Jun 24

„Wir brauchen eine Erweiterung des Horizonts“ Interview mit Gebhardt und Jung

Evangelisches Frankfurt Juni 2011

Esther Gebhardt und Dr. Volker Jung. Foto: Rolf Oeser 

In den Gremien der Frankfurter evangelischen Kirche wird derzeit eine neue parlamentarische Struktur erarbeitet. An die Stelle von vier Dekanaten und dem Regionalverband soll ein gemeinsames „Stadtdekanat“ treten. Ein guter Anlass für einige grundsätzliche Überlegungen: Was macht Kirche in der Großstadt heute aus? Die Redaktion von „Evangelisches Frankfurt“ lud dazu den hessen-nassauischen Kirchenpräsidenten, Volker Jung, und die Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Regionalverbandes, Esther Gebhardt, zu einem Redaktionsgespräch ein.

Herr Jung, Sie haben kürzlich einige Einrichtungen des Evangelischen Regionalverbandes in Frankfurt besucht. Was war Ihr Eindruck?

Jung: Die Situation in Frankfurt ist natürlich ausgesprochen vielfältig. Mir lag sehr daran, die Sozialarbeit kennen zu lernen. Zum Beispiel das Engagement in der Ausbildung von Jugendlichen, die keinen Schulabschluss haben. Es ist ein Charakteristikum der Kirche hier in Frankfurt, dass so eine Arbeit hier über Jahre hinweg ausgesprochen professionell weiter entwickelt wurde. Das ist ein richtiges Markenzeichen, eine ganz große Stärke.

Eine Besonderheit ist sicher auch, dass in Frankfurt 90 oder 95 Prozent derer, die diese Angebote nutzen, gar nicht der evangelischen Kirche angehören.

Jung: Wir machen das eben nicht in erster Linie um unserer selbst willen, sondern wir haben einen Auftrag, der sich an alle Menschen richtet. Wir wollen helfen, dass das Leben gelingt.

Pfarrerin Esther Gebhardt ist die Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt, in dem sich die Frankfurter Gemeinden und Dekanate zusammengeschlossen haben. Foto: Rolf Oeser 

Viele dieser Einrichtungen sind überwiegend aus öffentlichen Geldern finanziert. Bei den Kindertagesstätten ist der Kirchensteueranteil inzwischen von 30 auf 15 Prozent zurückgegangen.

Gebhardt: Bei den neuen Krabbelstuben in Frankfurt liegt er sogar bei null Prozent. Der Kirchensteueranteil am Haushalt des Evangelischen Regionalverbandes insgesamt liegt zwischen 20 und 30 Prozent.

Jung: Bei den Kindertagesstätten steuern wir in Hessen und Nassau im Moment etwa 35 Millionen Euro im Jahr aus Kirchensteuern bei. Ein hoher Betrag angesichts der Tatsache, dass Kinderbetreuung eine kommunale Pflichtaufgabe ist.

Gebhardt: Der Punkt, den ich daran spannend finde, ist: Wie gelingt es, die eigentliche Botschaft von Kirche zu leben in Arbeitsfeldern, die mit öffentlichen Geldern finanziert werden? Dazu braucht man vor allem die entsprechenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, und es wird immer schwieriger, sie zu finden. Vor allem, wenn wir­ erwarten, dass sie schon christlich sozialisiert sind, wenn sie zu uns kommen. Hier sollten wir uns öffnen und überlegen, wie wir sie fördern oder entwickeln können. Dann kann man aber auch mit fremdem Geld eine richtig gute, kirchliche Arbeit machen.

Haben Sie ein Beispiel?

Gebhardt: Nehmen Sie den Täter-Opfer-Ausgleich, bei dem außergerichtliche Einigungen zwischen Straftätern und Opfern gesucht werden. Es ist von der Grundidee her originär christlich, auf der Grundlage von Buße, Vergebung und Neuanfang Lösungen zu finden. Obwohl wir für diese Einrichtung kaum eigenes Geld in die Hand nehmen.

Jung: Wir sind herausgefordert darüber nachzudenken, wie wir mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern evangelisch arbeiten können, die einer anderen Kirche oder auch gar keiner Kirche angehören. „Kirche mit anderen“ muss dabei nicht bedeuten, evangelische Identität aufzugeben, sondern es kann bewusst Teil des evangelischen Profils sein. Diese Herausforderung stellt sich natürlich insbesondere in so einer Stadt wie Frankfurt.

Zumal hier auch der atheistische Gegenwind stärker weht. Viele Leute fragen, warum die Kirche überhaupt staatliche Gelder bekommt.

Jung: Die bekommt sie, wie andere übrigens auch, weil sie Dienstleistungen für den Staat erbringt. Wir leisten einen Dienst an der Gesellschaft, weil wir sehen, da gibt es Menschen, denen diese Arbeit gut tut.

Reicht das, um die Kritiker zu überzeugen?

Jung: Ich glaube, die bekenntnismäßigen Atheisten sind gar nicht so sehr viele. Viele, die in der Statistik als nichtkonfessionell geführt werden, sind zum Beispiel Christinnen und Christen aus anderen Ländern, die nicht der Landeskirche angehören.

Gebhardt: Hier in Frankfurt treten die Atheisten nicht stark als politisch formierte Organisation in Erscheinung. Sie machen mir viel weniger zu schaffen als die freundlich Desinteressierten, die es leider auch unter unseren Mitgliedern gibt.

Jung: In Studien wurde seit den 70er Jahren prognostiziert, dass die Kirchenmitgliedschaft immer weiter abbröckeln wird. Wenn es so gewesen wäre, dann wären wir als Kirche schon weg. Also muss die Frage eigentlich eher umgekehrt lauten: Warum ist die Kirchenmitgliedschaft so stabil, wie sie ist? Ich denke, es gibt vieles, was nach wie vor an unserer Kirche geschätzt wird, und zwar auch von denen, die nach unserem Urteil eher zu den weniger Verbundenen zählen. Und dazu gehört ganz wesentlich, dass die Kirche sozial-diakonisch engagierte Arbeit leistet.

Gebhardt: Da kommen wir zu einem Punkt, über den ich gerne sprechen würde. Unsere Kirchenstruktur geht von der traditionellen Form der Parochie, der Ortsgemeinde aus. Dafür gibt es einen Rahmen, Mitgliedschaft, Kirchenvorstände, Wahlgesetze. Und dann gibt es dieses große, breite andere Feld der übergemeindlichen Arbeit. Momentan arbeiten wir ja an einer neuen Struktur für Frankfurt, und was mich dabei sehr beschäftigt ist: Woraus speist sich diese Struktur? Wenn weiterhin das Nadelöhr für demokratische Beteiligung an Gremien die „Ochsentour“ durch die Gemeinde ist, dann führt das meines Erachtens in eine Verengung. Weil man dieses große Feld an Engagement in den Fördervereinen, diakonischen Ehrenamtsgruppen, der Hospizarbeit und so weiter nicht einbindet. Diese Menschen bringen uns ganz viele Gedanken und Ideen, die wir aus rein gemeindlicher Perspektive so vielleicht gar nicht sehen.

Jung: Im Moment gehen wir davon aus, dass diejenigen, die in den Gemeinden die Kirchenvorstände wählen, diese Felder im Blick haben. Zurzeit überarbeiten wir unsere Kirchengemeindeordnung. Dies ist eine Gelegenheit, auch andere Gemeindeformen zu ermöglichen, die es ja zum Teil schon gibt, etwa Anstalts- und Personalkirchengemeinden. Doch wenn man Beteiligungsformen zu thematisch und interessenbezogen ausrichtet, besteht die Gefahr einer Zersplitterung. Das ist eine sehr schwere Systemfrage.

Volker Jung ist Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, zu der auch Frankfurt gehört. Das Kirchengebiet reicht von Oberhessen bis zum Odenwald, vom Westerwald bis in den Rodgau und umfasst große Teile Hessens, aber auch Gebiete von Rheinland-Pfalz. Foto: Rolf Oeser 

Aber ist nicht der moderne Mensch eher projektbezogen engagiert? Es kann doch zum Beispiel sein, dass eine Frau, die in Bad Homburg wohnt, sich hier in Frankfurt im Hospiz engagiert und dort sehr aktiv ist. Warum sollen nur diejenigen, die in einer klassischen Gemeinde aktiv sind, eine demokratische Stimme haben?

Jung: In der momentanen Struktur gibt es dafür die Berufungsplätze, sowohl in den Kirchenvorständen als auch in den Synoden. Die Gegenfrage wäre aber: Wenn die Menschen sich nur projektbezogen engagieren, brauchen wir nicht zugleich verlässliche Strukturen?

Gebhardt: Ja, das ist genau die entscheidende Frage. Viele engagierte Leute wollen sich bewusst nicht in strukturelle Verbindlichkeiten hineinbegeben, sondern konkret etwas für andere Menschen tun. Aber trotzdem könnte ich mir vorstellen, dass man zum Beispiel sagt: Alle Ehrenamtlichen aus dem Bereich der Diakonie können eine Anzahl von Delegierten wählen und in das Kirchenparlament entsenden.

Jung: Ich will das überhaupt nicht ausschließen. Es kann aber nicht nur ein spontanes Zusammenkommen sein. Es wird immer viel über Milieuverengung in den Gemeinden geredet, also dass sich dort nur eine bestimmte Gruppe von Menschen trifft. Und das mag hier und da auch der Fall sein. Aber man darf nicht unterschätzen, welche breite Repräsentanz es auch in den Kirchenvorständen gibt. Wo haben Sie sonst ein Gremium, wo eine Managerin neben einem Rentner sitzt, oder die 18-Jährige neben dem 70-Jährigen? Da muss man lange suchen.

Gebhardt: Ich erlebe durchaus Kirchenvorstände, wie Sie sie beschreiben, die wirklich einen weiten Blick haben. Ich erlebe aber leider auch Kirchenvorstände, in denen kleine, sehr auf sich selbst bezogene Gruppen mit viel Kraft versuchen, Prozesse aufzuhalten. Einer der markantesten Sätze, der mir begegnete, als wir in einer Gemeinde darüber sprachen, dass es doch längst Zeit sei, mit der Nachbargemeinde zu kooperieren, war: „Aber warum denn jetzt, das kann man doch auch in zehn Jahren noch machen!“

Jung: Ja, die gibt es, das ist unbestritten. Und ich wünsche mir natürlich, dass wir offener werden und bereit sind, Strukturen zu verändern. Sie haben das ja bei der Einweihung des neuen Kirchenhauses auf dem Riedberg so schön beschrieben: Etwas Neues kann nur entstehen, wenn wir an anderer Stelle bereit sind, auch Dinge aufzugeben.

Herr Jung, sie haben vorhin auf die Gefahr der Zersplitterung hingewiesen. Es gibt ja tatsächlich inhaltliche Konflikte zwischen den verschiedenen Milieus. Etwa die Haltung zur Homosexualität.

Jung: Die Kirche ist immer auch Spiegelbild der Gesellschaft, und dass wir darin die unterschiedlichsten Positionen vertreten haben, gehört dazu. Ein Thema wie Homosexualität ist wahrscheinlich nie ausdiskutiert. Ich bin aber sehr froh, dass die evangelische Kirche in dieser Sache eine sehr offene Haltung hat, die meiner Ansicht nach auch eine Mehrheitsauffassung ist.

Diese Haltung ist innerhalb des interreligiösen Dialogs ja auch ein echtes evangelisches Alleinstellungsmerkmal.

Gebhardt: Und es ist die Frage, die uns von den anderen Kirchen am meisten trennt. Auch das muss man sehen. Eine andere innerkirchlich umstrittene Frage ist, wie viel Offenheit im Dialog mit dem Islam wir brauchen und uns aus evangelischem Verständnis leisten.

Bei solchen Themen gibt es auch deutliche Unterschiede zwischen Stadt und Land. Der frühere Limburger Bischof Kamphaus hat bei der Einweihung des katholischen Hauses am Dom gesagt, dass das Wort Gottes immer auch über die Städte weiter getragen wurde. Welche Bedeutung hat für die EKHN eine Stadt wie Frankfurt?

Jung: Wenn ich die EKHN vorstelle, stelle ich sie gern immer genau mit diesen zwei Seiten vor: Sie ist ganz stark geprägt durch das Rhein-Main-Gebiet, wo sich Entwicklungen viel schneller zeigen als anderswo, hat auf der anderen Seite aber auch diese starke ländliche Prägung. Schwierig wird es, wenn das zu einem Gegensatz wird, der dann in Verteilungskämpfen gegeneinander ausgespielt wird.

Gebhardt: Ich hätte mir in der Vergangenheit manchmal schon gewünscht, dass die EKHN mehr Verständnis dafür aufbringt, dass Frankfurt einen eigenen Raum braucht, um Dinge auszuprobieren. Wir verstehen ja, dass wir sparen müssen wie alle anderen auch, aber wie wir sparen, das würden wir doch gerne vor Ort nach unseren eigenen Maßstäben und Bedingungen entscheiden, die sich aus der besonderen Situation ergeben. Da muss man auch mal etwas ausprobieren dürfen und nicht immer hören, dass endlich alle Frankfurter Sonderwege beendet werden müssen.

Jung: Ich habe ja schon signalisiert, dass ich das gerne unterstütze. Ich wünsche mir, dass es gelingt, dafür eine gute Struktur zu finden. Da muss es dann unter Umständen so etwas wie ein „Frankfurt-Gesetz“ geben. Es gibt ja auch in anderen großen Städten den Versuch, die Dinge etwas anders zu regeln. Mein Wunsch ist, dass das von ländlicher Seite gesehen und mitgetragen wird.

Kurt-Helmuth Eimuth, Antje Schrupp

Jul 01

Kirche für verschiedene Welten und Milieus

Wie wird sich die evangelische Kirche in den nächsten zehn, zwanzig Jahren verändern? Was bedeuten die gegenwärtigen Reformdebatten konkret für die Stadt Frankfurt? Ein Gespräch mit Pfarrerin Esther Gebhardt und Professor Wolfgang Nethöfel.

Welche Bedeutung haben die gegenwärtigen Reformdebatten (siehe unten) für die evangelische Kirche in Frankfurt?

Gebhardt: In allen Papieren wird zum ersten Mal die besondere Situation der Großstadt gewertet und gewichtet. In Frankfurt hatten wir es immer schwer, zu vermitteln, dass wir eigene Arbeitsschwerpunkte bilden müssen und dass wir die Notwendigkeit zur Veränderung oft schon viel früher erleben und erkennen. Das klassische Gemeindemodell greift hier schon längst nicht mehr so, wie es vielleicht in ländlicheren Gebieten noch vorhanden ist.

Nethöfel: Frankfurt hat als Stadt ja auch eine europaweite Bedeutung. Entwicklungen zeigen sich hier nicht nur besonders schnell, sie verdichten sich auch stärker. Ich bin Kirchenvorsteher im Bahnhofsviertel, und das ist mit all seinen Problemen ein besonderer Stadtbezirk, wie er eigentlich nur mit Berlin und mit New York vergleichbar ist. Wir haben also eine Modellfunktion, und wir können mit guten Gründen sagen, dass wir hier in Frankfurt andere und teilweise auch mehr Ressourcen brauchen.

Foto: Rolf Oeser

Foto: Rolf Oeser

Hat sich die klassische Ortsgemeinde in Frankfurt überlebt?

Nethöfel: Das kann man so nicht sagen. Man kann aber in Frankfurt besonders gut zeigen, dass die traditionelle Ortsgemeinde nicht die einzige Gemeindeform sein kann. Wir brauchen unterschiedliche Gemeindeformen, und dafür muss man kirchenorganisatorisch einen Rahmen finden.

Gebhardt: In der Vergangenheit ist die Diskussion meist als ein Entweder-Oder geführt worden – auf der einen Seite die Ortsgemeinde, die sich verunsichert fühlt, auf der anderen Seite die Spezialpfarrämter, etwa in der City-Seelsorge oder in der Notfallseelsorge, die immer das Gefühl hatten, sie müssten sich legitimieren. Aber das ist eine falsche Blickrichtung. Die Differenziertheit großstädtischen Lebens zeigt ja gerade, dass es unterschiedliche Welten und Milieus gibt. Wir haben vor allem am Stadtrand Gemeinden, die dörflich strukturiert sind und ihren traditionellen Gemeindepfarrer brauchen, und wir haben Innenstadtgemeinden, in denen dörfliche Sehnsüchte und städtische Mobilität nebeneinander existieren.

Frau Gebhardt, Sie haben eine Idee aufgegriffen, die schon seit gut zwanzig Jahren in Frankfurt diskutiert wird, nämlich dass am
Wochenende verschiedene Gottesdienste zu unterschiedlichen Uhrzeiten und für unterschiedliche Zielgruppen angeboten werden müssten. Warum kriegt die Kirche das immer noch nicht hin?

Gebhardt: Weil noch immer jede Gemeinde glaubt, alle Angebote vorhalten zu müssen. Aber das wird eine einzelne Gemeinde in Zukunft nicht mehr leisten können. Sie wird sich mit ihren Nachbargemeinden zusammensetzen müssen und fragen: Wer kann was anbieten, damit möglichst viele Menschen mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen angesprochen werden? Junge Familien wollen heute häufig nicht sonntags früh zum Gottesdienst gehen, sondern sie wollen lieber in Ruhe gemeinsam frühstücken. Aber möglicherweise würde ihnen ein gemeinsamer Gottesdienstbesuch nachmittags gut passen.

Esther Gebhardt ist Pfarrerin und seit 1990 Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt, in dem sich Gemeinden und Dekanate der Stadt zusammengeschlossen haben. Zu ihren Aufgaben gehört es, die notwendigen Strukturveränderungen vor Ort in konkrete Projekte zu fassen. | Foto: Rolf Oeser

Esther Gebhardt ist Pfarrerin und seit 1990 Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt, in dem sich Gemeinden und Dekanate der Stadt zusammengeschlossen haben. Zu ihren Aufgaben gehört es, die notwendigen Strukturveränderungen vor Ort in konkrete Projekte zu fassen.
Foto: Rolf Oeser

Brauchen wir auch besonders hervorgehobene Kirchen, zum Beispiel die Katharinenkirche an der Hauptwache?

Nethöfel: Wenn wir der evangelischen Kirche in Frankfurt ein erkennbares Profil geben wollen, müssen wir aus der Katharinenkirche so etwas machen wie den Berliner Dom oder den Hamburger Michel. Es ist eine Riesenchance, dass wir diese prominente Kirche haben, und die müssen wir nutzen.

Das Thema im Hintergrund ist auch die Ausdifferenzierung in verschiedene Milieus, gerade in der Stadt. Welche Antworten kann eine Volkskirche da finden?

Nethöfel: Die Daten, die uns da von Soziologen geliefert werden, legen den Kurzschluss nahe, wir müssten für alle Milieus in gleicher Weise und in gleicher Stärke da sein. Aber das ist nicht richtig. Sondern wir sind für diejenigen da, die uns am meisten brauchen. Trotzdem müssen wir aufmerksam schauen, wen wir mit unserem derzeitigen Angebot wirklich erreichen, und überlegen, ob wir das so wollen. Wir sprechen als Kirche eine sehr bürgerliche Schicht an, und das wird sowohl vom Angebot als auch von der Nachfrage her immer enger.

Gebhardt: Wer Unterhaltung oder Event haben will, muss dafür nicht zwingend zur Kirche gehen. Sinnvoll finde ich den Ansatz, Orte auch vorübergehender Begegnungen zu schaffen, wie etwa Citykirchen, wo man sich nicht gleich verpflichtet, aktiv mit in das kerngemeindliche Leben einzutreten. Noch viel spannender finde ich es, zu sehen, wo die Schnittpunkte sind, an denen viele Menschen der Kirche begegnen, also im Kindergarten, bei Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen. Ich treffe immer wieder Menschen, die die Kirche bei solchen Gelegenheiten negativ oder positiv erlebt haben und zwanzig Jahre später noch darüber reden und sagen, diese Beerdigung oder diese Erfahrung war für sie so prägend, dass sie sich entweder von der Kirche ab- oder ihr neu zugewendet haben. Diese Kontakte müssen mit Sorgfalt gestaltet werden.

Könnte es also in Zukunft spezialisierte Pfarrerinnen und Pfarrer geben, weil der eine besonders gut beerdigen, die andere besonders gut predigen kann?

Nethöfel: Ein Großraum wie Frankfurt hat tatsächlich besondere Chancen, durch eine gute Personalpolitik die Menschen dorthin zu bringen, wo sie ihre Talente und Gaben auch besonders gut entfalten können. Aber dahinter steht ja noch ein anderes Problem: Religiöse Bedürfnisse äußern sich nicht nur in Formen, für die wir bereits kirchliche Angebote haben. Die Menschen gehen zum Teil ins Kino oder zu bestimmten Events, um sich dort religiös zu orientieren. Wie beantworten die Menschen denn faktisch die Frage: Woher komme ich, wo geht das Ganze hin, welchen Sinn hat es, und wie soll ich mich daher hier verhalten? Solche religiösen Kernfragen werden teilweise von den Kirchen nicht mehr zufriedenstellend beantwortet. Wir müssen uns mit unserem Angebot auch immer wieder kritisch selber in Frage stellen: Sind wir denn wirklich da, wo wir als Kirche tatsächlich gebraucht werden?

Gebhardt: Da komme ich auch noch mal zu einem Kernproblem dieser ganzen kirchlichen Reformpapiere: Wir arbeiten im Wesentlichen immer noch an der Findung neuer Strukturen vor dem Hintergrund zurückgehender Kirchensteuereinnahmen. Das ist aber nicht das Thema, mit dem wir die Herzen der Menschen gewinnen, sondern eigentlich eine Hausaufgabe, die wir stillschweigend zu erledigen hätten. Die große Herausforderung ist, wie wir auf die religiösen Fragen der Menschen antworten und wie wir ihnen überhaupt wieder helfen, ihre religiösen Fragen und ihre Suche neu zu entdecken. Was bedeutet denn die Auferstehung? Was sind die Dinge, die uns im Leben und im Sterben tragen? Was bedeutet die Trinität, der dreieinige Gott, für uns heute? Diesen Fragen sind wir in den letzten Jahrzehnten zu oft aus dem Weg gegangen. Aber hier setzt glücklicherweise auch eine Neubesinnung der Kirche ein.

Nethöfel: Ich halte es auch für eine Falle, wenn wir unseren Erfolg als Kirche von dem klassischen Kernangebot her definieren. Dieses Angebot ist ja oft fast wie ein Club organisiert, wo sich immer dieselben Leute zu immer demselben Ereignis treffen. Erfolg heißt dann: Wir finden mehr Leute, die da mitmachen. Aber eine solche Sichtweise führt, glaube ich, in eine Spirale hinein, wo der Misserfolg vorprogrammiert ist.

Wolfgang Nethöfel ist Kirchenvorsteher in der Hoffnungsgemeinde und Professor für Sozialethik am Fachbereich Evangelische Theologie der Universität Marburg sowie Organisationsberater im kirchlich-sozialen Bereich. Im Januar hat er am Zukunftskongress der Evangelischen Kirche in Wittenberg teilgenommen. | Foto: Rolf Oeser

Wolfgang Nethöfel ist Kirchenvorsteher in der Hoffnungsgemeinde und Professor für Sozialethik am Fachbereich Evangelische Theologie der Universität Marburg sowie Organisationsberater im kirchlich-sozialen Bereich. Im Januar hat er am Zukunftskongress der Evangelischen Kirche in Wittenberg teilgenommen.
Foto: Rolf Oeser

Zumal ja in dieser Frage, welche Antworten es auf grundlegende Sinnfragen gibt, die Kirche mittlerweile in Konkurrenz steht zu anderen Religionen, der katholischen Kirche, dem Islam, der Esoterik.

Gebhardt: Wir müssen uns angesichts dieser Konkurrenz gar nicht so sehr beängstigen lassen. Früher war mal die Esoterik das ganz große Thema, jetzt sind es vielleicht andere. Ich glaube, wir sollten einfach bei unserer Linie bleiben. Die viel größere Herausforderung sehe ich darin, was wir denen entgegensetzen, die sagen, dass sie gar keine Transzendenz brauchen, dass sie auch ohne eine religiöse Antwort oder eine religiöse Lebensdeutung leben können. Das finde ich viel spannender.

Was ist Ihre Prognose: Wie sieht die evangelische Kirche in Frankfurt in zehn, zwanzig Jahren aus?

Gebhardt: So wesentlich anders als heute wird sie nicht aussehen. Prozesse in der Kirche gehen nicht revolutionär oder eruptiv vonstatten, sondern sehr langsam. Wir werden größere Zusammenschlüsse von Gemeinden haben, die Kleinteiligkeit der derzeit sechzig evangelischen Gemeinden in Frankfurt wird sich nicht aufrecht erhalten lassen. Wir werden weniger Gebäude haben, wir werden weniger Hauptamtliche haben, dafür wird das Ehrenamt an Bedeutung und auch an Einfluss gewinnen. Die Kirche wird ärmer und wohl auch älter, wenn wir auf die demografische Entwicklung schauen. Bestimmte Schwerpunktbildungen haben wir in Frankfurt ja auch schon vorgenommen, etwa bei der Jugendkulturkirche oder der Diakoniekirche. Aber es wird auch in zwanzig Jahren noch Gemeindepfarrämter geben, und ich glaube, wir tun auch gut daran, Themen, Orte, Menschen und auch Feiertage und Feste zu profilieren und herauszustellen und weiter unsere eigenen Themen zur Sprache zu bringen. Wir werden kleiner – aber wir müssen deswegen ja nicht auch Geist-loser werden.

Nethöfel: In der Tat schwimmt da ein Tanker, und die Prozesse werden langsam und zögerlich ablaufen, etwa wie Frau Gebhardt sie beschreibt. Ich denke aber, dass in den kommenden zehn Jahren, also in einer Zeit, wo zunächst noch scheinbar alles weiter seinen Gang geht, Entscheidungen fallen, die sich dann in zwanzig Jahren erheblich auswirken werden. Ich zweifle nämlich daran, dass die rechtliche Rahmensituation, in der unsere Kirche sich heute noch befindet, als eine durch Kirchensteuer finanzierte Körperschaft des öffentlichen Rechts mit Personal im Beamtenstatus, langfristig Bestand haben wird. Wie es danach weiter geht, das hängt von den Entscheidungen ab, die in nächster Zeit fallen. Das ist die spannende Herausforderung, vor der wir stehen.

Interview: Kurt-Helmuth Eimuth und Antje Schrupp

Evangelisches Frankfurt Juli 2007