{"id":163,"date":"2005-07-01T15:21:20","date_gmt":"2005-07-01T15:21:20","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=163"},"modified":"2005-07-01T15:21:20","modified_gmt":"2005-07-01T15:21:20","slug":"religionsunterricht-verandert-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=163","title":{"rendered":"Religionsunterricht ver\u00e4ndert sich"},"content":{"rendered":"<h6>Evangelisches Frankfurt: Juli\/August 2005 \u00b7 29. Jahrgang \u00b7 Nr. 4<\/h6>\n<h3>Religionsunterricht ver\u00e4ndert sich<\/h3>\n<p>Die \u00c4lteren werden sich noch erinnern: Wenn \u201eReli\u201c angesagt war, wurde die Klasse geteilt, und es kamen immer die (Bl\u00f6den) von der Parallelklasse. Nun, heute kommen immer noch die von den anderen Klassen, aber die vertretenen Religionen sind weit vielf\u00e4ltiger: Da gibt es die gro\u00dfen Gruppen der Muslime und Atheisten und nat\u00fcrlich in Frankfurt allerlei andere Glaubensgemeinschaften, etwa die Weltreligionen Hinduismus und Buddhismus. Wie soll die Schule mit dieser organisatorischen Herausforderung umgehen?<\/p>\n<div id=\"attachment_164\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Wolfgang_Huber.jpg#bph\/Wikimedia\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-164\" class=\"size-thumbnail wp-image-164\" title=\"Wolfgang_Huber\" src=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/Wolfgang_Huber-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-164\" class=\"wp-caption-text\">Der Berliner Bischof Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, dr\u00fcckte die Schulbank, um f\u00fcr den Religionsunterricht zu werben (siehe Box). (Foto: bph\/Wikimedia)<\/p><\/div>\n<p>Schon Kinder im Grundschulalter stellen Fragen nach den letzten Dingen: Woher komme ich? Wer bin ich? Wohin gehe ich? Sie wollen diese Fragen nicht nur abstrakt beantwortet haben, sie wollen vielmehr einen Menschen vor sich haben, der die Antworten glaubhaft vertritt. Jeder Lehrer kennt die pl\u00f6tzlich gestellte Frage: \u201eGlauben Sie denn daran?\u201c Hier erwarten Kinder und Jugendliche eine pers\u00f6nliche Antwort, keine abstrakten Erl\u00e4uterungen. Auch l\u00e4sst es sich besser einen Dialog mit anderen Religionen f\u00fchren, wenn die eigene Position gefunden ist.<br \/>\nReligion ist als einziges Fach im Grundgesetz verankert: \u201eDer Religionsunterricht ist ordentliches Lehrfach,\u201c hei\u00dft es da unmissverst\u00e4ndlich. Ferner ist geregelt, dass er in \u201e\u00dcbereinstimmung mit den Grunds\u00e4tzen der Religionsgemeinschaft\u201c erteilt wird. Dies bedeutet, dass der Religionsunterricht nicht nur einfach eine neutrale Religionskunde ist, sondern die Dinge aus einer Perspektive betrachtet und wertet. Das Bundesverfassungsgericht hat darum festgestellt: \u201eDer Religionsunterricht ist keine \u00fcberkonfessionelle Betrachtung religi\u00f6ser Lehren, nicht blo\u00dfe Morallehre, Sittenunterricht, historisierende und relativierende Religionskunde, Religions- oder Bibelgeschichte. Sein Gegenstand ist vielmehr der Bekenntnisinhalt, n\u00e4mlich die Grunds\u00e4tze der jeweiligen Religionsgemeinschaft. Diese als bestehende Wahrheiten zu vermitteln, ist seine Aufgabe. Daf\u00fcr, wie dies zu geschehen hat, sind grunds\u00e4tzlich die Vorstellungen der Kirchen \u00fcber Inhalt und Ziel der Lehrveranstaltung ma\u00dfgeblich.\u201c<br \/>\nDas gr\u00f6\u00dfte Problem des konfessionellen Religionsunterrichts ist nicht er selbst, sondern die (fehlende) Alternative. Welches Unterrichtsangebot gibt es f\u00fcr Kinder, die keiner oder einer anderen als der christlichen Religion angeh\u00f6ren? Weder gibt es bisher einen fl\u00e4chendeckenden Ethikunterricht, noch gibt es einen islamischen Religionsunterricht f\u00fcr die muslimischen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler. Dabei w\u00e4re das vor allem in multikulturellen St\u00e4dten wie Frankfurt besonders notwendig. Denn die religi\u00f6se Unterweisung im \u00f6ffentlichen Raum ist der beste Schutz gegen Fundamentalismus, gleich welcher Religion. Der Religionsunterricht in der Schule kann verhindern, dass sich Religionsgemeinschaften in soziale Gettos zur\u00fcckziehen und unbehelligt von allen kritischen Anfragen quasi eine sektenhafte Religiosit\u00e4t pflegen.<br \/>\nDie Studienleiterin des Religionsp\u00e4dagogischen Amtes in Frankfurt, Pfarrerin Karin Frindte-Baumann, setzt auf kontinuierliche Ver\u00e4nderung. \u201eDer evangelische Religionsunterricht will sich in die Entwicklung der Schulen im Rahmen ihrer Eigenverantwortung einf\u00fcgen.\u201c Derzeit unterrichten in Frankfurt 410 Lehrkr\u00e4fte evangelische Religion \u2013 in allen Schulformen. Frindte-Baumann k\u00f6nnte sich vorstellen, dass neben dem reinen Unterricht die Schulseelsorge ausgebaut wird, dass es Schulgottesdienste oder interreligi\u00f6se Projekte gibt. Hessens Kultusministerin Karin Wolff stellt klar: \u201eEine Werteerziehung auf der Grundlage humanistischer und christlicher Tradition ist zentraler Bestandteil des Bildungs- und Erziehungsauftrags der Schule.\u201c Auch die Hessische Verfassung schreibt den Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach fest. Dennoch bleibt angesichts einer Bev\u00f6lkerungsentwicklung, in der die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler mit christlichem Hintergrund eine Minderheit sind, die Diskussion um die Zukunft des Religionsunterrichts eine Herausforderung (siehe auch den Kommentar auf Seite 2).<br \/>\nKurt-Helmuth Eimuth<\/p>\n<p>Jauch und Co. sind f\u00fcr \u201eReli\u201c<br \/>\nAltbundespr\u00e4sident Johannes Rau, Bundestagspr\u00e4sident Wolfgang Thierse, die TV-Moderatoren G\u00fcnter Jauch und Sabine Christiansen sowie andere Prominente unterschrieben einen Aufruf der Berliner Kirchen und der J\u00fcdischen Gemeinde f\u00fcr Wahlfreiheit zwischen dem Religionsunterricht und dem geplanten neuen Ethikfach. Insgesamt kamen seit April bereits 55000 Unterschriften zusammen. In der Diskussion um den \u201eWerteunterricht\u201c verweist Bischof Wolfgang Huber auf die Aussage eines Sch\u00fclers: \u201eDer Staat verf\u00fcgt nicht \u00fcber Antworten auf die Frage, was gut ist. Es f\u00e4llt ihm schon schwer genug, die Frage zu beantworten, was gerecht ist.\u201c Sch\u00e4rfer formuliert es Huber selbst: Kein Fach d\u00fcrfe zum \u201eHerrschaftsinstrument \u00fcber Seelen und K\u00f6pfe von Sch\u00fclern\u201c werden. Nach Pl\u00e4nen des Berliner Senats soll vom Schuljahr 2006\/2007 an ein Pflichtfach \u201eEthikunterricht\u201c ohne Abwahlm\u00f6glichkeit eingef\u00fchrt werden. Die Kirchen k\u00f6nnten dann zwar weiterhin Religionsunterricht als freiwilliges Angebot erteilen, f\u00fcrchten aber ein deutlich nachlassendes Interesse. Derzeit nehmen rund 150000 Kinder und Jugendliche in Berlin am Religionsunterricht teil.<br \/>\nKurt-Helmuth Eimuth<\/p>\n<p>\u201eWelche Werte will man unterrichten?\u201c<\/p>\n<p>In vielen Klassen sind evangelische Kinder die Minderheit, welche Berechtigung hat da noch ein evangelischer Religionsunterricht?<\/p>\n<p>Religionsunterricht ist nicht nur dann legitim, wenn ein Kind getauft ist, sondern bei j\u00fcngeren Kindern auch, wenn die Eltern m\u00f6chten, dass ihr Kind am evangelischen Unterricht teilnimmt, damit es die Tradition des christlichen Glaubens kennen lernt. Der Religionsunterricht ist in den Bildungsauftrag der Schule integriert. Die Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben und dem Glauben anderer Religionen geh\u00f6rt ebenso wie die Erziehung zur Achtung anderer Religionen zur Aufgabe der Schule.<\/p>\n<p>Regiert die Kirche hier nicht in unzeitgem\u00e4\u00dfer Form in die Schule hinein?<\/p>\n<p>Nein, und das will sie auch gar nicht. Eher machen die Kirchen den Schulen ein Angebot, die religi\u00f6se Frage in den Bildungsauftrag hineinzuholen. Das ist auch gar nicht unzeitgem\u00e4\u00df, weil sich ja in den letzten Jahren deutlich zeigt, dass Kinder und Jugendliche ein Interesse an religi\u00f6sen Fragen haben. Dass in Hessen das Unterrichtsfach, in dem es um diese Fragen geht, in \u00dcbereinstimmung mit den Kirchen erteilt wird, ist historisch gewachsen und deshalb Teil unserer Gesellschaft und Kultur.<\/p>\n<p>Was leistet der Religionsunterricht, das andere F\u00e4cher nicht leisten k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Wie der Name schon sagt: Er unterrichtet \u00fcber religi\u00f6se Bez\u00fcge. Das kann in anderen F\u00e4chern, wenn \u00fcberhaupt, nur am Rande vorkommen. Religionslehrerinnen und -lehrer stehen den Kindern als Gespr\u00e4chpartner zur Verf\u00fcgung, die auch \u00fcber ihren eigenen Glauben Auskunft geben k\u00f6nnen und wollen. Neben diesem auf ein Bekenntnis gest\u00fctzten Unterricht braucht die Schule aber ein Alternativfach, zum Beispiel Ethik, das diejenigen Kinder besuchen, die vom Religionsunterricht abgemeldet sind, denn auch diese Kinder brauchen Orientierung und Hilfestellung f\u00fcr ihr Leben.<\/p>\n<p>K\u00f6nnte der Religionsunterricht nicht durch ein allgemeines Fach Werteerziehung, so wie in Berlin geplant, ersetzt werden?<\/p>\n<p>Zwar ist Frankfurt eine multikulturelle Metropole wie Berlin oder Hamburg, aber es gibt Unterschiede. In Berlin gibt es keinen Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach. Die dortige Debatte \u00fcber den \u201eWerteunterricht\u201c zeigt einerseits den Willen, alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, nicht nur die konfessionell gebundenen, in einem Fach zu unterrichten, das Orientierung \u00fcber \u201eWerte\u201c zum Inhalt hat. Andererseits fragt man sich aber, warum hier die Partnerschaft mit den Kirchen nicht gewollt ist. Die Inhalte eines solchen \u201eWerteunterrichtes\u201c kann ich mir nur schwer vorstellen. Welche Werte sind gemeint? Was will man da unterrichten? Wie werden die Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet? \u00dcber die inhaltlichen Fragen h\u00f6rt man ja so gut wie nichts. In den Bundesl\u00e4ndern, in denen der Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach seit 1945 existiert, w\u00e4re ein Werteunterricht \u00fcberhaupt keine Alternative. Interview: Kurt-Helmuth Eimuth<\/p>\n<p>Evangelisches Frankfurt: Juli\/August 2005 \u00b7 29. Jahrgang \u00b7 Nr. 4<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u00c4lteren werden sich noch erinnern: Wenn \u201eReli\u201c angesagt war, wurde die Klasse geteilt, und es kamen immer die (Bl\u00f6den) von der Parallelklasse. 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