„Wischiwaschi“ ist nicht ihre Sache

Evangelisches Frankfurt: November 2005

„Wischiwaschi“ ist nicht ihre Sache

Als Pfarrerin Helga Trösken 1987 zur Pröpstin für Frankfurt gewählt wurde, war sie die erste Frau mit bischöflichen Aufgaben in der evangelischen Kirche in Deutschland. 18 Jahre lang prägte sie die theologische Ausrichtung der Frankfurter Kirche entscheidend mit. Im November wählt das hessen-nassauische Kirchenparlament ihre Nachfolgerin, April geht Trösken dann in den Ruhestand. Fragen an eine Kirchenfrau, die selten ein Blatt vor den Mund genommen hat.

Frau Trösken, Kirchliches Führungspersonal war dieses Jahr in den Medien sehr präsent, vor allem Päpste. Sie sind Pröpstin, das klingt ja fast genauso. Sind Sie die evangelische Päpstin von Frankfurt? Oh nein, das wäre ja furchtbar! Ich bin zwar leitende Frau der evangelischen Kirche, aber das ist das genaue Gegenteil von einem Papst. Die evangelische Kirche lebt vom Konsens und nicht vom Diktat einer Person. Das hat man doch beim katholischen Weltjugendtag gesehen: Der Papst ist da der Mittelpunkt eines Events. Ein evangelischer Kirchentag lebt dagegen von vielen, vielen Menschen, die etwas einbringen.

Konnten Sie denn dem Weltjugendtag auch etwas Positives abgewinnen? Sehr wenig. Ich finde es natürlich beeindruckend, dass junge Menschen sich zum Glauben bekennen. Aber dass dort der Ablass wieder propagiert wird – das ist für mich voll daneben. Oder dass per Megafon ständig laut darauf hingewiesen wurde, dass die Teilnahme am Abendmahl nur Katholiken erlaubt ist.

Würden Sie sagen, dass die konfessionellen Unterschiede wieder größer werden? Ja. Allerdings nicht an der so genannten Basis.

Aber wird denn heutzutage die christliche Stimme nicht nur dann gehört, wenn sie gemeinsam auftritt? Nein, das denke ich nicht. Aber bei vielen Punkten sprechen der katholische Stadtdekan und ich ja auch mit einer Stimme, zum Beispiel beim Thema Sonntagsruhe. Es wäre natürlich schöner, wenn es auch theologisch mehr Konsens gäbe, als derzeit möglich ist.

Sie haben sich bei vielen Themen in den städtischen und politischen Diskurs eingemischt – gegen die Öffnung von Geschäften am Sonntag, gegen den Irakkrieg, gegen die Ausstellung „Körperwelten“. Hat die christliche Stimme heute noch Einfluss? Es ist ja kein Zufall, dass die Sonntagsöffnung immer weiter diskutiert wird. Dazu muss die Stellungnahme aber auch klar sein, klarer jedenfalls als so ein angepasstes Wischiwaschi, das wir ja auch manchmal haben. Sicher wird man für klare Standpunkte auch beschimpft. Das muss man in Kauf nehmen. Aber ich habe in diesen 18 Jahren nicht das Gefühl gehabt, dass die Stimme der Kirchen weniger gehört wird, sofern sie christlich begründet ist.

Was sich verändert hat, ist die zahlenmäßige Zunahme des Islam. Wie beurteilen Sie da die Möglichkeiten einer Ökumene, einer interreligiösen Zusammenarbeit? Mit dem Islam sehe ich das als außerordentlich großes Problem an. Ich kann mir keinen ernsthaften Dialog mit dem Islam als Ganzem vorstellen. Es gibt einzelne Konfessionen oder Unterabteilungen im Islam, mit denen es leichter sein kann, sich inhaltlich zu verständigen, aber mit dem Islam als Ganzem halte ich es für ausgeschlossen.

Warum? Weil der Islam in sich noch den Wahrheitsanspruch hat, den die Christen im Mittelalter hatten, das heißt, einen Absolutheitsanspruch, und dieser Absolutheitsanspruch ist nicht zu hinterfragen. Das Problem ist außerdem, dass wir keine richtigen Ansprechpartner haben. Wir haben verschiedene Imame und Gruppierungen, aber niemanden, der für den Islam als Ganzen in Frankfurt sprechen kann.

Nun leben hier aber so viele Musliminnen und Muslime, dass ein Dialog doch unumgänglich ist? Natürlich. Ich rede ja nicht gegen Diskussionsveranstaltungen als solche. Ich rede auch nicht dagegen, das Kennenlernen und die Integration zu versuchen. Im Bereich von Mitmenschlichkeit, Nachbarschaft, friedlichem Zusammenleben und auch bei bestimmten Sachpunkten ist sehr viel mehr möglich, als derzeit gemacht wird. Nur was die religiöse Verständigung betrifft, ist es realistisch zu sagen, das sind unterschiedliche Welten. Man kann sich kennen lernen, aber eine inhaltliche Verständigung halte ich für ausgeschlossen.

Ist das auch der Hintergrund, warum die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau noch einmal bekräftigt hat, keine muslimischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzustellen? Ja. Es hat Dialogversuche gegeben, wir haben auf verschiedenen Wegen versucht, einander näher zu kommen. Aber sie sind aus unterschiedlichen Gründen gescheitert. Von daher stellt sich dann auch die Frage der Klarheit und Wahrheit. Deshalb sagen wir jetzt, etwa bei der Frage der Erzieherinnen, etwas deutlicher: Christlicher Kindergarten heißt christlicher Kindergarten.

Es gibt also eine Entwicklung dahin, dass verschiedene Weltanschauungen nebeneinander streiten und auch konkurrieren. Natürlich. Aber sechzig Prozent Christinnen und Christen in Frankfurt sind immer noch sechzig Prozent. Das sollte man auch nicht klein reden. Unter den übrigen vierzig Prozent haben sich inzwischen ein paar andere Religionen etabliert, das hat sich in der Tat verändert. Das ist der Islam, das sind aber auch Buddhistinnen und Buddhisten oder eine ganze Reihe von Esoterikgruppen. Doch sie haben insgesamt nicht so einen missionarischen Erfolg, wie es vielleicht in den Medien den Anschein hat.

Was ist denn die wichtigste Botschaft des Christentums in diesem Wettbewerb? Fromm gesagt: Dass jeder Mensch ein geliebtes Geschöpf Gottes ist und sich nicht selber rechtfertigen muss. Das hat Konsequenzen für den Alltag, es heißt nämlich: Jeder Mensch ist ein freies Geschöpf, ist für seine eigenen Taten verantwortlich, kann aber sicher sein, dass er in jedem Fall von Gott geliebt ist und sich nicht beweisen muss. Mit dieser Botschaft sind wir durchaus konkurrenzfähig.

Nun sind die Zahlen der Kirchenmitglieder aber rückläufig. Anders gesagt: Sie sind zwar überzeugt von ihrem Produkt, aber das Produkt wird nicht mehr so angenommen. Jeder Marketing-Chef würde jetzt etwas tun. Was tut die evangelische Kirche? Diese Analyse teile ich nicht. Ich wehre mich dagegen, dass wir uns immer selber klein reden, so schlecht sind die Zahlen nämlich gar nicht. Es gibt aber trotzdem ein Marketingkonzept, wenn man das so nennen will. Seit Jahren haben wir Kircheneintrittsstellen, Stadtkirchenarbeit, kirchliche Präsenz in Rundfunk und Fernsehen, wir sind beim Museums uferfest dabei, bei der Nacht der Kirchen. Wir haben Seelsorge im Krankenhaus, in Notfällen, viele diakonische Einrichtungen. Und es ist ja auch kein Zufall, dass die Leute an Weihnachten wissen, wo sie hingehen können und das auch annehmen. Man darf auch nicht vergessen, dass wir sonntags wesentlich mehr Menschen in den Gottesdiensten haben, als in die Stadien der Bundesliga kommen. Und zwar in den evangelischen.

Trotzdem sieht das Bild in der Öffentlichkeit anders aus. Ja, das wird so von den Medien geprägt, aber deshalb widerstehe ich dem ja auch und sage, wo immer ich kann: Lasst mich in Ruhe mit diesem Kleinreden.

Es sind aber nicht nur die Medien. Die Gemeinden in Frankfurt werden kleiner, sie müssen Räume abgeben und Personal einsparen. Die Kirche hat die Aufgabe, das Evangelium in zeitgemäßer Form weiter zu geben, und das geschieht natürlich auch in Strukturen und mit Gebäuden. Aber Frankfurt ist da immer achtspännig gefahren. Als ich hier anfing – ich kam ja vom Land – war ich sehr überrascht, wie gut hier die Personalausstattung war. Jetzt ist da ein Anpassungsprozess in Gang, aber davon stirbt keine Gemeinde. Das ist meine feste Überzeugung.

Als Sie Pröpstin wurden, war es ein großes Thema, dass Sie die erste Frau in einem bischöflichen Amt waren. Inzwischen gibt es viele Führungsfrauen in der Kirche. Was hat sich dadurch geändert? In meiner ersten Rede habe ich gesagt, dass ich mir wünsche, dass Kandidaturen von Frauen künftig der Normalfall sind. Das haben wir inzwischen erreicht. Was sich auch verändert hat, ist die Atmosphäre in den Gremien. Seit dort viele Frauen sind, ist der Ton ein ganz anderer geworden. Aber ich kann nicht sagen, dass sich inhaltlich oder von der Art der Arbeit her die Reformation ausgebreitet hat, nur weil wir eine Pröpstin oder andere leitende Frauen haben. Die Strukturen sind schon sehr beharrlich.

Was planen Sie für Ihre persönliche Zukunft? Ich habe viele Interessen und fürchte nicht, dass es mir langweilig wird. Langfristig werde ich mit anderen Menschen zusammen in einer Alten-WG wohnen, in einem Wohnprojekt „Selbstbestimmtes Leben im Alter“. Ich habe immer in Wohngemeinschaften gelebt, auch hier in der Propstei, und ich finde es wichtig, dass man auch im Alter nicht alleine lebt.
Interview: Antje Schrupp / Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Frankfurt: November 2005 · 29. Jahrgang · Nr. 6

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