{"id":1985,"date":"2003-03-20T17:23:51","date_gmt":"2003-03-20T17:23:51","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=1985"},"modified":"2003-03-20T17:23:51","modified_gmt":"2003-03-20T17:23:51","slug":"vor-20-jahren-das-schreckliche-ende-eines-pfingstausflugs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=1985","title":{"rendered":"Vor 20 Jahren: Das schreckliche Ende eines Pfingstausflugs"},"content":{"rendered":"<div>\n<h1>Vor 20 Jahren     Das schreckliche Ende eines Pfingstausflugs<\/h1>\n<p>FAZ<\/p>\n<p>20.05.2003\u00a0\u00b7\u00a0 \t      \tSie waren befreundet, kannten sich aus der Jugendarbeit. &#8222;Er hat  uns gefragt, ob wir mitkommen wollen&#8220;, erinnert sich Pfarrer  Kurt-Helmuth Eimuth. In den Spessart mitkommen, am Pfingstsonntag bei  herrlichem Wetter einen Ausflug ins Gr\u00fcne machen.<\/p>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<p>Sie waren befreundet, kannten sich aus  der Jugendarbeit. &#8222;Er hat uns gefragt, ob wir mitkommen wollen&#8220;,  erinnert sich Pfarrer Kurt-Helmuth Eimuth. In den Spessart mitkommen, am  Pfingstsonntag bei herrlichem Wetter einen Ausflug ins Gr\u00fcne machen.  Aber es ging nicht, die Schwiegereltern waren da. Eimuth wollte nicht  glauben, was er abends erfuhr. &#8222;Es war unfa\u00dfbar, schrecklich, traurig.&#8220;  Weil er es nicht glauben konnte, rief er beim Flughafen an, fragte nach.  Aber es stimmte. Der Ausflug hatte ein furchtbares Ende genommen. Aus  buchst\u00e4blich heiterem Himmel war ein Kampfflugzeug abgest\u00fcrzt, hatte  Martin J\u00fcrges, dem Pfarrer der Gutleutgemeinde, seiner Frau, seinen zwei  Kindern, seiner Mutter und seiner Nichte den Tod gebracht.<\/p>\n<p>Eine Familie wurde ausgel\u00f6scht, von einem Moment  auf den anderen. Es geschah am 22.Mai vor zwanzig Jahren. Vor zwanzig  Jahren, das war die Zeit der Aufr\u00fcstung und der Friedensbewegung.  &#8222;Frieden schaffen ohne Waffen&#8220;, lautete die Forderung auf ungez\u00e4hlten  lila T\u00fcchern. Auch Martin J\u00fcrges wollte mit solchen T\u00fcchern am  Kirchentag teilnehmen. Sie lagen schon bereit. Ausgerechnet die Familie  eines Friedensk\u00e4mpfers wurde in Friedenszeiten von den Tr\u00fcmmern eines  explodierten Kampfflugzeugs get\u00f6tet. Jedes Ungl\u00fcck ist schrecklich. Aber  dieses hatte eine gro\u00dfe Symbolkraft.<\/p>\n<p><strong>Flugzeug fiel wie eine Bombe vom Himmel<\/strong><\/p>\n<p>Der 22.Mai 1983: Im Stadtwald am Oberforsthaus  feierten die Frankfurter, wie immer, schon am Pfingstsonntag  W\u00e4ldchestag. Auf der Rhein-Main Air Base war Tag der offenen T\u00fcr.  Flugvorf\u00fchrungen standen auf dem Programm, zum Beispiel jene des  439.Geschwaders der kanadischen Luftwaffe mit dem Namen &#8222;Tiger&#8220;. Am  fr\u00fchen Nachmittag stiegen die vier Starfighter auf. Ihre Piloten sollten  keine akrobatischen M\u00e4tzchen vollf\u00fchren, sondern milit\u00e4rische  Routine-Formationen fliegen. Eine f\u00fcnfte Maschine sollte im Abstand von  45 Sekunden der Vierer-Gruppe folgen. Doch die fiel wie eine Bombe auf  den Autobahnzubringer, auf dem die Familie J\u00fcrges in ihrem hellblauen  Kombi unterwegs war.<\/p>\n<p>Bis heute ist die Ursache des Ungl\u00fccks &#8211; der Pilot  konnte sich mit dem Schleudersitz retten &#8211; nach den Worten von  Polizeisprecher Franz Winkler nicht bekanntgeworden. Er hatte damals  Dienst. &#8222;Das war schon heftig.&#8220; Winkler hat es nicht vergessen, wie nach  und nach die Nachricht von den Toten zu ihm drang. Martin J\u00fcrges w\u00e4re  jetzt 60 Jahre alt, seine Mutter Erna 97 Jahre, seine Frau Irmtraud 58  Jahre, sein Sohn Jan 31 Jahre, seine Tochter Katharina 21 Jahre, seine  Nichte Gesine Wagner, sie starb knapp drei Monate sp\u00e4ter an ihren  Brandverletzungen, 39 Jahre.<\/p>\n<p><strong>Einig schon vor der Zwangsvereinigung<\/strong><\/p>\n<p>Karsten Petersen, weiland Pfarrer der  Wei\u00dffrauengemeinde im Bahnhofsviertel, sa\u00df zu Hause, als am sp\u00e4ten  Nachmittag das Telefon klingelte. Auch er konnte es nicht glauben.  Kollegen kamen, alle waren fassungslos, der Gedenkgottesdienst tags  darauf in der Gutleutgemeinde wurde verabredet. Pfarrer Petersen hielt  die Predigt. Beruflich hatten er und J\u00fcrges ohnehin ein Team gebildet,  alles besprachen sie miteinander, den Konfirmandenunterricht ebenso wie  den Auftritt im Ortsbeirat (&#8222;Wir waren immer da.&#8220;) Man habe sich stets  etwas Besonderes einfallen lassen m\u00fcssen. Das habe Martin J\u00fcrges auch so  gefallen. Heute sind die Gutleut- und die Wei\u00dffrauengemeinde  &#8222;zwangsvereinigt&#8220;. Das verlangt Kirchenpolitik in Zeiten, in denen es  auch der evangelischen Kirche nicht mehr so gut geht. &#8222;Wir waren damals  schon vereinigt, zumindest auf der Pfarrer-Ebene&#8220;, sagt Petersen. Martin  J\u00fcrges hatte das Schicksal aber nur gut zwei Jahre in der  Gutleutgemeinde gegeben.<\/p>\n<p>Die Matth\u00e4usgemeinde ist nun als Dritte im Bunde.  Zu dritt haben sie sich den sch\u00f6nen Namen &#8222;Hoffnungsgemeinde&#8220; gegeben.  Er h\u00e4tte Martin J\u00fcrges gefallen, ihm, dem Hoffnungstr\u00e4ger f\u00fcr die  Bewohner eines problematischen Viertels, der immer einer der ersten war,  der sich \u00f6ffentlich &#8211; das konnte er gut &#8211; zur Wehr setzte, wenn er  meinte, auch nur einen Hauch von Ausl\u00e4nderfeindlichkeit zu sp\u00fcren, oder  wenn die Stadtv\u00e4ter nicht einsehen wollten, da\u00df mehr getan werden m\u00fc\u00dfte  f\u00fcr die Leute eines sozial schwierigen Stadtteils. Da konnte er  hartn\u00e4ckig sein, kam er schon einmal unangemeldet in die  Zeitungsredaktion. &#8222;Gutleut: Symbol der Hoffnung&#8220;. So lautete das Motto  des Schweigemarsches am Tag, als die Familie J\u00fcrges zu Grabe getragen  wurde.<\/p>\n<p><strong>\u201eDa fehlt einer\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Schon als Stadtjugendpfarrer &#8211; er war es zehn Jahre  lang &#8211; hat sich J\u00fcrges mit der Stadt oder mit Kirchenoberen angelegt.  Manchen waren seine Positionen zu links. Die Jugendlichen aber sch\u00e4tzten  ihn. Roland Frischkorn war in jenen Tagen DGB-Jugendsekret\u00e4r und  J\u00fcrges&#8216; Nachfolger als Vorsitzender des Stadtjugendrings. Heute ist er  bei einer Wohnungsbaugesellschaft. Er trifft sich immer noch  gelegentlich mit seinen Nachfolgern im Amt. Und irgendwann kommt dann  der Punkt, an dem die ins Alter gekommenen Jugendvertreter von einst  sagen: &#8222;Da fehlt einer.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Es geht nicht aus den K\u00f6pfen derer, die es damals  miterlebt haben&#8220;, sagt Pfarrer Petersen. Nicht auszudenken, was passiert  w\u00e4re, wenn der Starfighter nur ein paar hundert Meter weiter abgest\u00fcrzt  w\u00e4re. Hunderttausende &#8211; die Amerikaner sprachen von 400000 &#8211; schauten  den Flugvorf\u00fchrungen zu, Tausende feierten im Stadtwald. Seitdem gibt es  in Frankfurt keine Flugschau mehr. Die Stadt entging knapp einer  Katastrophe. Auch deswegen geht das Ungl\u00fcck nicht aus den K\u00f6pfen derer,  die es miterlebt haben.<\/p>\n<p>CORNELIA VON WRANGEL<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 20 Jahren Das schreckliche Ende eines Pfingstausflugs FAZ 20.05.2003\u00a0\u00b7\u00a0 Sie waren befreundet, kannten sich aus der Jugendarbeit. &#8222;Er hat uns gefragt, ob wir mitkommen wollen&#8220;, erinnert sich Pfarrer Kurt-Helmuth Eimuth. 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