Tag Archiv für Armut

Die Armutsquote steigt stetig in Hessen: Diakonie macht Vorschläge zur Bekämpfung

Wäre es eine Bundesligatabelle, würde man sagen: Hessen wurde durchgereicht. Doch die Sache ist ernst. Es geht um Armut. Inzwischen belegt Hessen in der unrühmlichen Rangfolge, der Länder mit der höchsten Armutsquote den 11. Platz. Der letzte Hessische Landessozialbericht bezeugt mit einem Wert von 17,9 Prozent (für 2020) einen neuen Höchststand der Armutsquote in Hessen. Inzwischen ist sie noch weiter angestiegen, sagt Melanie Hartmann, Referentin für Armutspolitik der Diakonie Hessen im Podcast Conny&Kurt. Hartmann erläutert im Podcast die Vorschläge der Diakonie Hessen zur Verbesserung der Situation. Der Wohlfahrtsverband hat hierzu vor der Hessenwahl konkrete Vorschläge gemacht.

Nachzulesen unter: https://www.diakonie-hessen.de/fileadmin/redaktion/03_Publikationen/Unerh%C3%B6rt_Sozial/DH_Unerh%C3%B6rt_Sozial_hess_Landtag_2023_web_neu__2_.pdf

Die Tafel stecken in einem Dilemma

Die Tafeln in Deutschland stecken in einem Dilemma. Auf der einen Seite spenden die Lebensmittelsupermärkte weniger, denn es wird schärfer kalkuliert. Das ist im Sinne der Nachhaltigkeit gut so. Auf der anderen Seite gibt es durch Inflation und steigender Zahl der Geflüchteten immer mehr Bedürftige. Die Konsequenz: Aufnahmestopp. Keine einfache Situation für die bundesweit 60.000 Ehrenamtlichen. Alleine in Kiel unterstützen 120 Ehrenamtliche die Tafel an den Ausgabestellen. Frank Hildebrandt, Vorsitzender der Tafel in Schleswig-Holstein und Kiel, berichtet im Podcast Conny&Kurt von der Situation in der Mangelsituation und warum das Containern keine Konkurrenz für die Tafel ist, auch wenn er für die geplante Straffreiheit nichts hält.

Oxfam: Explosion der Ungleichheit auch in Deutschland

Es fehlt nicht an Geld, sondern am politischen Willen, Ungleichheit und Armut zu reduzieren. Alleine aus einer Übergewinnsteuer könne man 100 Milliarden Euro einnehmen, rechnet Manuel Schmitt von Oxfam vor. Die Hilfsorganisation Oxfam arbeitet weltweit für eine gerechtere Welt. Dazu betreibt die Organisation Secondhand-Läden, leistet Nothilfe und engagiert sich für die langfristige Verbesserung der Lebensgrundlagen. Oxfam erstellt aber auch Studien zur Vermögensverteilung. Im Podcast Conny&Kurt stellt Schmitt, Referent für soziale Ungleichheit, fest, dass es zu einer „Explosion der Ungleichheit“ gekommen sei. In Deutschland lebten 14 Millionen Menschen oder 17 Prozent der Bevölkerung in Armut. Die Armen werden immer ärmer und längst sei das Problem bei einer Inflationsrate von 22 Prozent bei Lebensmitteln in der Mittelschicht angekommen. Oxfam fordert deshalb Vermögen zu besteuern, Übergewinnsteuern durchzusetzen und soziale Sicherungssysteme wie Renten oder Bürgergeld mit mehr Geld auszustatten. Sparen sei hier das falsche Mittel und verschärfe nur noch die Ungleichheit.

Humanitäre Hilfe braucht Neutralität

Die Diakonie Katastrophenhilfe

Das Leid ist unbegreiflich. Nicht vorstellbar. 850 Millionen Menschen gehen mit Hunger ins Bett. Das sind zehn Prozent der Weltbevölkerung. 50 Millionen Menschen stehen an der Schwelle zur Hungersnot. Die Hilfsorganisationen helfen, wo sie können. Conny & Kurt haben in ihrem Podcast den Chef der Diakonie Katastrophenhilfe Martin Kessler gefragt wie Hilfe rund um den Globus aussieht, wie die Diakonie arbeitet und ob das gespendete Geld auch wirklich bei den Betroffenen ankommt. Kessler begründet auch, warum es neben Brot für die Welt eine Katastrophenhilfe gibt. Während Brot für die Welt parteiisch sei, sein müsse, da sich die Organisation für Gerechtigkeit und Menschenrechte einsetzt, müsse die Katastrophenhilfe dagegen streng neutral sein, damit sie auf beiden Seiten in einem Konfliktgebiet humanitäre Hilfe leisten könne. Insofern sei die evangelische Kirche mit dieser Aufteilung gut beraten.
Spendenkonto: Evangelische Bank | IBAN: DE68 5206 0410 0000 5025 02

In Wahrheit brauchen wir grünes Schrumpfen

Die wirtschaftliche Lage ist prekär, individuell und im Lichte der gesamten Gesellschaft. Wie kann eine Transformation hin zu einer ökologischen Kreislaufwirtschaft gelingen? Ulrike Herrmann vertritt die These, dass dies mit einer Reduktion der wirtschaftlichen Leistung verbunden sein wird. Wir alle müssten uns auf einem Niveau des Lebensstandards von 1978 einstellen. Als Beispiel für den Weg dorthin nennt Herrmann die britische Kriegswirtschaft von 1939. Conny&Kurt setzen sich mit den zentralen Thesen der TAZ-Journalistin, die sie einem Vortrag im Frankfurter Haus am Dom entnommen haben, auseinander. Danke für die Genehmigung der Nutzung der Ausschnitte.

Die Armen bleiben arm, die Reichen wurden reicher

von Kurt-Helmuth Eimuth 3. Januar 2020

Zehn Prozent der Menschen in Deutschland sind überschuldet, das sind fast sieben Millionen. Trotz dem Konjunkturboom der vergangenen Jahre ist ihre Zahl gleich geblieben. Drei Maßnahmen, die man sofort ergreifen müsste.

jeder zehnte Mensch in Deutschland hat mehr Schulden als Vermögen. |Foto: Josh Appel / Unsplash
jeder zehnte Mensch in Deutschland hat mehr Schulden als Vermögen. |Foto: Josh Appel / Unsplash

Der Einzelhandel ist noch in erwartungsvoller Stimmung: Die ersten zwei Wochen eines neuen Jahres gelten als umsatzstark, die weihnachtlichen Gutscheine und Geldgeschenke müssen ausgegeben werden. Aber auch die Börse jubelt. Die Kurse steigen und steigen, schließlich gibt es kaum noch Zinsen, Aktien bleiben die Alternative. Das vergangene Jahrzehnt mit seiner positiven Entwicklung gilt schon als eine Art zweites deutsches Wirtschaftswunder.

Doch zehn Prozent der Deutschen haben ein ganz anderes Problem: Sie sind überschuldet, das heißt, sie haben mehr Schulden als Vermögen. Zum Stichtag 1. Oktober 2019 betrug die Überschuldungsquote bundesweit exakt 10 Prozent – das heißt, über 6,9 Millionen Bürgerinnen und Bürger können ihre Schulden nicht mehr bezahlen und weisen „nachhaltige Zahlungsstörungen“ auf. Die Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr praktisch unverändert.

Nicht alle von ihnen werden auf Dauer zahlungsunfähig sein. Viele werden ihre persönliche Misere wieder in den Griff bekommen. Aber rund vier Millionen Menschen bleiben in einer harten und damit tieferen Überschuldungsspirale gefangen. Von 2006 bis 2019 ist die Zahl der Überschuldungsfälle insgesamt um 611.000 gestiegen.

Auch in Hessen geht die Schere zwischen Reich und Arm immer weiter auseinander, und zwar stärker als in anderen Bundesländern, wie dem im Dezember veröffentlichten Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zu entnehmen ist. Der Frankfurter Jugendring weist zudem auf das Problem der Kinderarmut hin: Seinen Erkenntnissen nach lebt jedes vierte Kind in Frankfurt von Hartz IV.

Frauen (12,5 Prozent) sind insgesamt häufiger verschuldet als Männer (7,65 Prozent). Im Vergleich zum Vorjahr ist zudem die Zahl der verschuldeten Rentnerinnen und Rentner über 70 Jahre um 45 Prozent gestiegen, auf insgesamt 381.000 Fälle. Allerdings sind alte Menschen immer noch deutlich seltener überschuldet als Jüngere: Ihr Überschuldungsquote liegt nur bei knapp 3 Prozent.

Der langjährige Konjunkturboom in Deutschland hat also offensichtlich nicht dazu beigetragen, dass die Armutsgefährdungs- und Überschuldungsquoten zurückgegangen sind: Die Armen bleiben arm, die Reichen wurden reicher. Diese Kluft steht einer Gesellschaft, deren Werte Solidarität und Gemeinschaft sind, nicht gut an.

Drei Dinge gilt es jetzt zu tun und staatlich zu fördern:

Erstens darf kein Kind in der Schule zurückgelassen werden. Dass jährlich 70.000 Kinder ohne Schulabschluss und damit ein Leben lang in die Arbeitslosigkeit entlassen werden, ist nicht tragbar.

Zweitens muss die Langzeitarbeitslosigkeit bekämpft werden. Wir dürfen uns nicht an Millionen Arbeitslose gewöhnen, zumal davon häufig auch deren Familien betroffen und von gesellschaftlicher Teilhabe ausgegrenzt sind.

Drittens schließlich muss der Altersarmut vorgebeugt werden. Es sollte für alle Menschen eine Mindestrente geben – die Nachbarländer Schweiz und Österreich machen vor, dass das geht.

Nicht Umverteilung muss begründet werden, sondern warum man Ungleichheit akzeptiert

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Kurt-Helmuth Eimuth. Foto: Rui Camilo

Plötzlich wird wieder über Gerechtigkeit diskutiert. Kann es gerecht sein, wenn die reichsten zehn Prozent der Haushalte mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens besitzen? Wenn höhere Einkommensgruppen von der guten wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland profitieren, während die Realeinkommen der Ärmeren sinken? Wenn Opel-Manager Boni in Millionenhöhe bekommen, aber die Arbeiter um ihre Jobs bangen müssen?

Seit gut zwei Jahrzehnten driftet unsere Gesellschaft auseinander. Über 16 Millionen Menschen in Deutschland sind von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht. Doch Menschenwürde, Gleichheit und Gerechtigkeit sind miteinander verwoben. Demokratie hängt davon ab, „dass die Mitglieder einer egalitären Gesellschaft sich wechselseitig das gleiche Recht zugestehen, als Gleiche anerkannt und behandelt zu werden“, wie es der Wirtschaftsethiker Friedhelm Hengsbach formuliert hat.

Nach christlicher Überzeugung sind alle Menschen Ebenbild Gottes. Das bedeutet auch, dass niemand augeschlossen werden darf von Bildung, Gesundheitsversorgung, Daseinsvorsorge.

Aus dieser Perspektive dreht sich die Rechtfertigungspflicht um: Nicht wer für Umverteilung eintritt, muss das begründen, sondern diejenigen, die politisch nichts dagegen unternehmen, dass die Armutsschere immer weiter auseinander geht. Als Gesellschaft müssen wir begründen, warum Menschen mit Behinderung echte Inklusion verweigert wird, warum 1,9 Millionen Kinder und Jugendliche mit Hartz IV aufwachsen. Wir müssen begründen, warum arbeitslosen Menschen Beschäftigung vorenthalten wird, und wir müssen pflegebedürftigen und kranken Menschen erklären, warum der Personalschlüssel in Krankenhäusern und Altenheimen so schlecht ist. Denn all das sind nicht „wohltätige“ Hilfen, sondern es geht hier um Rechte.

Übrigens scheinen egalitär eingestellte Gesellschaften ein Gewinn für alle zu sein. Der kürzlich erschienene „Weltglücksbericht“ jedenfalls sieht skandinavische Länder, angeführt von Norwegen, ganz vorne.

Die Armut wird sichtbarer – damit müssen wir leben

Der heutige Raubtierkapitalismus führt dazu, dass blanke Armut in Europa immer sichtbarer wird. Damit müssen wir leben, auch in Frankfurt. Obdachlose Menschen einfach zu vertreiben ist jedenfalls keine Lösung.

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Kurt-Helmuth Eimuth. Foto: Rui Camilo

Die Situation ist für die Anwohner und Anwohnerinnen unerträglich. Jeden Abend kommen zwei bis drei Dutzend Menschen mit Sack und Pack und lagern auf dem neu gestalteten Platz vor der Diakoniekirche Weißfrauen. Morgens ziehen sie wieder ab und hinterlassen Müll, und die Notdurft musste ja auch irgendwo verrichtet werden. Die Diakonie Frankfurt hat zu einem runden Tisch geladen, sie möchte künftig ihren Tagestreff für Obdachlose auch nachts öffnen. Dort gibt es Waschgelegenheiten, Toiletten und auch Waschmaschinen. Dies könnte den Konflikt entschärfen.

Aber auch an anderen Stellen dieser reichen Stadt poppt europäische Armut auf. Die Wanderarbeiter auf der Gutleutbrache etwa oder die Familien aus Osteuropa, die in Erdhöhlen im Fechenheimer Wald leben. Sie sind Teil einer neuen Armutswanderung: Während das Durchschnittseinkommen in Deutschland 47.600 Euro im Jahr beträgt, sind es in Bulgarien gerade mal 7400 und in Rumänien 9300 Euro. Hinzu kommen Diskriminierungen gegen Roma. Es wundert also nicht, wenn sich einige auf den Weg machen und ihr Dasein hier auf der Straße fristen.

Armut ist aber hier wie dort die Folge eines enthemmten Kapitalismus. Die Idee einer sozialen Marktwirtschaft, die die Teilhabe aller Menschen am wirtschaftlichen Reichtum im Blick hatte, ist heute einem internationalen Raubtierkapitalismus gewichen. Solange sich daran nichts ändert, werden wir in Deutschland mit einer wachsenden Zahl von Menschen leben müssen, die von ihrer Arbeit keine Wohnung bezahlen können, die am Rande der Gesellschaft stehen.

Ihnen eine menschenwürdige Existenz zu ermöglichen und gleichzeitig keine Anreize zur Nachahmung zu bieten, ist die Aufgabe nicht nur der Diakonie, sondern der ganzen Stadtgesellschaft. Auch denen, die auf der Straße leben, Toiletten und Waschräume zur Verfügung zu stellen, zeigt die Richtung an. Aber solange wir an den Grundstrukturen nichts ändern, werden wir mit sichtbarer Armut in dieser so reichen Stadt leben müssen. Eine gerechte Gesellschaft sieht anders aus.

Beitrag von Kurt-Helmuth Eimuth, veröffentlicht am 20. September 2016 in der Rubrik Meinungen, erschienen in der Ausgabe 2016/5 – September, Web.

Der soziale Riss wird breiter

Die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland wird größer. Die Diakonie fordert deshalb armutsfeste Mindestlöhne und Rente.

Kurt-Helmuth Eimuth ist Leiter der Redaktion von “Evangelisches Frankfurt”. Foto: Rolf Oeser

Die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland wird größer. Dieser Befund des Entwurfes des Armuts- und Reichtumsberichtes der Bundesregierung ist nicht überraschend. Immer mehr Vermögen wird vererbt, immer weniger wird durch Erwerbsarbeit erwirtschaftet. Die Konsequenz: Diejenigen, die über Kapitalvermögen verfügen, werden reicher – trotz Finanzkrise.

Die anderen schauen in die Röhre. Die reichsten zehn Prozent der Deutschen besitzen inzwischen mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens, der unteren Hälfte der Haushalte bleibt gerade mal ein Prozent. Wer von Arbeit leben muss, ist dem Arbeitsmarkt ausgeliefert. Zwar ist die Zahl der Arbeitslosen zurückgegangen, doch die Zahl der „atypischen“ Beschäftigungsverhältnisse, also Teilzeitstellen und Minijobs, hat sich von 20 auf 25 Prozent erhöht.

Niedriglohn heute führt zu Niedrigrente morgen

Für die ältere Generation besteht derzeit noch kein erhöhtes Armutsrisiko, aber selbst die Bundesregierung sorgt sich über die Auswirkungen solcher atypischen Beschäftigungsverhältnisse auf die Rente. Der Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werks in Hessen und Nassau (DWHN) Wolfgang Gern fordert deshalb: „Es ist längst überfällig, dass der Zusammenhang von Niedriglohn heute und Niedrigrente morgen öffentlich wahrgenommen wird.“

Es sei unverständlich, dass die Zunahme prekärer Beschäftigung im ersten Hessischen Sozialbericht als „positiv“ im Sinne einer erfolgreichen Senkung der Arbeitslosenquote gedeutet werde, so Gern. Dadurch werde das Problem der Altersarmut heruntergespielt. Eine „insgesamt reiche Gesellschaft“ wie Deutschland müsse politisch für „armutsfeste“ Mindestlöhne und Mindestrente für alle Menschen sorgen.

Immerhin: Kinderbetreuungsplätze werden mehr

Positiv ist zu vermerken, dass der Armutsbericht der Bundesregierung eine deutliche Zunahme von Kinderbetreuungsplätzen konstatiert. Die Plätze für Kinder ab einem Jahr haben sich demnach seit 2006 auf mehr als 500?000 verdoppelt. Auch gehen heute doppelt so viele Jungen und Mädchen in die Ganztagsbetreuung einer Grundschule. Allerdings merkt selbst der Bericht kritisch an, dass trotz der Investitionen die eingesetzten Mittel für die frühkindliche Bildung und Betreuung von Kindern unter sechs im internationalen Vergleich „immer noch weit unterdurchschnittlich“ sind. Mit 0,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liege man deutlich hinter anderen Ländern zurück. In Ländern wie Dänemark oder Schweden betrage dieser Anteil, so die Regierungsanalyse, das Dreifache.

Ob dieser Zahlen warnen Beobachter vor einem Auseinanderfallen der Gesellschaft. Es bleiben zwei große Aufgaben: Bildung und Alterssicherung. Es wird da-rauf ankommen, Kapitaleinkünfte an den Bildungskosten zu beteiligen, und es müssen Wege gefunden werden, Altersarmut zu vermeiden.

Kurt-Helmuth Eimuth, evangelisches Frankfurt 15.10.2012

Arbeiter im Weinberg

Andacht, , 21.5.12

Kurt-Helmuth Eimuth

Lied: EG 319, Die beste Zeit im Jahr

Votum:

Im Namen Gottes kommen wir zusammen.

Gott nimmt uns an, wie wir sind.

Jesus gibt unserem Leben Richtung und Sinn.

Gottes Geist ruft uns auf den richtigen Weg.

Herzlich willkommen allen, die sich haben rufen lassen.

Nehmen wir uns an diesem Wahltag Zeit

für uns, für Gott, miteinander.

Amen

Psalm 27, Nr. 714

Lied: 262, 1-4, Sonne der Gerechtigkeit

Ansprache:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich hoffe, auch Sie konnten das für viele verlängerte Wochenende richtig genießen.

Medial war ja Frankfurt an diesen Tagen sehr präsent. Die Kapitalismuskritiker wollten das Finanzzentrum blockieren. Gut, dass alles doch weitgehend friedlich verlief.

Aber gewundert und auch gefreut habe ich mich schon als eine Presseerklärung der evangelischen Kirche in Frankfurt kam, die das Anliegen der Demonstranten unterstützte. Wörtlich heißt es in der Erklärung:

Die evangelische Kirche in Frankfurt tritt ein für die offene Auseinandersetzung über die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise. Als ChristInnen solidarisieren wir uns mit den Menschen, die unter den massiven sozialen Verwerfungen der Krise, wie z.B. der massiv zunehmenden Armut und der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa zu leiden haben. Vor dem Hintergrund der nach wie vor ungelösten Folgeprobleme auf nationaler wie internationaler Ebene unterstützen wir die Kritik an der ungerechten Lastenverteilung der Krise und fordern eine breite Diskussion um die Zukunft Europas.

Angesichts dieser Herausforderungen braucht unsere Gesellschaft eine starke Zivilgesellschaft. Damit sich diese artikulieren kann, ist sie angewiesen auf die grundrechtlich garantierte Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Frankfurt ist geprägt von einem intellektuell offenen und liberalen Geist, der sich gerade unter den Bedingungen verschärfter gesellschaftlicher Auseinandersetzungen bewähren muss.“

Natürlich betont man die Notwendigkeit eines friedlichen Protests. Dass der Kapitalismus nicht einfach das überlegene Gesellschaftssystem ist, dämmert uns langsam. Schon vor Jahren hat Alt-Kanzler Helmut Schmidt vom Haifischkapitalismus gesprochen. Die einst die junge Bonner Republik prägende soziale Verantwortung hat weltweit keine Chance. Die soziale Marktwirtschaft deutscher Prägung kann und konnte sich nicht durchsetzen.

Es ist doch zu fragen, was gerecht ist. In Talkshows wird gerne darüber diskutiert, ob die Höhe der Managergehälter gerecht sind. Sicher ist das Gehalt von BMW-Chef Norbert Reithofer mit gut 6 Millionen für uns schwer nachzuvollziehen. Doch Reithofer gehört zu jenen, die für ihr Geld noch arbeiten müssen. Die Eigentümerin der Firma BMW, die Familie Quandt hat im gleichen Zeitraum mit ihrem Erbe 650 Millionen verdient. Nicht die Arbeitsleistung hat den Reichtum der Besitzenden in neuen Dimensionen katapultiert, nein, es sind die Profite aus den Kapitalgesellschaften. In nackten Zahlen ausgedrückt: Dem reichsten einen Prozent der Deutschen gehören 35,8 Prozent des Vermögens oder andersherum betrachtet. Den ärmeren 90 Prozent gehören gerade einmal 33,4 Prozent des Vermögens.

Reichtum wird nur selten erarbeitet, aber oft ererbt. 80 Prozent der Reichen in Deutschland sind Erben.

Mir fällt bei all dieser Diskussion um ein gerechtes Wirtschaftssystem immer das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg ein. Es findet sich im Matthäus Evangelium 20, 1-15

Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg zu dingen. Er vereinbarte mit den Arbeitern einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg. Und als er um die dritte Stunde ausging, sah er andere müßig auf dem Markte stehen und sagte zu denen: „Geht auch ihr in meinen Weinberg, und was recht ist werde ich euch geben.“ Und sie gingen hin. Um die sechste und neunte Stunde ging er noch einmal aus und tat ebenso. Und als er um die elfte Stunde ausging, fand er nochmals andere dastehen und sagte zu ihnen: „Was steht ihr hier den ganzen Tag müßig?“ Sie antworteten ihm: „Weil niemand uns gedungen hat.“ Da sprach er zu ihnen: „Geht auch ihr in den Weinberg.“ Als es nun Abend geworden war, sagte der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: „Ruf die Arbeiter und zahle ihnen den Lohn aus, fange bei den letzten an bis zu den ersten. Und es kamen die von der elften Stunde und erhielten je einen Denar. Als nun die ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr bekommen. Und auch sie erhielten je einen Denar. Und da sie ihn erhielten, murrten sie gegen den Hausherrn und sagten: „Diese letzten da haben eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt, die wir die Last des Tages getragen haben und die Hitze.“ Er aber erwiderte einem von ihnen und sprach:“Mein Lieber, ich tu dir kein Unrecht. Hast du nicht mit mir einen Denar vereinbart? Nimm das Deine und geh. Ich will aber diesem letzten geben wie dir. Oder darf ich mit dem Meinen nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin?“

Nun mahnen alle Kommentare, dieses Gleichnis nicht einfach auf heute zu übertragen. Die Verhältnisse damals waren andere.

In Malaria-Gebieten setzen Gutsbesitzer Tagelöhner ein. Der wirtschaftlich denkende Arbeitgeber bedient sich nicht seiner Sklavinnen und Sklaven, denn diese hat er kaufen müssen. Sie sind für ihn zu wertvoll. Die Tagelöhner aber sind von Geburt her Freie, und doch sind ihre Lebensbedingungen noch elender als die der Sklavinnen und Sklaven. Jesus und seine Anhängerschaft kennen die Arbeitsbedingungen der Tagelöhner sehr genau. Vermutlich gehörten einige von ihnen selbst dazu.

Das Gleichnis selbst beachtet alle Details, die wichtig sind. Der Gutsbesitzer schließt zunächst einen üblichen Arbeitsvertrag mit Handschlag ab, nennt dabei auch die Lohnsumme. Der eine Denar, so setzt der Text stillschweigend voraus, ist so etwas wie das Existenzminimum. Die Neutestamentlerin Luise Schottroff fragt an dieser Stelle berechtigt, ob der Tagelöhner von diesem einen Denar auch Frau und Kinder mit ernähren kann. Wir wissen es nicht. Der Text sagt darüber nichts.

Der Arbeitgeber stellt dann im Laufe des Tages weitere Tagelöhner ein, um 9, 12, 15 und 17 Uhr. Die zuletzt Angeheuerten dürften nur noch gut eine Stunde bis zum Sonnenuntergang zu arbeiten gehabt haben. Der Arbeitgeber zahlt allen den vollen Tagelohn, unabhängig wie lange sie gearbeitet haben. Er sieht, dass auch die Arbeitslosen, die nur noch eine Stunde gearbeitet haben, den einen Denar zum Überleben brauchen. Der Gutsbesitzer richtet sich bei der Auszahlung des Lohnes nicht nach der Leistung sondern nach den Bedürfnissen der Menschen. Die Langarbeiter protestieren. Sie haben kein Verständnis. Das Gleichnis endet offen mit der wortlosen Einladung des Arbeitsherrn an die Langarbeiter, ihr Herz zu öffnen und den Arbeitslosen den Überlebensdenar zu gönnen.

Da liegt einem förmlich die Analogie mit Griechenland auf der Zunge. Öffnen wir unser Herz und gönnen den Griechen den Überlebenseuro, möchte man sagen. Nur leider sind wir nicht mehr bei der Feldarbeit. Die Finanzmärkte funktionieren anders als der Ackerbau. Und doch hat uns das Gleichnis auch heute noch etwas zu sagen. Luise Schottroff formuliert es so:

„Das Gleichnis öffnet Raum für den Gedanken, dass Veränderung möglich ist. Der Arbeitsherr verändert seine Orientierung am Profit, und die Langarbeiter werden zur Solidarität eingeladen. Das Gleichnis ist sparsam mit Anweisungen für Konsequenzen, die zu ziehen wären. Es setzt voraus, dass diejenigen, die diesen Text erzählen und hören, miteinander einen Weg finden, Gerechtigkeit in kleinen Schritten aufzubauen.“ Wir alle müssen uns da einmischen, müssen nach Wegen suchen, denn es betrifft uns alle. Deshalb ist es auch gut, dass die evangelische Kirche am Wochenende ihre Stimme erhoben hat.

Lied: EG: 262, 5 – 7,

Mitteilungen:

Geburtstage

Gebet:

Lassen Sie uns mit den Worten beten, die Dom Helder Camara formulierte: Gott wir müssen in unser Gebet die ganze Menschheit miteinbeziehen, 
denn dein göttlicher Sohn, unser Bruder Jesus Christus, 
hat sein Blut vergossen für alle Menschen, an allen Orten, zu allen Zeiten.
Trotzdem erlaube uns, Herr, heute ein besonderes Gebet 
für die Völker der Welt, die keine Stimme haben. 
Es gibt hunderte Millionen Menschen, 
wahrscheinlich sogar Milliarden Menschen, 
in den armen Ländern und in den Armenvierteln der reichen Länder, 
die kein Recht haben, ihre Stimmen zu erheben, 
die keinerlei Möglichkeit haben, Einspruch zu erheben und zu protestieren, 
so gerecht ihre Sache auch ist, die sie verteidigen wollen. Die Menschen ohne ein Dach, ohne Nahrung, ohne Kleidung, ohne Gesundheit, ohne die geringste Bildungsmöglichkeit, ohne Arbeit, ohne Zukunft, ohne Hoffnung, 
sind in Gefahr, dem Fatalismus zu verfallen; 
ihr Mut versinkt, ihre Stimme versagt, sie werden zu Menschen ohne Stimme.
Sende, Herr, deinen Geist! 
Er allein kann das Angesicht der Erde erneuern! 
Er allein wird die Egoismen zerbrechen; 
denn das ist unerlässlich, wenn die Strukturen, die Millionen in Sklaverei halten, 
überwunden werden sollen. 
Er allein wird uns helfen, eine Welt zu errichten, die menschlicher, christlicher ist.
Dass wir, Vater, jedes Mal mehr eins seien mit deinem Sohn! 
Dass Christus sehe durch unsere Augen, höre durch unsere Ohren, rede durch unsere Lippen. Text nach: Dom Helder Camara, in: Beten im Alltag, Frankfurt 1995

Und was uns noch bewegt, bringen wir vor dich mit den Worten, die Christus uns gelehrt hat:

Vater unser im Himmel,

geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Segen:

Geht in diesen Tag, in diese Woche mit dem Frieden

unseres Gottes:

Der Herr segne dich und behüte dich,

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig.

Der Herr hebe sein Angesicht auf dich und

gebe dir Frieden. Amen.

Lied: EG 640, Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehen