Schenken macht das Leben reicher

Betteln ist eine Herausforderung. Die Bettler und zunehmend auch die Bettlerinnen stören. Unwillkürlich schaut man hin, um doch so zu tun, als sähe man nichts. Die Bettler unterbrechen den Gang, sie brechen die weihnachtliche Einkaufsstimmung, sie verunsichern.

Betteln gehört zum städtischen Leben einfach dazu. Und es gab noch nie so wenige Bettler wie heute. In früheren Jahrhunderten, als es noch keine Sozialversicherungen gab, wuchsen die Bettler in den Städten zu Scharen heran. Im Mittelalter bettelte etwa ein Drittel der städtischen Bevölkerung. Die Ursachen waren damals wie heute gleich: Arbeitslosigkeit, Unfälle, Alter oder auch die Verweigerung der staatlichen Hilfe. Also bleibt nur das Betteln.

Bettlerin auf der Zeil – gerade in der Vorweihnachtszeit kein seltenes Bild. Geben oder nicht geben? Hilft mein Geld - oder wird es in Drogen und Alkohol investiert? Keine leichte Entscheidung. | Foto: Oeser

Bettlerin auf der Zeil – gerade in der Vorweihnachtszeit kein seltenes Bild. Geben oder nicht geben? Hilft mein Geld – oder wird es in Drogen und Alkohol investiert? Keine leichte Entscheidung.
Foto: Oeser

Ob sich die Art des Bettelns heute im Kern von der in der Dreigroschenoper dargestellten unterscheidet, darf bezweifelt werden. Die Mütter mit ihren Kindern auf dem Arm sind in letzter Zeit verschwunden, dafür sieht man jetzt vermehrt die Menschen in besonders demutsvoller Haltung. Betteln ist eben auch nur Marketing.

Und doch, es gibt sie, die anrührenden Einzelschicksale. Menschen, die nach einem Arbeitsunfall als schwervermittelbar gelten, die aussortiert sind. Menschen, deren Ehe scheiterte und die in ihrer Verzweiflung zum Alkohol greifen. Menschen, die es nicht mehr aushielten, dass sie zu den Millionen gehören, die der Arbeitsmarkt fallengelassen hat wie eine heiße Kartoffel. Im heutigen Soziologendeutsch nennt man es prekäre Lebensverhältnisse.

Also doch lieber den Euro in den Hut werfen? Patentrezepte gibt es nicht. Aber bedenkenswert ist doch, dass alle großen Religionen die Unterstützung der Armen als eine Tugend sehen. Die Verpflegung und Beherbergung von Armen und Kranken ist ein Werk der Barmherzigkeit. Der barmherzige Samariter ist geradezu sprichwörtlich geworden.

Doch die Beziehung zwischen dem Schenkenden und dem Beschenkten ist nicht einseitig. Gerade das Mittelalter ist da lehrreich. So soll es Brauch gewesen sein, dass die Bettler für den Geber beteten. Der Bettler hatte eine Aufgabe, erbrachte quasi im Gegenzug für die Gabe eine Dienstleistung. Die Fürbitte war der Nutzen des Gebers. Einem anderen Menschen in der Zwiesprache mit Gott Gutes wünschen, ihn zu bedenken, ist nicht wenig.

Doch auch in anderer Weise ist der Bettler dem Schenkenden eine Hilfe. Die Freiheit zu haben, etwas abzugeben, ist auch eine Form von Lebenserfüllung. Zur Fülle des Lebens gehört offenbar das Bedürfnis des Gebens und Schenkens. Trotz des zu Recht beklagten Egoismus in der Gesellschaft hat der Mensch so etwas wie ein Grundbedürfnis, anderen etwas zu schenken.

Der andere muss aber ein sichtbares Gegenüber sein. Dem anonymen Staat gibt man nichts, den Opfern der Flutkatastrophe schon. Einfach etwas zu schenken, ohne Vorbedingung und ohne die Erwartung, etwas zurückzubekommen – das kann das Leben bereichern.

Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Frankfurt Dezember 2006

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