Okt 01

Evangelisation von Pro Christ

Luther & Co
Oktober 2011

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Evangelisation von Pro Christ

Roter Teppich, Stehtische mit Salzgebäck und Mineralwasser. Scheinwerfer bringen buntes Licht auf die Bühne. Der Altar ist zur Seite geräumt. Ein großes Holzkreuz rechts neben der Bühne signalisiert: Diese Kirche ist weiterhin Kirche, aber eben anders. Der Bühnenaufbau signalisiert Modernität. Mit Musik, Interviews und Gesprächen rief die Aktion „Pro Christ“ Ende September in der Heiliggeistkirche zur Evangelisation. Zum Bündnis gehören so unterschiedliche Gemeinden wie die Nord-Ost- und die Michaelisgemeinde, die Heilsarmee und die Freie Christengemeinde. Ziel der Aktionstage war es, „das Evangelium von Jesus Christus als Gesprächsthema in unsere Stadt zu bringen“, wie es in der Ankündigung hieß.

Auf dem Sessel in der Talk-Ecke nahm als Gast Helmut Hosch Platz. Eine Filmeinspielung brachte es in Erinnerung: Am 2. Februar 1990 stießen bei Rüsselsheim zwei vollbesetzte S-Bahnen frontal zusammen. 17 Menschen starben, 147 wurden teils schwer verletzt. Am Steuer saß Helmut Hosch. Er hatte ein Haltesignal übersehen. „Es hat geknallt und das Leben geht weiter“ ist der Titel des Interviews. Ja, er habe Schuld. Für ihn gebe es nur ein Leben vor und eines nach Rüsselsheim. Aber er habe überlebt. Gott habe zu ihm gesagt: „Helmut, ich trage Dich.“ Gott gebe ihm trotz seiner Schuld Halt.

Chor und Band unterbrechen die Wortbeiträge mit flotter Musik. „Klatscht in die Hände und lasst uns singen: Jesus ist der Herr!“ Doch nicht alle wollen in der mit 500 Menschen gut besetzen Kirche aufstehen und mitklatschen. In Teilen ist das Publikum bereits ergraut.

Höhepunkt ist der Auftritt von Ulrich Parzany. Der 70-Jährige hat lediglich eine Bibel in der Hand. Ohne Manuskript spricht er eine gute Stunde über das Gewissen. Der Mensch sei keineswegs von Grund auf gut. „Er kann eine Bestie sein.“ Es komme deshalb darauf an, Gottes Stimme zu vernehmen und nicht auf all die anderen zu hören. Viele würden ihren eigenen Gefühlen folgen und nicht Gott. Deshalb gingen auch viele Ehen auseinander. Parzany schloss mit der Aufforderung, sich auf einen neuen Lebensweg mit Jesus zu begeben und zu beten „Mein ganzes Leben soll jetzt Dir gehören. Du bist mein Herr.“ Dem folgten aber bloß eine Handvoll Menschen.

1993 startete Pro Christ mit dem US-amerikanischen Prediger Billy Graham als Hauptredner, geprägt von Elementen der klassischen Zeltmission: Ansprache und beispielhafte Bekehrungen sollen zu einer Lebenswende ermutigen. Die Aktion wird auch von Teilen der Landeskirchen unterstützt. Ob dadurch aber wirklich ein neues Milieu erschlossen wird, ist fraglich.

Kurt-Helmuth Eimuth

Aug 13

Geistliche Kampfführung

Geistliche Kampfführung
Evangelisches Frankfurt August 2011

Geistliche Kampfführung

In Norwegen verübt ein Terrorist Massenmord und beruft sich dabei auf die christlichen Kreuzritter. In Amerika ruft ein republikanischer Gouverneur zum Mega-Gottesdienst, um die Finanzkrise wegzubeten. Hinter solchen kruden Vorstellungen steht ein Weltbild, in dem das Böse als Teufel oder Satan personifiziert wird.

Pfarrerin Lieve Van den Ameele war erstaunt über die Anfrage, die im Büro der Gemeinde Fechenheim eintraf: Ob sie denn einen „Jesus-Marsch“ unterstützen wolle. Als Veranstalter firmierte eine Bewegung namens „Himmel über Frankfurt“. Auf deren Internetseite heißt es, man sei eine übergemeindliche Bewegung von bibelgläubigen Christen, „die ihrem Herrn Jesus Christus ernsthaft nachfolgen und SEINEN Auftrag erfüllen wollen“. Ziel sei, „den Thron Gottes in Frankfurt aufzurichten und die Stadt mit dem Wort Gottes zu füllen, damit möglichst viele Menschen zu Erkenntnis der Wahrheit, die Jesus Christus selbst ist, kommen.“

Die Sprache klingt etwas merkwürdig, aber auf den ersten Blick hört sich das unverfänglich an. Doch der Jesus-Marsch ist ein Instrument der so genannten „geistlichen Kampfführung“. Mit ihrer Hilfe sollen räumlich begrenzte Gebiete „zurückerobert“ werden. Gemeint ist der Kampf gegen dämonische Mächte, die über bestimmte Nationen, Regionen, Städte und Wohngebiete oder sogar einzelne Häuser und Wohnungen herrschen. Frankfurt mit seiner materialistischen und pluralistischen Kultur steht nach Ansicht dieser Bewegungen unter besonders starkem Einfluss dämonischer Mächte.

Solche Vorstellungen gehen davon aus, dass es einen weltgeschichtlichen Kampf zwischen „Gut“ und „Böse“ gibt. Engel und Dämonen kämpfen in den Lüften miteinander, und Christinnen und Christen können durch ihr Handeln und Beten den Engeln und damit Gott selbst zum Sieg verhelfen. Dies geschieht meist durch Gebete und offensive Kampfansagen gegen die „Mächte der Finsternis“. Auf diese Weise soll die Herrschaft Satans und seiner Dämonen gebrochen werden.

Die Mittel, derer man sich bedienen soll, sind hauptsächlich Fürbitte und offensives Gebieten „im Namen Jesu“ sowie Lobpreis und Anbetung. Hierzu gibt es eine genaue Strategie. Zunächst wählt man eine geographische Einheit aus. Die Gläubigen sollen sich einer persönlichen „Reinigung“ unterziehen. Buße, Fasten und Gebet sollen die „geistliche Optik“ schärfen und dem „Feind“ jegliche Angriffspunkte entziehen. Die Anwesenden stellen sich unter den „Schutz des Blutes Jesu“.

Ferner soll die Region aus religionsgeschichtlicher Perspektive untersucht werden. Da praktisch alle nichtchristlichen Religionen als dämonisch gelten (außer dem Judentum), findet sich hier immer ein Ansatzpunkt. Auch wird nach den in einer Region vorherrschenden Sünden gesucht. In Frankfurt gelten zum Beispiel das Rotlichtviertel und die Bankniederlassungen – als Anhaltspunkte für einen Geist der sexuellen Unzucht beziehungsweise der Habgier – als besonders belastet. Manche gehen dabei so weit, dass sie Landkarten in einzelne Territorien zerlegen, über die jeweils ein bestimmter Dämon herrscht, um gezielt für geistliche Befreiung beten zu können. Diese Vorgehensweise bezeichnet man als „spiritual mapping“. Für eine erfolgreiche geistliche Kriegsführung ist die „Geisterunterscheidung“ bedeutsam. Die Geister und ihre Namen müssen identifiziert werden, damit man sie vertreiben kann.

Die Vertreibung Satans und der Dämonen geschieht durch Lobpreis und durch die Proklamierung des Namens Jesu. Dahinter steht letztlich ein magisches Verständnis von Gebet: Man glaubt, dass das Beten und Rufen des Namens Jesu bewirkt, dass die dämonischen Mächte verschwinden. Solche „Wirkautomatismen“ sind im Prinzip ein in christlicher Verkleidung daher kommender Okkultismus. Denn nach der christlichen Lehre hat eben nicht der Mensch, sondern allein Gott die Wirkung eines Gebetes in der Hand.
Abschied vom Teufelsglauben

Christinnen und Christen, die sich das Böse als personifizierten Teufel oder Satan vorstellen, stoßen an eine gedankliche Grenze. Denn nach christlicher Überzeugung hat Gott ja die ganze Welt geschaffen – also auch den Teufel. Ein allmächtiger Gott kann nicht im Kampf mit dem Teufel stehen.

Um diesem logischen Widerspruch zu entgehen, wird der Teufel oft als gefallener Bote Gottes gesehen. Das heißt, der Teufel übt zwar Macht aus, aber grundsätzlich könnte Gott diese Macht jederzeit zurückfordern. Allerdings stellt sich dann die Frage, warum Gott den Teufel gewähren lässt.

Die moderne protestantische Theologie verzichtet gänzlich auf personalisierte Teufelsvorstellungen. Die menschliche Freiheit besteht darin, sich für oder gegen etwas entscheiden zu können. Das Böse kommt nicht von außen, sondern ist Teil des menschlichen Denkens und Handelns.

Krieg und Terror, Finanzkrisen und Ungerechtigkeiten sind zwar sicherlich böse, aber sie werden von Menschen angezettelt und ausgeführt. Deshalb hilft dagegen auch keine Teufelsaustreibung – sondern nur Umkehr und Buße.
Kurt-Helmuth Eimuth