Kein Beruf wie jeder andere

Pfarrer oder Pfarrerinnen haben keinen Beruf wie jeden anderen. Sie sind rund um die Uhr „im Dienst“, und sogar von ihren Familien wird oft erwartet, dass sie aktiv mithelfen. Doch diese traditionelle „Einheit von Berufs- und Lebensform“ löst sich auf, wie eine aktuelle Studie zeigt.

In der Fernsehserie „Oh Gott, Herr Pfarrer“ vor fast zwanzig Jahren rankte sich die Handlung um das Leben im Pfarrhaus: Der stets zum Dienst am Nächsten verpflichtete Pfarrer hatte eine selbstbewusste Ehefrau, die nicht nur „Frau Pfarrer“ sein wollte, sondern ihrem eigenen Beruf nachging, was oft zu Konflikten führte. Heute sind die Erwartungen anders – auch weil der Pfarrer inzwischen sehr oft eine Pfarrerin ist. Von männlichen „Pfarrfrauen“ wird aber nicht stillschweigend vorausgesetzt, dass sie Gemeindesekretärinnen, Kindergottesdienstleiterinnen und Gemeindepädagoginnen zugleich sind.
Aber vielleicht ist damit auch etwas verloren gegangen. Denn das evangelische Pfarrhaus ist mehr als eine Dienstwohnung. Idealtypisch sei es ein Ort der Andacht, der diakonischen Hilfe und der Bildung, schreiben die Autoren einer Studie, die im Auftrag der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau die Zukunft des Pfarrberufs untersuchte. Das Pfarrhaus war schon immer eine Keimzelle gemeindlicher Aktivität. Die Gemeindehäuser sind dagegen eine relativ junge Erfindung. Sie dienen der Geselligkeit, während die geistlichen Impulse aus dem Pfarrhaus kommen (sollten).
Heute aber begreifen sich viele Pfarrer und Pfarrerinnen eher als Angestellte der Kirche und nicht als Menschen, die rund um die Uhr im Dienst sind – und deren Familien dieses Engagement unterstützen müssen. Das liegt natürlich auch daran, dass es inzwischen viele Teilzeitstellen gibt. Und die Frage, wie man rund um die Uhr ein guter Teilzeitpfarrer sein soll, bleibt weitgehend unbeantwortet. Auch haben sich die Rahmenbedingungen für den geistlichen Berufsstand in den letzten Jahren deutlich verschlechtert. Das Gehalt wurde gekürzt, Beförderungen zeitlich gestreckt, und Pfarrdienstwohnungen sind teurer geworden – bei gleichzeitiger „Residenzpflicht“. Welche „professionstypischen Zumutungen“ da in Zukunft noch angemessen sind, muss wohl weiter diskutiert werden.
Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Frankfurt Oktober 2004

Die Umfrage
Wann sind Pfarrerinnen und Pfarrer gut?

Hans Springorum (39), Versicherungsangestellter und Kirchenvorsteher in der Petersgemeinde
Das wichtigste ist für mich der Gottesdienst. Da sammle ich mich, denke über die Woche nach, über mich und ein Bibelwort. Sehr schön finde ich es, wenn die Pfarrerin in der Liturgie Zeichen setzt: wenn sie einen besonderen Segen spricht für eine Konfirmandin, die für ein soziales Praktikum ins Ausland geht, oder bei einer Taufe auch die Kinder einbezieht, die nicht selbst getauft werden, oder am Totensonntag für jeden eine Kerze hat. Eine gute Pfarrerin ist meiner Ansicht aber auch eine geniale Netzwerkerin. Dabei muss sie viele Leute kennen und sie zu den ungewöhnlichsten Aktionen zusammenbringen und aktivieren. Noch wichtiger ist aber, dass sie sehr aufmerksam ist und mitkriegt, was einzelne Gemeindemitglieder brauchen, auch wenn sie nicht ständig in Kontakt mit ihr stehen, wie es in der Großstadt ja ganz normal ist.

Renate Menzel (70), Rentnerin
Ein guter Pfarrer muss vor allem ein guter Seelsorger sein. Er sollte für die Belange und Probleme der Menschen da sein und auch offen für die Ideen der Jüngeren. Und er muss gut predigen können. Das heißt für mich, dass er auf traditionelle Weise biblische Texte mit heutigem Zeitgeschehen und heutigen Problemen der Menschen verknüpft und erklärt. Dabei sollten die Predigten nicht nur ermahnend, sondern aufbauend und ermutigend sein. Natürlich hat ein Pfarrer heute viele zusätzliche Aufgaben, die er früher nicht erfüllen musste, wie zum Beispiel die Verwaltungsarbeit oder die Gremien- und übergemeindliche Arbeit. Das ist ein richtiger Knochenjob. Meine Gemeinde wird sich demnächst mit der Nachbargemeinde zusammen schließen. So ein Fusionsprozess erfordert viel Zeit und Arbeit für ein Gemeindeoberhaupt.

Arnolf Schade-James (47) Pfarrer in der Friedensgemeinde im Gallusviertel
Pfarrerinnen und Pfarrer sollten die Theologie, die sie verkündigen, auch leben. Die von Gott geschenkte Liebe ist die Quelle, aus der sie schöpfen, um diese Liebe an andere weiter zu geben. Ich versuche meinen Vikarinnen und Vikaren immer zu vermitteln, dass wir die Menschen ernst nehmen, uns um sie be-mühen müssen. Nichts von dem, was wir tun, ist heute noch selbstverständlich. Mir ist auch wichtig, die Gemeinde zu führen ohne Führungsanspruch. Nach dem Motto: Ich kann euch den Weg zeigen, gehen müsst ihr ihn alleine. Natürlich hat sich das Gemeindedasein verändert. Ich zum Beispiel bin permanent damit beschäftigt, irgendwas zu organisieren. Ich bin ein professioneller Geburtstagskartenschreiber geworden. Da helfen natürlich auch Computerkenntnisse. Das muss ein Pfarrer heute auch können.

Birgit Rosenberger (35), Bürokauffrau
Das ist jemand, der Verständnis für meine Wünsche und Bedürfnisse aufbringt, der auch mal flexibel ist. Zum Beispiel, wenn es darum geht, mein Kind zu taufen, obwohl ich nicht verheiratet bin, oder einen Tauf gottesdienst ausnahmsweise samstags statt sonntags zu halten. Ich habe da leider ganz schlechte Erfahrungen gemacht. Das hat mich echt schockiert. Vor allem bei der evangelischen Kirche hätte ich das nicht erwartet. Wegen der Samstagstaufe meines jüngsten Kindes habe ich mich dann an das evangelische Info-Center gewandt, durch das ich einen für mich guten Pfarrer gefunden habe. Für jüngere Kirchenmitglieder wie mich spielt das Fromme, das Traditionelle eine untergeordnete Rolle. Kirche ist für mich wichtig und gibt mir Halt, aber etwas Offenheit und Service würde ich mir heutzutage schon wünschen.

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