{"id":3302,"date":"2018-03-31T12:33:11","date_gmt":"2018-03-31T10:33:11","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=3302"},"modified":"2018-06-20T23:47:00","modified_gmt":"2018-06-20T21:47:00","slug":"pflegegeld-es-soll-gar-nicht-in-anspruch-genommen-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=3302","title":{"rendered":"Pflegegeld: Es soll gar nicht in Anspruch genommen werden"},"content":{"rendered":"<p><b>Theoretisch k\u00f6nnen pflegende Angeh\u00f6rige 929 Euro im Monat von den Pflegekassen bekommen. Praktisch nimmt das kaum jemand komplett in Anspruch. Denn der b\u00fcrokratische Dschungel der dabei durchquert werden muss, ist viel zu kompliziert. Unser Autor hat das selbst erlebt. Aber immerhin kleine Verbesserungen sind jetzt in Aussicht.<\/b><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Foto-ef.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-3300 alignleft\" src=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Foto-ef-300x213.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"213\" srcset=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Foto-ef-300x213.jpg 300w, https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Foto-ef-768x545.jpg 768w, https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Foto-ef-560x397.jpg 560w, https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Foto-ef-260x184.jpg 260w, https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Foto-ef-160x113.jpg 160w, https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Foto-ef.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Ohne die Angeh\u00f6rigen w\u00fcrde das deutsche Pflegesystem zusammenbrechen: Drei von vier pflegebed\u00fcrftigen Menschen werden zuhause versorgt, nur bei einem Drittel davon kommt zur Unterst\u00fctzung ein professioneller Pflegedienst. Diese h\u00e4usliche Pflege geschieht mit viel Einsatz, und oftmals \u00fcberfordern sich die Familien.<br \/>\nDie Pflegekassen gew\u00e4hren unterschiedliche Hilfen. Pauschal gezahlt wird nur ein grundlegendes Pflegegeld in H\u00f6he von 545 Euro im Monat bei Pflegegrad III (ohne Inanspruchnahme eines ambulanten Pflegedienstes). Alles andere muss einzeln beantragt und nachgewiesen werden, zum Beispiel 40 Euro im Monat f\u00fcr Pflegemittel, 18 Euro f\u00fcr technische Hilfsmittel, 125 Euro \u201eEntlastungsbetrag\u201c und so weiter. Manche Zusch\u00fcsse gelten monatlich, andere j\u00e4hrlich.<br \/>\nSobald man das theoretisch zustehende Geld auch tats\u00e4chlich bekommen m\u00f6chte, entfaltet sich eine aufw\u00e4ndige B\u00fcrokratie. Jede Windelrechnung muss belegt und der Kasse vorgelegt werden. Auch die Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter dort stehen vor einem Dschungel aus Regelungen und Vorschriften, was oft zu falschen Berechnungen f\u00fchrt.<br \/>\nKein Wunder also, dass vieles gar nicht erst beantragt wird. Nur zehn Prozent der Pflegenden nehmen die Verhinderungspflege in Anspruch. Verhinderungs- und Kurzzeitpflege springen ein, wenn die Angeh\u00f6rigen einmal ausfallen, zum Beispiel weil sie in Urlaub fahren oder selbst krank sind. F\u00fcr eine kurzzeitige Unterbringung in einem Pflegeheim oder andere Pflegedienstleistungen k\u00f6nnen Angeh\u00f6rige gut 2400 Euro im Jahr bekommen, 1612 Euro f\u00fcr die so genannte \u201eVerhinderungspflege\u201c, 806 Euro f\u00fcr \u201eKurzzeitpflege\u201c. Wie gesagt. Theoretisch. Praktisch werden diese Zusch\u00fcsse in neun von zehn F\u00e4llen nicht abgerufen.<br \/>\n\u00c4hnlich ist es mit dem so genannten \u201eEntlastungsbetrag\u201c von monatlich 125 Euro, der eigentlich dazu dienen soll, Hilfe im Haushalt zu finanzieren. Aber kaum jemand kann sie beanspruchen, weil daf\u00fcr eine haushaltsnahe Dienstleistung bei einem Pflegedienst abgerufen werden muss. Den Pflegediensten fehlt hierf\u00fcr aber schlicht das Personal, au\u00dferdem sind sie teuer: Eine Reinigungskraft kostet hier rund 30 Euro die Stunde, das hei\u00dft, der Zuschuss w\u00fcrde gerade mal vier Stunden im Monat refinanzieren.<br \/>\n\u201eGut gemeint, aber schlecht gemacht\u201c, sagt der Sozialverband VdK in seiner Mitgliederzeitung vom Februar 2018 \u00fcber dieses System. Denn eine solche B\u00fcrokratie bedeutet auch, dass sie Menschen bevorzugt, die mit Formularen, \u00c4mtern und Antr\u00e4gen gut zurechtkommen.<br \/>\nW\u00fcrde man die theoretisch zur Verf\u00fcgung stehende Summe pauschal an die Pflegenden zahlen, k\u00e4men 929 Euro pro Monat zusammen. Das klingt nach viel Geld, allerdings ist das relativ: Ein ambulanter Pflegedienst wird schlie\u00dflich mit 1298 Euro im Monat finanziert, ein Heimplatz kostete zwischen 3000 und 4000 Euro im Monat. H\u00e4usliche Pflege kommt die Allgemeinheit also mit Abstand am g\u00fcnstigsten.<br \/>\nEs entsteht der Eindruck, dass das System schon daraufhin kalkuliert ist, dass nicht alle Berechtigten die ihnen zustehenden Leistungen in Anspruch nehmen.\u00a0So antwortet das Gesundheitsministerium auf eine entsprechende Anfrage des Autors vom Juli vorigen Jahres: \u201eEine pauschale Auszahlung h\u00e4tte zur Folge, dass der Finanzrahmen der Pflegeversicherung gesprengt w\u00fcrde. Um das System finanzierbar zu halten, m\u00fcssten Leistungen insgesamt erheblich abgesenkt oder gar gestrichen werden oder der Beitragssatz m\u00fcsste erheblich angehoben werden.\u201c<br \/>\nUnmissverst\u00e4ndlich wird darauf aufmerksam gemacht, dass die Pflegeversicherung nicht daf\u00fcr gedacht ist, pflegebed\u00fcrftige Menschen generell abzusichern, sondern dass diese Aufgabe den Angeh\u00f6rigen zufallen soll. So schreibt das Gesundheitsministerium weiter: \u201eEs ist unver\u00e4ndert gesellschaftlicher Konsens \u2013 und dies spiegelt sich auch im Willen des Gesetzgebers wider \u2013 dass die Pflege vorrangig als Aufgabe der famili\u00e4ren Einstands- und Unterhaltspflichten erbracht werden soll. Danach sollen m\u00f6glichst Angeh\u00f6rige f\u00fcr die Versorgung ihrer pflegebed\u00fcrftigen Familienmitglieder sorgen. \u2026 Die Leistungen der Pflegeversicherung und die ggf. dar\u00fcber hinaus zu gew\u00e4hrenden Leistungen der Sozialhilfe bei Pflegebed\u00fcrftigkeit wirken insoweit erg\u00e4nzend und sollen die Pflege durch Angeh\u00f6rige unterst\u00fctzen.\u201c<br \/>\nKlartext: Der Staat f\u00fchlt sich nicht daf\u00fcr zust\u00e4ndig, die Pflege kranker und alter Menschen sicherzustellen, sondern sieht seine Aufgabe lediglich darin, f\u00fcr eine minimale Grundausstattung zu sorgen, falls die \u201eNormalit\u00e4t\u201c \u2013 dass also Angeh\u00f6rige gratis und ohne gro\u00dfe Entsch\u00e4digung die Pflege \u00fcbernehmen \u2013 einmal ausf\u00e4llt. Konsequenterweise wendet Deutschland auch nur 1,4 Prozent seines Bruttosozialprodukts f\u00fcr die Pflege auf, die skandinavischen L\u00e4nder hingegen fast vier Prozent.<br \/>\nOb diese Einsch\u00e4tzung der Realit\u00e4t auch f\u00fcr die Zukunft noch realistisch ist, ist jedoch fraglich. Immerhin haben politische Debatten zu dem Thema inzwischen begonnen. So sieht zum Beispiel die CDU\/CSU-Bundestagsfraktion den Grund daf\u00fcr, dass so viele Leistungen nicht in Anspruch genommen werden, nicht in den komplizierten Antragsverfahren, sondern in der Unkenntnis der Betroffenen. Deshalb m\u00f6chte man die Informationsm\u00f6glichkeiten verst\u00e4rken.<br \/>\nAuf professionelle Beratung setzt auch der Frankfurter Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour von B\u00fcndnis90\/Die Gr\u00fcnen: \u201ePflegebed\u00fcrftigen Menschen in schwierigen Versorgungssituationen (und was anderes w\u00e4re eine vielleicht sogar \u00fcberraschende Pflegesituation) soll bei Bedarf ein individueller Case-Manager zur Seite gestellt, der ein passendes Versorgungssetting zusammenstellen kann.\u201c Nur: Diese Case-Manager m\u00fcssten ja auch bezahlt werden \u2013 w\u00e4re es nicht besser, das Geld f\u00fcr die Pflege selbst auszugeben?<br \/>\nDie FDP hingegen stimmt dem Vorschlag der Pauschalierung zu. \u201eGerade im Bereich der Pflege spielt der Zeitfaktor eine gro\u00dfe Rolle. Je mehr b\u00fcrokratische Pflichten von den Pflegenden erf\u00fcllt werden m\u00fcssen, umso weniger Zeit steht f\u00fcr den Pflegebed\u00fcrftigen zur Verf\u00fcgung\u201c, sagt der Vorsitzende der hessischen Landtagsfraktion Ren\u00e9 Rock.<br \/>\nEine deutlich andere Akzentuierung als ihr Parteifreund Nouripour setzt auch Elisabeth Scharfenberg, die im vorigen Bundestag Sprecherin der Gr\u00fcnen f\u00fcr Altenpolitik und Pflege war. Sie stellt sich hinter eine Stellungnahme der Bundesarbeitsgemeinschaft f\u00fcr Freie Wohlfahrtspflege, die gefordert hatte, \u201edie Leistungen der Verhinderungspflege, der Kurzzeitpflege und die zus\u00e4tzlichen Betreuungsleistungen \u2026 in einem so genannten Entlastungsbetrag zusammenzufassen, damit sie ganz flexibel je nach Bedarf eingesetzt und kombiniert werden k\u00f6nnen\u201c. Damit w\u00e4ren die Angeh\u00f6rigen von vielen b\u00fcrokratischen Lasten und Antragsverfahren befreit.<br \/>\nDieser erste kleine Schritt der Entb\u00fcrokratisierung findet sich auch im aktuellen Koalitionsvertrag von SPD und CDU\/CSU im Bund. Die neue Bundesregierung will \u201eKurzzeit- und Verhinderungspflege sowie in der Tages-und Nachtpflege, die besonders pflegende Angeh\u00f6rige entlasten, zu einer guten pflegerischen Infrastruktur\u201c zusammenfassen. Bleibt abzuwarten, wann und wie das umgesetzt wird.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/evangelischesfrankfurt.de\/magazin\/autoren\/kurt-helmuth-eimuth\/\">Kurt-Helmuth Eimuth<\/a> 12. M\u00e4rz 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Theoretisch k\u00f6nnen pflegende Angeh\u00f6rige 929 Euro im Monat von den Pflegekassen bekommen. Praktisch nimmt das kaum jemand komplett in Anspruch. Denn der b\u00fcrokratische Dschungel der dabei durchquert werden muss, ist viel zu kompliziert. 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