Apr 01

Die Sichtbarkeit des Religiösen

Evangelisches Frankfurt April 2010

Die Sichtbarkeit des Religiösen

Das sichtbare Zeichen des Christentums ist das Kreuz. Und gerade am Kreuz macht sich der Konflikt zwischen Religion und einem zur weltanschaulichen Neutralität verpflichteten Staat immer wieder fest. Warum es nicht sinnvoll ist, religiöse Symbole völlig aus der öffentlichen Sichtbarkeit zu verbannen.

Ob im Gerichtssaal, im Kreistag oder in der Schule, immer wieder wird die Neutralität öffentlicher Versammlungsorte eingeklagt. Wie kürzlich in Bad Soden. An den dortigen Kliniken, die vormals in katholischer Trägerschaft waren und jetzt vom Landkreis betrieben werden, hat man zwölf Kreuze aus Krankenzimmern abhängen und in einen Müllsack stecken lassen. Die Aktion stieß bei vielen Patientinnen und Patienten auf Unverständnis.

Wie es hieß, hatte sich ein Muslim über die Kreuze beschwert. Man kann natürlich solches Drängen von Angehörigen anderer Religionen gegen die Sichtbarkeit christlicher Symbole lapidar so abtun, wie es der Bad Sodener Dekan Eberhard Kühn gemacht hat. Gegenüber der Nachrichtenagentur Idea sagte er: „Ein Kruxifix im Krankenhauszimmer bedeutet für einen Moslem nicht, dass seine Genesung gefährdet ist.“

Doch die Diskussion geht tiefer. Es handelt sich nicht nur um Themen, die vergleichsweise nebensächlich sind, wie die Frage von Kreuzen in Krankenzimmern. Im Kern geht es um die Frage, ob eine Gesellschaft, die sich insgesamt mehr und mehr von religiösen Inhalten entfernt, Religionsgemeinschaften noch Privilegien einräumen darf. Sollen zum Beispiel Religionslehrerinnen und

und Normensysteme liefern auch die Religionsgemeinschaften. Insofern sind sie wichtige Dialogpartner in gesellschaftlichen Veränderungsprozessen. Sie haben nicht nur eine private Bedeutung für die einzelnen Gläubigen, sondern auch für die öffentlichen Diskussionen. Deshalb sollten sie auch sichtbar sein.

Kurt-Helmuth Eimuth

Dez 01

„Es wird Spannungen geben“

Evangelisches Frankfurt Dezember 2008

„Es wird Spannungen geben“
Der Islam-Reformer Tariq Ramadan in der Matthäuskirche

Die Matthäuskirche war an diesem Abend gut gefüllt. Auch zahlreiche Muslime waren in den Sakralraum gekommen, um Tariq Ramadan zu hören und zu sehen. Der charismatische Redner, ein Enkel des Gründers der radikal-islamischen Muslimbuderschaft, ist in Genf aufgewachsen und gilt als prominenter, wenn auch umstrittener Vertreter eines „europäischen“ Islam.

Der umstrittene Reformer Tariq Ramadan warb in der Matthäuskirche für einen europäischen Islam. | Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

Der umstrittene Reformer Tariq Ramadan warb in der Matthäuskirche für einen europäischen Islam.
Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

Pfarrer Johannes Hermann von der Hoffnungsgemeinde wies zu Beginn darauf hin, dass in einem Stadtviertel wie dem rund um den Frankfurter Hauptbahnhof, wo „achtzig Prozent Muslime leben“, die Auseinandersetzung mit dem Islam besonders notwendig sei. Tariq Ramadan betonte, dass die heute in Europa lebenden Muslime nicht mehr isoliert in der Gesellschaft lebten. Sie seien vielmehr ein wichtiger Teil der Gesellschaft. Und mit Blick auf Europa sagte er: „Wir brauchen Migration, aber es wird Spannungen geben zwischen den Einwohnern und den Migranten.“ Deshalb sei ein „tiefer Dialog“ notwendig, der von gegenseitigem Respekt geprägt sein sollte. „Unsere Zukunft ist eine gemeinsame Zukunft“, ist Ramadan überzeugt.

Anlass des Gesprächs war die Vorstellung einer Biographie, die Nina zu Fürstenberg soeben veröffentlicht hat. Die Autorin schilderte, dass Ramadan von verschiedenen politischen Kräften sehr unterschiedlich wahrgenommen wird. Während ihn westliche Geheimdienste beobachten und die USA ihm ein Einreiseverbot erteilten, hatte ihn Tony Blair als Berater in seine „Task Force“ für Terrorismus- und Integrationsfragen berufen.

Ramadan gilt als Reformer, der die Grundlagen für einen zukünftigen Islam aber gleichwohl in den traditionellen Quellen sucht. Doch dieser Weg irritiert auch. Am deutlichsten wurde das, als Ramadan lediglich für ein Moratorium bei körperlichen Strafen wie etwa der Steinigung von so genannten „Ehebrecherinnen“ eintrat.

Schade nur, dass Ramadan und die anderen Diskutanten an diesem Abend sehr unter der schlechten Kirchenakustik und mangelnden Absprachen, was die Übersetzung anging, zu leiden hatten. Denn von ihm wird man noch hören.

Kurt-Helmuth Eimuth

Jul 01

Islamunterricht nicht in Sicht

Ministerin Wolff unterstreicht die Bedeutung des Schulfaches Religion

In Hessen wird es in naher Zukunft wohl keinen Islamunterricht an Schulen geben. Zwar hob Kultusministerin Karin Wolff, die auf Einladung des Evangelischen Arbeitskreises der CDU in die Frankfurter Katharinengemeinde gekommen war, die Bedeutung der Religion für die Identitätsbildung des Menschen hervor. Sie erläuterte jedoch auf Nachfrage, dass ihr zur Einführung eines muslimischen Religionsunterrichts die Ansprechpartner fehlten. Es gebe keine Organisationsform, die die Muslime wirklich vertreten könne. „Wir haben eine Vielzahl von Gruppierungen. Das macht Vereinbarungen schwierig“, erläuterte Wolff. Zudem fehlten Lehrpläne und Ausbildungsmöglichkeiten für muslimische Religionslehrerinnen und -lehrer.

Dabei betonte Wolff jedoch, dass der Religion in der Schule eine wichtige Bedeutung zukomme: „Jugendliche müssen sich verorten in der Gesellschaft, und dafür brauchen sie Orientierung.“ In der Schule könne deshalb der Religionsunterricht nicht nur ein „Sahnehäubchen“ sein, vielmehr durchzögen Fragen von Identität und Interkulturalität alle Schulfächer. So sei es Aufgabe aller Lehrkräfte, gleich welchen Glaubens, kulturelle Zusammenhänge darzustellen: Wenn etwa im Re­ ligionsunterricht die biblische Schöpfungsgeschichte vermittelt werde, könne die Biologie dieses Thema naturwissenschaftlich ergänzen.

Die Kultusministerin hob hervor, dass ein Kind ein Recht darauf habe, sich nicht nur in seiner eigenen Kultur zurecht zu finden, sondern auch eine eigene Identität zu finden. „Ein Kind fragt schon im Kindergarten, woher komme ich, warum gibt es mich, was ist
einzigartig.“ Wer einen eigenen Standpunkt zu diesen Fragen finde, werde keine Angst haben, anderen Standpunkten zu begegnen, führte die Ministerin mit Blick auf die Begegnung mit anderen Religionen aus. Das Wissen von anderen Religionen hält Wolff für unabdingbar notwendig. Doch wer nur alles nebeneinander stelle, verwechsele Toleranz mit Gleichgültigkeit.

Die Ministerin betonte, dass der christliche Religionsunterricht in Hessen ordentliches Unterrichtsfach sei. Wenn dieses abgewählt werde, sei der Ethikunterricht als Ersatzfach die Alternative. Wolff kündigte an, dass durch verstärkte Ausbildung von Ethiklehrerinnen und -lehrern in den nächsten drei Jahren flächendeckend dieser Ersatzunterricht angeboten werden könne.

Kurt-Helmuth Eimuth
Evangelisches Frankfurt Juli 2007