflegesystem habe ich noch nicht gesehen. Es ist vollgestopft mit Spezialwissen und mit Vorschriften, die keiner versteht, verstehen kann. Das System ist darauf angelegt, dass es die wenigsten schaffen, diesen Wust zu durchdringen. Das habe ich aus dem Bundesgesundheitsministerium schriftlich. Wenn wir allen Leuten zahlen w\u00fcrden, worauf sie Anspruch h\u00e4tten, dann w\u00fcrde das Budget nicht reichen. Das hei\u00dft doch, dass die Ausbeutung der Leute eingepreist ist. Nur 20 Prozent bekommen das, was ihnen zusteht. Die, die sich nicht wehren k\u00f6nnen, die sprachlich nicht so gewandt sind, nicht so versiert im Durchdringen dieser Vorschriften, die fallen hinten runter. Und dabei haben\u02bcs die am n\u00f6tigsten. Da kann man schon verzweifeln.\u201c Genau das will er aber nicht. Deshalb nagelt er sie alle fest, die zust\u00e4ndigen Bundestagsabgeordneten im Wahlkampf, die zust\u00e4ndige Abgeordnete f\u00fcr Pflege der SPD-Landtagsfraktion. Sie alle stimmen ihm zu. \u201eAber keiner macht was. Keiner traut sich ran. Im Koalitionsvertrag steht, dass da was zusammengef\u00fchrt werden soll. Die h\u00e4usliche Pflege \u2013 die ja dieses System rettet, denn Heimpl\u00e4tze gibt es nicht genug \u2013 zu st\u00e4rken, die Leute zu qualifizieren. Ich w\u00fcrde das machen.. Aber in Frankfurt gibt es das gar nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sechs Jahre lang ist noch alles drin \u2013 nach einem Schlaganfall. Haben ihm die \u00c4rzte gesagt. Und dass auch ein \u00e4lteres Hirn lernt. Daran h\u00e4lt er sich fest. Gerade haben sie ihren 65. Geburtstag gefeiert. Mit vielen Freunden. Sie wollte erst nicht, sie musste dazu \u00fcberredet werden. Dann hat sie den ganzen Tag gestrahlt. Und jetzt hat sie die sch\u00f6ne Erinnerung daran. Es geht weiter. Jeden Tag. Mit ihr, mit ihm und mit ganz vielen anderen, die helfen. Um ein Kind gro\u00dfzuziehen, braucht man ein Dorf. Um jemanden zu pflegen, auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Was passieren muss, damit ich weiter gut pflegen kann: \u201eEs muss entb\u00fcrokratisiert werden. Die Leute brauchen eine Adresse, an die sie sich wenden k\u00f6nnen, nicht hundert verschiedene Formulare und Ansprechpartner. Und es muss so klar formuliert sein, dass die, die es brauchen, es auch verstehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Interview f\u00fchrte Constanze Angermann<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Constanze Angermann Wir werden freundlich, aber bestimmt empfangen. Keinen Schritt d\u00fcrfen wir in die gem\u00fctliche, lichtdurchflutete Wohnung machen, ohne uns vorher die H\u00e4nde desinfiziert zu haben. Direkt neben der Eingangst\u00fcr steht eine kleine gr\u00fcne Flasche, die allen Besuchern in die Hand gedr\u00fcckt wird. 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