{"id":170,"date":"2005-11-01T15:25:54","date_gmt":"2005-11-01T15:25:54","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=170"},"modified":"2005-11-01T15:25:54","modified_gmt":"2005-11-01T15:25:54","slug":"wischiwaschi-ist-nicht-ihre-sache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=170","title":{"rendered":"\u201eWischiwaschi\u201c ist nicht ihre Sache"},"content":{"rendered":"<h4>Evangelisches Frankfurt: November 2005<\/h4>\n<h4>\u201eWischiwaschi\u201c ist nicht ihre Sache<\/h4>\n<p>Als Pfarrerin Helga Tr\u00f6sken 1987 zur Pr\u00f6pstin f\u00fcr Frankfurt gew\u00e4hlt wurde, war sie die erste Frau mit bisch\u00f6flichen Aufgaben in der evangelischen Kirche in Deutschland. 18 Jahre lang pr\u00e4gte sie die theologische Ausrichtung der Frankfurter Kirche entscheidend mit. Im November w\u00e4hlt das hessen-nassauische Kirchenparlament ihre Nachfolgerin, April geht Tr\u00f6sken dann in den Ruhestand. Fragen an eine Kirchenfrau, die selten ein Blatt vor den Mund genommen hat.<\/p>\n<p>Frau Tr\u00f6sken, Kirchliches F\u00fchrungspersonal war dieses Jahr in den Medien sehr pr\u00e4sent, vor allem P\u00e4pste. Sie sind Pr\u00f6pstin, das klingt ja fast genauso. Sind Sie die evangelische P\u00e4pstin von Frankfurt? Oh nein, das w\u00e4re ja furchtbar! Ich bin zwar leitende Frau der evangelischen Kirche, aber das ist das genaue Gegenteil von einem Papst. Die evangelische Kirche lebt vom Konsens und nicht vom Diktat einer Person. Das hat man doch beim katholischen Weltjugendtag gesehen: Der Papst ist da der Mittelpunkt eines Events. Ein evangelischer Kirchentag lebt dagegen von vielen, vielen Menschen, die etwas einbringen.<\/p>\n<p>Konnten Sie denn dem Weltjugendtag auch etwas Positives abgewinnen? Sehr wenig. Ich finde es nat\u00fcrlich beeindruckend, dass junge Menschen sich zum Glauben bekennen. Aber dass dort der Ablass wieder propagiert wird \u2013 das ist f\u00fcr mich voll daneben. Oder dass per Megafon st\u00e4ndig laut darauf hingewiesen wurde, dass die Teilnahme am Abendmahl nur Katholiken erlaubt ist.<\/p>\n<p>W\u00fcrden Sie sagen, dass die konfessionellen Unterschiede wieder gr\u00f6\u00dfer werden? Ja. Allerdings nicht an der so genannten Basis.<\/p>\n<p>Aber wird denn heutzutage die christliche Stimme nicht nur dann geh\u00f6rt, wenn sie gemeinsam auftritt? Nein, das denke ich nicht. Aber bei vielen Punkten sprechen der katholische Stadtdekan und ich ja auch mit einer Stimme, zum Beispiel beim Thema Sonntagsruhe. Es w\u00e4re nat\u00fcrlich sch\u00f6ner, wenn es auch theologisch mehr Konsens g\u00e4be, als derzeit m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Sie haben sich bei vielen Themen in den st\u00e4dtischen und politischen Diskurs eingemischt \u2013 gegen die \u00d6ffnung von Gesch\u00e4ften am Sonntag, gegen den Irakkrieg, gegen die Ausstellung \u201eK\u00f6rperwelten\u201c. Hat die christliche Stimme heute noch Einfluss? Es ist ja kein Zufall, dass die Sonntags\u00f6ffnung immer weiter diskutiert wird. Dazu muss die Stellungnahme aber auch klar sein, klarer jedenfalls als so ein angepasstes Wischiwaschi, das wir ja auch manchmal haben. Sicher wird man f\u00fcr klare Standpunkte auch beschimpft. Das muss man in Kauf nehmen. Aber ich habe in diesen 18 Jahren nicht das Gef\u00fchl gehabt, dass die Stimme der Kirchen weniger geh\u00f6rt wird, sofern sie christlich begr\u00fcndet ist.<\/p>\n<p>Was sich ver\u00e4ndert hat, ist die zahlenm\u00e4\u00dfige Zunahme des Islam. Wie beurteilen Sie da die M\u00f6glichkeiten einer \u00d6kumene, einer interreligi\u00f6sen Zusammenarbeit? Mit dem Islam sehe ich das als au\u00dferordentlich gro\u00dfes Problem an. Ich kann mir keinen ernsthaften Dialog mit dem Islam als Ganzem vorstellen. Es gibt einzelne Konfessionen oder Unterabteilungen im Islam, mit denen es leichter sein kann, sich inhaltlich zu verst\u00e4ndigen, aber mit dem Islam als Ganzem halte ich es f\u00fcr ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Warum? Weil der Islam in sich noch den Wahrheitsanspruch hat, den die Christen im Mittelalter hatten, das hei\u00dft, einen Absolutheitsanspruch, und dieser Absolutheitsanspruch ist nicht zu hinterfragen. Das Problem ist au\u00dferdem, dass wir keine richtigen Ansprechpartner haben. Wir haben verschiedene Imame und Gruppierungen, aber niemanden, der f\u00fcr den Islam als Ganzen in Frankfurt sprechen kann.<\/p>\n<p>Nun leben hier aber so viele Musliminnen und Muslime, dass ein Dialog doch unumg\u00e4nglich ist? Nat\u00fcrlich. Ich rede ja nicht gegen Diskussionsveranstaltungen als solche. Ich rede auch nicht dagegen, das Kennenlernen und die Integration zu versuchen. Im Bereich von Mitmenschlichkeit, Nachbarschaft, friedlichem Zusammenleben und auch bei bestimmten Sachpunkten ist sehr viel mehr m\u00f6glich, als derzeit gemacht wird. Nur was die religi\u00f6se Verst\u00e4ndigung betrifft, ist es realistisch zu sagen, das sind unterschiedliche Welten. Man kann sich kennen lernen, aber eine inhaltliche Verst\u00e4ndigung halte ich f\u00fcr ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Ist das auch der Hintergrund, warum die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau noch einmal bekr\u00e4ftigt hat, keine muslimischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzustellen? Ja. Es hat Dialogversuche gegeben, wir haben auf verschiedenen Wegen versucht, einander n\u00e4her zu kommen. Aber sie sind aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden gescheitert. Von daher stellt sich dann auch die Frage der Klarheit und Wahrheit. Deshalb sagen wir jetzt, etwa bei der Frage der Erzieherinnen, etwas deutlicher: Christlicher Kindergarten hei\u00dft christlicher Kindergarten.<\/p>\n<p>Es gibt also eine Entwicklung dahin, dass verschiedene Weltanschauungen nebeneinander streiten und auch konkurrieren. Nat\u00fcrlich. Aber sechzig Prozent Christinnen und Christen in Frankfurt sind immer noch sechzig Prozent. Das sollte man auch nicht klein reden. Unter den \u00fcbrigen vierzig Prozent haben sich inzwischen ein paar andere Religionen etabliert, das hat sich in der Tat ver\u00e4ndert. Das ist der Islam, das sind aber auch Buddhistinnen und Buddhisten oder eine ganze Reihe von Esoterikgruppen. Doch sie haben insgesamt nicht so einen missionarischen Erfolg, wie es vielleicht in den Medien den Anschein hat.<\/p>\n<p>Was ist denn die wichtigste Botschaft des Christentums in diesem Wettbewerb? Fromm gesagt: Dass jeder Mensch ein geliebtes Gesch\u00f6pf Gottes ist und sich nicht selber rechtfertigen muss. Das hat Konsequenzen f\u00fcr den Alltag, es hei\u00dft n\u00e4mlich: Jeder Mensch ist ein freies Gesch\u00f6pf, ist f\u00fcr seine eigenen Taten verantwortlich, kann aber sicher sein, dass er in jedem Fall von Gott geliebt ist und sich nicht beweisen muss. Mit dieser Botschaft sind wir durchaus konkurrenzf\u00e4hig.<\/p>\n<p>Nun sind die Zahlen der Kirchenmitglieder aber r\u00fcckl\u00e4ufig. Anders gesagt: Sie sind zwar \u00fcberzeugt von ihrem Produkt, aber das Produkt wird nicht mehr so angenommen. Jeder Marketing-Chef w\u00fcrde jetzt etwas tun. Was tut die evangelische Kirche? Diese Analyse teile ich nicht. Ich wehre mich dagegen, dass wir uns immer selber klein reden, so schlecht sind die Zahlen n\u00e4mlich gar nicht. Es gibt aber trotzdem ein Marketingkonzept, wenn man das so nennen will. Seit Jahren haben wir Kircheneintrittsstellen, Stadtkirchenarbeit, kirchliche Pr\u00e4senz in Rundfunk und Fernsehen, wir sind beim Museums uferfest dabei, bei der Nacht der Kirchen. Wir haben Seelsorge im Krankenhaus, in Notf\u00e4llen, viele diakonische Einrichtungen. Und es ist ja auch kein Zufall, dass die Leute an Weihnachten wissen, wo sie hingehen k\u00f6nnen und das auch annehmen. Man darf auch nicht vergessen, dass wir sonntags wesentlich mehr Menschen in den Gottesdiensten haben, als in die Stadien der Bundesliga kommen. Und zwar in den evangelischen.<\/p>\n<p>Trotzdem sieht das Bild in der \u00d6ffentlichkeit anders aus. Ja, das wird so von den Medien gepr\u00e4gt, aber deshalb widerstehe ich dem ja auch und sage, wo immer ich kann: Lasst mich in Ruhe mit diesem Kleinreden.<\/p>\n<p>Es sind aber nicht nur die Medien. Die Gemeinden in Frankfurt werden kleiner, sie m\u00fcssen R\u00e4ume abgeben und Personal einsparen. Die Kirche hat die Aufgabe, das Evangelium in zeitgem\u00e4\u00dfer Form weiter zu geben, und das geschieht nat\u00fcrlich auch in Strukturen und mit Geb\u00e4uden. Aber Frankfurt ist da immer achtsp\u00e4nnig gefahren. Als ich hier anfing \u2013 ich kam ja vom Land \u2013 war ich sehr \u00fcberrascht, wie gut hier die Personalausstattung war. Jetzt ist da ein Anpassungsprozess in Gang, aber davon stirbt keine Gemeinde. Das ist meine feste \u00dcberzeugung.<\/p>\n<p>Als Sie Pr\u00f6pstin wurden, war es ein gro\u00dfes Thema, dass Sie die erste Frau in einem bisch\u00f6flichen Amt waren. Inzwischen gibt es viele F\u00fchrungsfrauen in der Kirche. Was hat sich dadurch ge\u00e4ndert? In meiner ersten Rede habe ich gesagt, dass ich mir w\u00fcnsche, dass Kandidaturen von Frauen k\u00fcnftig der Normalfall sind. Das haben wir inzwischen erreicht. Was sich auch ver\u00e4ndert hat, ist die Atmosph\u00e4re in den Gremien. Seit dort viele Frauen sind, ist der Ton ein ganz anderer geworden. Aber ich kann nicht sagen, dass sich inhaltlich oder von der Art der Arbeit her die Reformation ausgebreitet hat, nur weil wir eine Pr\u00f6pstin oder andere leitende Frauen haben. Die Strukturen sind schon sehr beharrlich.<\/p>\n<p>Was planen Sie f\u00fcr Ihre pers\u00f6nliche Zukunft? Ich habe viele Interessen und f\u00fcrchte nicht, dass es mir langweilig wird. Langfristig werde ich mit anderen Menschen zusammen in einer Alten-WG wohnen, in einem Wohnprojekt \u201eSelbstbestimmtes Leben im Alter\u201c. Ich habe immer in Wohngemeinschaften gelebt, auch hier in der Propstei, und ich finde es wichtig, dass man auch im Alter nicht alleine lebt.<br \/>\nInterview: Antje Schrupp \/ Kurt-Helmuth Eimuth<\/p>\n<p>Evangelisches Frankfurt: November 2005 \u00b7 29. Jahrgang \u00b7 Nr. 6<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Pfarrerin Helga Tr\u00f6sken 1987 zur Pr\u00f6pstin f\u00fcr Frankfurt gew\u00e4hlt wurde, war sie die erste Frau mit bisch\u00f6flichen Aufgaben in der evangelischen Kirche in Deutschland. 18 Jahre lang pr\u00e4gte sie die theologische Ausrichtung der Frankfurter Kirche entscheidend mit.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[93],"class_list":["post-170","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","tag-trosken"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/170","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=170"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/170\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=170"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=170"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=170"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}