{"id":1998,"date":"2012-04-15T07:35:18","date_gmt":"2012-04-15T05:35:18","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=1998"},"modified":"2020-12-30T16:55:15","modified_gmt":"2020-12-30T14:55:15","slug":"pucken-zum-wohl-des-kindes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=1998","title":{"rendered":"Pucken \u2013 zum Wohl des Kindes?"},"content":{"rendered":"<div id=\"eintrag-9239\">\n<p><strong>Glaubt man Ratgebern, Hebammen und Kinder\u00e4rzten,  verhilft enges Einwickeln Babies zu mehr Schlaf und weniger Weinen. Ein  Erfahrungsbericht.<\/strong><\/p>\n<p>\u201eHabe ich euch schon gezeigt, wie man puckt?\u201c Ein wenig skeptisch  sehen wir dabei zu, wie die Hebamme unseren zwei Wochen alten Sohn auf  ein Tuch legt und damit beginnt, es stramm um den kleinen K\u00f6rper zu  wickeln. Wenige Handgriffe sp\u00e4ter liegt unser Kleiner als kompaktes  handliches Paket auf dem Sofa, die Arme sind am K\u00f6rper fixiert,  lediglich die Beine haben noch ein wenig Bewegungsfreiheit.<\/p>\n<p>\u201eWenn es so toll f\u00fcr Babys ist, dann sollten wir es auf jeden Fall  mal probieren\u201c, hatten wir uns gedacht, als der Begriff \u201ePucken\u201c w\u00e4hrend  der Schwangerschaft zum ersten Mal unseren Weg kreuzte. Aber jetzt  liegt unser Kind protestierend vor uns, verzweifelt bem\u00fcht es sich,  gegen seine Zwangsjacke anzuk\u00e4mpfen und findet Pucken ganz  offensichtlich \u00fcberhaupt nicht toll. Schnell befreien wir ihn aus dem  Tuch, Erleichterung macht sich breit, nicht nur bei ihm, auch bei uns.<\/p>\n<p>\u201eIch w\u00fcrde das auch nicht m\u00f6gen\u201c, sagt mein Mann. \u201eMir war das  irgendwie auch nicht so geheuer\u201c, sage ich. Aber trotzdem hatten wir  nicht bereits vorher Widerspruch eingelegt. Schlie\u00dflich hatten ja so  viele so genannte Experten das Pucken angepriesen. Und als  frischgebackene Eltern waren auch wir unsicher, hatten wenig bis keine  Erfahrung im Umgang mit einem so kleinen Baby.<\/p>\n<p>Wie alle Eltern wollten nat\u00fcrlich auch wir nur das Beste f\u00fcr unser  Kind: gl\u00fccklich und zufrieden sollte es sein, seine Bed\u00fcrfnisse sollten  erkannt und befriedigt werden.<\/p>\n<p>Als falsch stellte sich schon bald die Vorstellung heraus, dass ein  zufriedenes Kind automatisch auch pflegeleicht sein w\u00fcrde. Ein Baby, das  abgelegt werden kann ohne unzufrieden zu sein, und das \u00fcberhaupt die  meiste Zeit schl\u00e4ft, und praktisch nie weint \u2013 das h\u00e4tte in der Tat  vieles, auch Berufst\u00e4tigkeit, Studium oder Betreuung durch andere  leichter gemacht.<\/p>\n<p>Nicht umsonst zielen wohl die meisten Anleitungen so genannter  Erziehungsprogramme auf genau diese Punkte ab und versprechen den Eltern  so indirekt mehr pers\u00f6nliche Freiheit und Raum f\u00fcr andere Aufgaben und  Interessen. Kleine Kinder, jedenfalls alle uns bekannten, sind aber  nicht in diesem Sinne \u201epflegeleicht\u201c. Sie fordern von ihren Eltern nicht  weniger, als sich ganz auf sie und ihre Bed\u00fcrfnisse einzulassen.<\/p>\n<p>Kein Wunder, dass Methoden wie das Pucken, die vordergr\u00fcndig mit dem  Wohl des Kindes argumentieren, dabei aber vor allem auf \u201eEntlastung\u201c der  Eltern abzielen, so anziehend sind. Auch wir waren schlie\u00dflich geneigt,  es auf einen Versuch ankommen zu lassen, obwohl wir gar kein  \u201eSchreibaby\u201c hatten.<\/p>\n<p>Der Protest unseres Sohnes gegen das stramme Wickeln, der Widerstand,  den auch andere Kinder gegen solche und \u00e4hnliche Programme zeigen, und  die Zweifel, die uns selbst ja schon w\u00e4hrend der Ausf\u00fchrung kamen,  verdeutlichen aber vielleicht eine Sache am besten: dass Kinder ihr  Grundbed\u00fcrfnis nach N\u00e4he, Geborgenheit, Liebe und Nahrung einfordern,  weil es f\u00fcr sie \u00fcberlebenswichtig ist. Und dass Eltern genau das  normalerweise auch erkennen und befriedigen wollen.<\/p>\n<p>Wir wussten ja eigentlich, dass unser Sohn lieber getragen werden  wollte, statt hilflos herumzuliegen, unf\u00e4hig sich umzudrehen, geschweige  denn sich von der Stelle zu bewegen, nicht wissend, dass wir nur wenige  Schritte entfernt sind. Nur leider kann die Stimme, die das elterliche  Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen und Bauchgef\u00fchl verk\u00fcndet, nicht immer gegen den  Lautsprecher der \u201eExperten\u201c durchdringen.<\/p>\n<h3>Enges Wickeln schr\u00e4nkt Babies ein<\/h3>\n<p>\u201ePucken engt Babys ein? Nein, im Gegenteil: Pucken gibt Babys ein  sicheres und geborgenes Gef\u00fchl, wie im Mutterleib.\u201c Das behauptet die  Zeitschrift \u201eEltern\u201c auf ihrer Internet-Seite. Dahinter steckt die  Annahme, dass Kinder eigentlich noch zwei bis drei Monate l\u00e4nger im  Mutterleib verbringen m\u00fcssten und die menschliche Geburt nur aus  Platzgr\u00fcnden eingeleitet w\u00fcrde \u2013 sozusagen ein Fehler im nat\u00fcrlichen  Bauplan der Fortpflanzung. Auch wenn es schwer f\u00e4llt, dieser These zu  folgen, so verbreitet sie sich doch seit einiger Zeit wie ein Lauffeuer.  \u00dcbersehen wird dabei, dass ein Kind schon in den ersten Lebenswochen  gigantische Entwicklungsaufgaben zu bew\u00e4ltigen hat. Es muss seine  K\u00f6rperfunktionen umstellen und sich an die neue Umgebung gew\u00f6hnen. Der  S\u00e4ugling atmet jetzt selbst, muss seine Ern\u00e4hrung regeln und sich mit  der v\u00f6llig ungewohnten Schwerkraft auseinandersetzen.<\/p>\n<p>Die Eltern lernen in den ersten Wochen nach der Entbindung ihr Kind  kennen. Jedes Kind hat seine eigene Art, wie es gerne gehalten, ern\u00e4hrt  und gewickelt werden will. Das enge Wickeln ist daf\u00fcr eher hinderlich.  Viele Eltern sp\u00fcren, dass die k\u00f6rperliche N\u00e4he den Kindern und auch  ihnen selbst gut tut. S\u00e4uglinge haben nicht nur einen gut entwickelten  Geruchssinn sondern sp\u00fcren auch, ob sie von Vater, Mutter oder einer  fremden Person gehalten werden.<\/p>\n<p>Jedes Kind ist einmalig und findet seine ganz eigenen  Ausdrucksformen, die oft nur Vater und Mutter verstehen. Eng gewickelten  Kindern wird ein Teil dieser Ausdrucksm\u00f6glichkeiten genommen.<\/p>\n<h3>Wickelmethoden \u00e4ndern sich je nach Kultur<\/h3>\n<p>Das heutige \u201ePucken\u201c ist eine uralte Wickelmethode. Schon in antiken  Gr\u00e4bern fanden sich Statuen von eng gewickelten S\u00e4uglingen. Durch das  feste Wickeln wollte man einer Verkr\u00fcmmung vorbeugen.<\/p>\n<p>Mit der Aufkl\u00e4rung im 17. Jahrhundert \u00e4nderte sich die Einstellung.  Kinder sollten nicht durch die Kleidung eingeengt werden. In b\u00e4uerlichen  Gegenden hielten sich jedoch noch l\u00e4nger Formen der Einschn\u00fcrung, die  praktisch war, weil man so die Kinder neben dem Acker ablegen konnte.  Gelegentlich wurden die Kinder auch durch Mohns\u00e4ckchen, auf denen sie  herumkauen konnten, oder mit etwas Schnaps bet\u00e4ubt, damit sie Ruhe  hielten, w\u00e4hrend die Eltern auf dem Feld schufteten.<\/p>\n<p>In Afrika, Asien und S\u00fcdamerika tragen viele M\u00fctter ihre S\u00e4uglinge  nackt am K\u00f6rper. Sie nutzen dabei einen Mechanismus der Natur: Einige  Sekunden bevor der S\u00e4ugling Urin und Stuhl ausscheidet, st\u00f6\u00dft er einen  charakteristischen Schrei aus und macht mit dem K\u00f6rper und den Beinchen  ruckartige Bewegungen. So ist die Mutter gewarnt und kann den S\u00e4ugling  weit genug weghalten, damit sie nicht beschmutzt wird. Auch hierzulande  geborene Kinder zeigen anfangs dieses Verhalten, aber da nicht darauf  reagiert wird, verliert es sich schon nach wenigen Wochen.<\/p>\n<p>Kurt-Helmuth Eimuth, Sara Wagner<\/p>\n<p>Evangelisches Frankfurt April 2012<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Glaubt man Ratgebern, Hebammen und Kinder\u00e4rzten, verhilft enges Einwickeln Babies zu mehr Schlaf und weniger Weinen. 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