{"id":2206,"date":"2013-02-12T10:25:45","date_gmt":"2013-02-12T10:25:45","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=2206"},"modified":"2020-12-30T16:31:15","modified_gmt":"2020-12-30T14:31:15","slug":"nur-wenige-lehnten-den-ns-staat-ab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=2206","title":{"rendered":"\u201eNur wenige lehnten den NS-Staat ab\u201c"},"content":{"rendered":"<h2 id=\"article-headline\">\u201eNur wenige lehnten den NS-Staat ab\u201c<\/h2>\n<div id=\"article-content\">\n<p><strong>Vor 80 Jahren wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler gew\u00e4hlt. J\u00fcrgen Telschow hat die Auswirkungen des Nationalsozialismus auf die evangelische Kirche in Frankfurt untersucht. Ein Interview.<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/evangelischesfrankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/03-khe-Telschow.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"J\u00fcrgen Telschow\" src=\"http:\/\/evangelischesfrankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/03-khe-Telschow.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"400\"><\/a><\/p>\n<p>Herr Telschow, Sie haben \u00fcber den \u201eKirchenkampf\u201c in Frankfurt geforscht. Um was ging es denn dabei?<\/p>\n<blockquote><p>Wenn man den Begriff traditionell verwendet, ging es um eine Auseinandersetzung innerhalb der evangelischen Kirche zwischen den \u201eDeutschen Christen\u201c, die der Ideologie des Nationalsozialismus folgten, und einer kirchlichen Richtung, die sich \u201eBekennende Kirche\u201c nannte. Sie bestand auf einer theologischen und organisatorischen Eigenst\u00e4ndigkeit gegen\u00fcber dem NS-Staat. Damit wird aber eigentlich verdeckt, dass meines Erachtens der Gegner der Bekennenden Kirche gar nicht die Deutschen Christen waren, sondern der NS-Staat. Die Bekennende Kirche hat zwar an einem ganz entscheidenden Punkt der Gleichschaltung widerstanden, aber sie hat mitgemacht oder toleriert oder sich weggeduckt bei all dem anderen, was dieser NS-Staat \u00fcber Deutschland und die Welt gebracht hat. Mit dem Begriff \u201eKirchenkampf\u201c konnte sie ihr Bild von dem K\u00e4mpfer gegen das Unrecht schlagwortartig skizzieren.<\/p><\/blockquote>\n<p>Man kann also nicht sagen, dass die Bekennende Kirche Widerstand geleistet h\u00e4tte?<\/p>\n<blockquote><p>Nein. Es gab in der Bekennenden Kirche nur ganz wenige, die den NS-Staat grunds\u00e4tzlich abgelehnt haben.<\/p><\/blockquote>\n<p>Sie schreiben, dass das protestantische Milieu eine N\u00e4he zum Nationalsozialismus gehabt h\u00e4tte. Wie erkl\u00e4rt sich das?<\/p>\n<blockquote><p>Von der Urchristenheit her sind die Christen aufgerufen worden, den Staat, ganz gleich wie er ausschaut, als von Gott gegeben anzusehen. Es gibt das bekannte Wort von R\u00f6mer 13, wo es nicht nur hei\u00dft: \u201eSeid Untertan der Obrigkeit\u201c, sondern es geht weiter: \u201e\u2026 denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott\u201c. Und so haben die Christen \u00fcber 2000 Jahre damit gelebt, dass man sich dem Staat zu unterwerfen hat. Dann hatten sie erhebliche Probleme, die Weimarer Republik als eine Obrigkeit von Gott anzusehen, weil die Regierung von Menschen gew\u00e4hlt war. Es fiel ihnen leichter, Hitler als von Gott Gesandten anzusehen und damit in die alten Denkmuster zu verfallen. Auch geh\u00f6rten die Pfarrer als Teile des B\u00fcrgertums einer Bev\u00f6lkerungsgruppe an, die dem Verlust der Monarchie nachtrauerte, schockiert \u00fcber die Formen des Atheismus war, und die moderne Zeit mit der Liberaliti\u00e4t in der Gesellschaft kritisch sah.<\/p><\/blockquote>\n<p>Sie schreiben, dass sich die Deutschen Christen die rassistische Ideologie zu Eigen gemacht h\u00e4tten. Dies sei sogar konstitutiv gewesen.<\/p>\n<blockquote><p>Das ist das Erschreckende. Theologisch war ja die evangelische Kirche schon seit der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts sehr gespalten \u2013 zwischen den pietistischen Traditionalisten und der so genannten liberalen Theologie, die Glauben mit Wissenschaft und Kultur vereinbaren wollte. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich mit Karl Barth eine theologische Richtung entwickelt, die den Liberalen vorwarf, dass sie theologische Fragen zu sehr mit kulturellen Fragen vermischten und nicht mehr nur aufs Evangelium schauten. Karl Barth hat daf\u00fcr gek\u00e4mpft, dass man ausschlie\u00dflich das Evangelium als Richtschnur betrachtet und es nicht mit anderen Philosophien oder weltanschaulichen Elementen verbindet. Das Eigenartige ist, dass dann parallel dazu mit den Vorl\u00e4ufern der Deutschen Christen genau das Umgekehrte passierte: Jetzt war es nicht die Kultur und die Wissenschaft, denen man sich ann\u00e4herte, sondern es waren pl\u00f6tzlich rassische Fragen oder das F\u00fchrerprinzip.<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber es gab in Frankfurt auch Widerstand gegen\u00fcber dem Besch\u00e4ftigungsverbot von nicht \u201ereinarischen\u201c \u00c4rzten, zum Beispiel in evangelischen Krankenh\u00e4usern.<\/p>\n<blockquote><p>Die Frage, wie die evangelische Kirche mit Juden und insbesondere getauften Juden umgegangen ist, besch\u00e4ftigt uns bis heute. Es ist nicht ganz zuf\u00e4llig, dass die Pfarrerschaft der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten weitgehend zugestimmt hat. Erst in dem Moment, als auch in der Kirche der \u201eArierparagraph\u201c eingef\u00fchrt wurde, also das Verbot, nicht \u201ereinarische\u201c Menschen im kirchlichen Dienst zu besch\u00e4ftigen, begann man, sich zu wehren. Es ist interessant, wenn man sich dazu die drei der Landeskirche nahestehenden Krankenh\u00e4user in Frankfurt anschaut: das Diakonissenkrankenhaus, das St. Markuskrankenhaus und das Privatkrankenhaus Sachsenhausen. Auf alle drei ist Druck ausge\u00fcbt worden, sich von j\u00fcdischen \u00c4rzten zu trennen. Aber die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Der Tr\u00e4ger des Sachsenh\u00e4user Krankenhauses, der Gemeinschaftsdiakonieverband in Marburg, lag auf der Linie der Deutschen Christen und der Nationalsozialisten und hat \u2013 sehr freundlich gesagt \u2013 \u00fcberhaupt nicht den Versuch gemacht, sich vor seine j\u00fcdischen \u00c4rzte zu stellen. Der Tr\u00e4ger des St. Markuskrankenhauses, der Vorstand des Bockenheimer Diakonissenvereins, hat es versucht, auch mit juristischen Tricks, hat sich aber nicht durchsetzen k\u00f6nnen. Beim Diakonissenkrankenhaus schlie\u00dflich hat der Vorstandsvorsitzende, Senatspr\u00e4sident am Oberlandesgericht Dr. Heldmann, sofort gesagt: Hier gilt der Arierparagraph nicht. Und man konnte das durchhalten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wie war das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis zwischen den beiden Richtungen in der Frankfurter Pfarrerschaft?<\/p>\n<blockquote><p>Zwischen 1933 und 1945 haben in Frankfurt 137 Pfarrer gearbeitet. Davon waren 60 Mitglieder der Bekennenden Kirche. Das ist ein enorm hoher Anteil. Den Deutschen Christen geh\u00f6rten 29 Pfarrer an, 17 traten aber nach relativ kurzer Zeit wieder aus.<\/p><\/blockquote>\n<p>Hei\u00dft das, das protestantische Milieu war hier kritisch eingestellt war?<\/p>\n<blockquote><p>Ich habe nichts gefunden, was die Ausrichtungen der Gemeindemitglieder betraf. Es gab nur wenige Gemeinden, die sich eindeutig zuordnen lassen. Die Gemeinden waren gespalten. Einige Protagonisten der Bekennenden Kirche wie Otto Fricke und Wilhelm Fresenius hatten nicht einmal in ihren Kirchenvorst\u00e4nden die Mehrheit.<\/p><\/blockquote>\n<p>Warum sollte man sich heute noch mit Kirchenkampf besch\u00e4ftigen?<\/p>\n<blockquote><p>Was zwischen 1933 und 1945 passiert ist, war ein ganz schrecklicher Irrweg Deutschlands, der aber doch weitgehend Zustimmung gefunden hatte. So richtig \u00fcberzeugt sind die Menschen auch nach 1945 nicht davon abger\u00fcckt. Wir besch\u00e4ftigen uns heute fast t\u00e4glich mit den Rechtsradikalen. Wenn ich mich mit Geschichte befasse, geht es mir auch darum, den Menschen, die fr\u00fcher gelebt haben, gerecht zu werden. Auch bin ich jemand, der als Kind sehr darunter gelitten, was zwei Generationen angerichtet haben. Ich bin 1936 geboren, ein paar Bombenangriffe mit Todesangst, die letzten K\u00e4mpfe um Berlin, die Besatzung durch die russischen Truppen, dann in Berlin die Blockade, die Teilung Deutschlands und Europas. Das hat Spuren hinterlassen. Deshalb ist es mir nicht egal, was die Verantwortlichen damals gedacht haben.<\/p><\/blockquote>\n<p><em>J\u00fcrgen Telschow: Ringen und den rechten Weg \u2013 Die evangelische Kirche in Frankfurt zwischen 1933 und 1945, Hessische Kirchengesch. Vereinigung,&nbsp;17,50 Euro. &nbsp;<a href=\"http:\/\/www.frankfurt-evangelisch.de\/termin-detailansicht\/events\/id-80-jahre-danach-ein-buch-blickt-auf-die-evangelische-kirche-in-frankfurt-1933-bis-1945.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Buchvorstellung<\/a> ist am 31. Januar um 18 Uhr im Dominikanerkloster am B\u00f6rneplatz.<\/em><\/p>\n<h3>Vortrag: Ein fatales B\u00fcndnis<\/h3>\n<p>\u00dcber \u201eDas B\u00fcndnis von Nationalprotestantismus und Nationalsozialismus\u201c spricht der Kirchengeschichtler G\u00fcnter Brakelmann am Donnerstag, 21. Februar, um 18 Uhr im Spenerhaus, Dominikanergasse 5. Brakelmann, der an der Ruhr-Universit\u00e4t in Bochum Christliche Gesellschaftslehre lehrte, hat in seinen Forschungen herausgearbeitet, wie sehr Protestantismus und Nationalsozialismus antiaufkl\u00e4rerische, antiliberale und antidemokratische Haltungen teilten.<\/p>\n<\/div>\n<p>Beitrag von <strong><a href=\"http:\/\/evangelischesfrankfurt.de\/people\/kurt-helmuth-eimuth\" rel=\"tag\">Kurt-Helmuth Eimuth<\/a><\/strong>, ver\u00f6ffentlicht am 30. Januar 2013 in der Rubrik <a title=\"Alle Beitr\u00e4ge in Stadtkirche ansehen\" href=\"http:\/\/evangelischesfrankfurt.de\/category\/stadtkirche\" rel=\"category tag\">Stadtkirche<\/a>, erschienen in der Ausgabe <a href=\"http:\/\/evangelischesfrankfurt.de\/issue\/2013-1-februar\" rel=\"tag\">2013\/1 \u2013 Februar<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eNur wenige lehnten den NS-Staat ab\u201c Vor 80 Jahren wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler gew\u00e4hlt. J\u00fcrgen Telschow hat die Auswirkungen des Nationalsozialismus auf die evangelische Kirche in Frankfurt untersucht. Ein Interview. Herr Telschow, Sie haben \u00fcber den \u201eKirchenkampf\u201c in Frankfurt geforscht. 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