{"id":1552,"date":"2009-04-01T05:43:42","date_gmt":"2009-04-01T05:43:42","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=1552"},"modified":"2020-12-30T18:58:10","modified_gmt":"2020-12-30T16:58:10","slug":"1552","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=1552","title":{"rendered":"Erzieherinnen braucht das Land"},"content":{"rendered":"<p><!-- \t\t@page { margin: 2cm } \t\tP { margin-bottom: 0.21cm } --><span style=\"font-family: Arial,Arial,Helvetica;\"><span style=\"font-size: large;\">Erzieherinnen und Erzieher braucht das Land<\/span><\/span><\/p>\n<p>W\u00e4hrend derzeit viele Menschen um ihren Arbeitsplatz bangen, gibt es eine Berufsgruppe, die sich diesbez\u00fcglich \u00fcberhaupt keine Sorgen machen muss: Erzieherinnen. Allein in Frankfurter Kindertagesst\u00e4tten und Krabbelstuben werden in den n\u00e4chsten vier Jahren sch\u00e4tzungsweise 4500 neue Kr\u00e4fte gebraucht. Wo die herkommen sollen, wei\u00df derzeit noch niemand. In derselben Zeit werden n\u00e4mlich in der Berta-Jourdan-Schule, der einzigen Ausbildungsst\u00e4tte f\u00fcr Erzieherinnen in der Stadt, nur rund 1500 Absolventinnen \u2013 und wenige Absolventen \u2013 ihren Abschluss machen.<\/p>\n<p>Der Grund f\u00fcr diesen gro\u00dfen Bedarf ist die Tatsache, dass ab 2013 Eltern in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz f\u00fcr ihre Kinder haben. Auch in der evangelischen Kirche, lange ein Hort \u00fcberkommener Familienmodelle, hat sich diese Erkenntnis inzwischen durchgesetzt: \u201eDer Weg zu einer Institutionalisierung der Kinderbetreuung auch unter drei Jahren ist richtig und notwendig\u201c, betont Pfarrer Michael Frase, der Leiter des Diakonischen Werkes im Evangelischen Regionalverband Frankfurt.<\/p>\n<p>Von den rund 5500 neuen Krippenpl\u00e4tzen, die nach Sch\u00e4tzungen der Stadt in den n\u00e4chsten vier Jahren geschaffen werden m\u00fcssen, sollen 1000 in evangelischer Tr\u00e4gerschaft sein. Das bedeutet, dass die Kirche ihr derzeitiges Angebot fast verf\u00fcnffachen will. Dabei kommt es vor allem auf die Qualit\u00e4t an, betont Kurt-Helmuth Eimuth, der im Diakonischen Werk f\u00fcr Kitas und Krabbelstuben zust\u00e4ndig ist. \u201eEs geht um Bildung\u201c, so Eimuth. Allerdings kann Bildung bei Ein- oder Zweij\u00e4hrigen nicht so ablaufen wie in der Schule, wo die Lehrer vorgeben, was wann gelernt wird. Die evangelischen Krabbelstuben arbeiten vielmehr nach einem Konzept, das die Bed\u00fcrfnisse der Kinder selbst konsequent in den Mittelpunkt stellt. \u201eDer Mensch lernt durch Nachahmung, Ausprobieren und Kommunikation\u201c, so Eimuth.<\/p>\n<p>Was das praktisch bedeutet, erl\u00e4utert Tanja Stadtm\u00fcller, die Leiterin der evangelischen Krabbelstube in Zeilsheim: \u201eBei uns machen nie alle Kinder zur gleichen Zeit dasselbe.\u201c Die Kinder selbst entscheiden, wann sie schlafen, essen, spielen oder die Windeln gewechselt haben m\u00f6chten. Die Erzieherinnen bieten ihnen kein \u201eProgramm\u201c, sondern begleiten die Kleinen bei ihrem Entdeckungsdrang. \u00dcberall gibt es etwas zu erkunden, zum Beispiel Alltagsgegenst\u00e4nde wie leere Cremedosen oder Plastikflaschen. Rampen und Stufen animieren zum Klettern, die Kinder d\u00fcrfen auch im Waschbecken plantschen oder sich in die Kuschelecke verziehen \u2013 je nachdem, was gerade ihr Interesse weckt. Das p\u00e4dagogische Konzept dazu stammt von der ungarischen Kinder\u00e4rztin Emmi Pikler.<\/p>\n<p>Auch das Windelwechseln wird dabei nicht etwa als l\u00e4stige Notwendigkeit angesehen, sondern als wichtiger Teil des Bildungsprozesses, erkl\u00e4rt Vanessa Hoch, die f\u00fcr die fachliche Ausrichtung der evangelischen Krabbelstuben zust\u00e4ndig ist: \u201eDiese intime Interaktion tr\u00e4gt ganz entscheidend zur Vertrauensbildung bei.\u201c Und weil das Vertrauen zwischen Kind und Erzieherin so wichtig ist, ist in der Eingew\u00f6hnungsphase, die vier bis sechs Wochen dauert, eine einzige Kollegin f\u00fcr ein Kind zust\u00e4ndig. Wird sie zum Beispiel krank, muss die Eingew\u00f6hnungsphase unterbrochen werden. \u201eNur wenn die Bindung zwischen Kind und einer festen Bezugsperson stark und sicher ist, wird es anfangen, die Umgebung aktiv zu erkunden\u201c, erkl\u00e4rt Hoch.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr viele Erzieherinnen ist so ein Konzept eine Herausforderung, denn sie m\u00fcssen sich selbst zur\u00fccknehmen und gro\u00dfen Respekt vor den Kleinen mitbringen. In der Ausbildung haben sie das nicht unbedingt gelernt \u2013 hier gibt es selten einen speziellen Schwerpunkt auf Fr\u00fchp\u00e4dagogik. Kurt-Helmuth Eimuth kritisiert die \u201eAllround\u201c-P\u00e4dagogik, die heute oft noch das Berufsbild Erzieherin pr\u00e4gt \u2013 sie m\u00fcssen alles k\u00f6nnen, von der Krabbelstube bis zum Heim f\u00fcr Jugendliche.<\/p>\n<p>Forderungen nach einer Akademisierung des Berufs sieht Eimuth allerdings zwiesp\u00e4ltig. Er setzt eher auf differenzierte Ausbildungsg\u00e4nge und \u201emultiprofessionelle\u201c Teams aus \u201eBildungsorganisatorinnen\u201c in der Einrichtungsleitung und Spezialistinnen, etwa f\u00fcr interkulturelle oder religi\u00f6se Bildung, die mit ihren inhaltlichen Kenntnissen dann diejenigen unterst\u00fctzen, die als erste Bezugspersonen f\u00fcr die Kinder verl\u00e4sslich da sind und Vertrauen aufbauen.<\/p>\n<p>Krabbelstuben: Eine Aufgabe, die alle angeht<\/p>\n<p>Nachdem in Punkto Kinderbetreuung f\u00fcr unter Dreij\u00e4hrige lange Zeit Familien und \u00f6ffentliche Einrichtungen gegeneinander ausgespielt wurden, hat jetzt endlich ein Umdenken eingesetzt. Mit ungef\u00e4hr vierzig Jahren Versp\u00e4tung vollzieht die deutsche Gesellschaft das, was Feministinnen schon lange vorschlagen: Sie begreift, dass die Versorgung und Erziehung kleiner Kinder eine Aufgabe ist, die alle angeht und f\u00fcr die es ordentliche Konzepte braucht \u2013 und zwar \u00f6konomische ebenso wie p\u00e4dagogische.<\/p>\n<p>Was die p\u00e4dagogische Seite betrifft, so hat sich bereits vieles ver\u00e4ndert. Das Konzept der ungarischen Kinder\u00e4rztin Emmi Pikler, nach dem die evangelischen Krabbelstuben in Frankfurt arbeiten, ist durchaus \u00fcberzeugend. Zentral ist der Respekt vor den Kindern, auch bereits den Kleinsten, die als eigenwilliges Gegen\u00fcber ernst genommen werden. Modell f\u00fcr dieses Verst\u00e4ndnis von Bildung ist nicht mehr der autorit\u00e4re Lehrer, der Wissen einpaukt, sondern eher die Mutter, die verl\u00e4sslich da ist, dem Kind erkl\u00e4rt, was es interessiert, und ihm im ganz normalen Alltag Anregungen bietet. Im Zentrum steht die Vertrauensbeziehung zwischen einem Kind und einer erwachsenen Person \u2013 ob es nun die Mutter, der Vater oder eben die Erzieherin ist.<\/p>\n<p>Nicht richtig durchdacht ist aber nach wie vor die \u00f6konomische Seite. Wenn es nicht so traurig w\u00e4re, w\u00e4re es zum Lachen: Der massive Ausbau an Krippenpl\u00e4tzen, der jetzt holterdipolter aus dem Boden gestampft werden muss, droht n\u00e4mlich daran zu scheitern, dass es schlicht und ergreifend nicht gen\u00fcgend Erzieherinnen gibt. Was ja auch kein Wunder ist, wenn gleichzeitig jungen M\u00e4dchen bei \u201eGirls Days\u201c beigebracht wird, dass sie doch besser Kfz-Mechanikerin oder Ingenieurin werden sollen anstatt etwas \u201etypisch Weibliches\u201c.<\/p>\n<p>Hier liegt also durchaus ein Fehler im System. Zwar ist es inzwischen Konsens, dass junge M\u00fctter berufst\u00e4tig sein sollen. Doch die Frage bleibt, wer dann eigentlich die Arbeit der ehemaligen \u201eHausfrauen\u201c, die ja auch nicht den ganzen Tag nur D\u00e4umchen gedreht haben, \u00fcbernehmen soll \u2013 und vor allem unter welchen Bedingungen. Denn T\u00e4tigkeiten, die auf Beziehungen, Vertrauen, F\u00fcrsorge gr\u00fcnden, lassen sich nun mal nicht in unser derzeitiges Verst\u00e4ndnis von \u201eWirtschaft\u201c integrieren. Sie \u201erechnen\u201c sich nicht, bringen keinen Profit, versprechen nicht Macht und allgemeine Anerkennung. Sie entziehen sich der betriebswirtschaftlichen Logik, und trotzdem muss irgendjemand sie erledigen.<\/p>\n<p>Wer die eigene Berufst\u00e4tigkeit nach streng \u201ekapitalistischer\u201c Logik plant, also vor allem auf Einkommen und Status achtet, ist dazu kaum motiviert. Deshalb ist der Anteil von M\u00e4nnern an der Kindererziehung im institutionellen Bereich genauso winzig wie fr\u00fcher in der Familie. Vielleicht bietet ja die Finanzkrise, die eine Wirtschaftsexpertin k\u00fcrzlich sehr treffend \u201eTestosteronkrise\u201c genannt hat, einen Anlass zum Umdenken. Es w\u00e4re jedenfalls nicht das Schlechteste, wenn demn\u00e4chst arbeitslose Ingenieure und Kfz-Mechaniker auf Erzieher umschulen m\u00fcssten. Denn Autos haben wir l\u00e4ngst genug, Zeit f\u00fcr Kinder aber nicht.<\/p>\n<p>In: Kirche Intern, April 2009<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erzieherinnen und Erzieher braucht das Land W\u00e4hrend derzeit viele Menschen um ihren Arbeitsplatz bangen, gibt es eine Berufsgruppe, die sich diesbez\u00fcglich \u00fcberhaupt keine Sorgen machen muss: Erzieherinnen. Allein in Frankfurter Kindertagesst\u00e4tten und Krabbelstuben werden in den n\u00e4chsten vier Jahren sch\u00e4tzungsweise 4500 neue Kr\u00e4fte gebraucht. 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