Erzieherinnen braucht das Land

Erzieherinnen und Erzieher braucht das Land

Während derzeit viele Menschen um ihren Arbeitsplatz bangen, gibt es eine Berufsgruppe, die sich diesbezüglich überhaupt keine Sorgen machen muss: Erzieherinnen. Allein in Frankfurter Kindertagesstätten und Krabbelstuben werden in den nächsten vier Jahren schätzungsweise 4500 neue Kräfte gebraucht. Wo die herkommen sollen, weiß derzeit noch niemand. In derselben Zeit werden nämlich in der Berta-Jourdan-Schule, der einzigen Ausbildungsstätte für Erzieherinnen in der Stadt, nur rund 1500 Absolventinnen – und wenige Absolventen – ihren Abschluss machen.

Der Grund für diesen großen Bedarf ist die Tatsache, dass ab 2013 Eltern in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz für ihre Kinder haben. Auch in der evangelischen Kirche, lange ein Hort überkommener Familienmodelle, hat sich diese Erkenntnis inzwischen durchgesetzt: „Der Weg zu einer Institutionalisierung der Kinderbetreuung auch unter drei Jahren ist richtig und notwendig“, betont Pfarrer Michael Frase, der Leiter des Diakonischen Werkes im Evangelischen Regionalverband Frankfurt.

Von den rund 5500 neuen Krippenplätzen, die nach Schätzungen der Stadt in den nächsten vier Jahren geschaffen werden müssen, sollen 1000 in evangelischer Trägerschaft sein. Das bedeutet, dass die Kirche ihr derzeitiges Angebot fast verfünffachen will. Dabei kommt es vor allem auf die Qualität an, betont Kurt-Helmuth Eimuth, der im Diakonischen Werk für Kitas und Krabbelstuben zuständig ist. „Es geht um Bildung“, so Eimuth. Allerdings kann Bildung bei Ein- oder Zweijährigen nicht so ablaufen wie in der Schule, wo die Lehrer vorgeben, was wann gelernt wird. Die evangelischen Krabbelstuben arbeiten vielmehr nach einem Konzept, das die Bedürfnisse der Kinder selbst konsequent in den Mittelpunkt stellt. „Der Mensch lernt durch Nachahmung, Ausprobieren und Kommunikation“, so Eimuth.

Was das praktisch bedeutet, erläutert Tanja Stadtmüller, die Leiterin der evangelischen Krabbelstube in Zeilsheim: „Bei uns machen nie alle Kinder zur gleichen Zeit dasselbe.“ Die Kinder selbst entscheiden, wann sie schlafen, essen, spielen oder die Windeln gewechselt haben möchten. Die Erzieherinnen bieten ihnen kein „Programm“, sondern begleiten die Kleinen bei ihrem Entdeckungsdrang. Überall gibt es etwas zu erkunden, zum Beispiel Alltagsgegenstände wie leere Cremedosen oder Plastikflaschen. Rampen und Stufen animieren zum Klettern, die Kinder dürfen auch im Waschbecken plantschen oder sich in die Kuschelecke verziehen – je nachdem, was gerade ihr Interesse weckt. Das pädagogische Konzept dazu stammt von der ungarischen Kinderärztin Emmi Pikler.

Auch das Windelwechseln wird dabei nicht etwa als lästige Notwendigkeit angesehen, sondern als wichtiger Teil des Bildungsprozesses, erklärt Vanessa Hoch, die für die fachliche Ausrichtung der evangelischen Krabbelstuben zuständig ist: „Diese intime Interaktion trägt ganz entscheidend zur Vertrauensbildung bei.“ Und weil das Vertrauen zwischen Kind und Erzieherin so wichtig ist, ist in der Eingewöhnungsphase, die vier bis sechs Wochen dauert, eine einzige Kollegin für ein Kind zuständig. Wird sie zum Beispiel krank, muss die Eingewöhnungsphase unterbrochen werden. „Nur wenn die Bindung zwischen Kind und einer festen Bezugsperson stark und sicher ist, wird es anfangen, die Umgebung aktiv zu erkunden“, erklärt Hoch.

Auch für viele Erzieherinnen ist so ein Konzept eine Herausforderung, denn sie müssen sich selbst zurücknehmen und großen Respekt vor den Kleinen mitbringen. In der Ausbildung haben sie das nicht unbedingt gelernt – hier gibt es selten einen speziellen Schwerpunkt auf Frühpädagogik. Kurt-Helmuth Eimuth kritisiert die „Allround“-Pädagogik, die heute oft noch das Berufsbild Erzieherin prägt – sie müssen alles können, von der Krabbelstube bis zum Heim für Jugendliche.

Forderungen nach einer Akademisierung des Berufs sieht Eimuth allerdings zwiespältig. Er setzt eher auf differenzierte Ausbildungsgänge und „multiprofessionelle“ Teams aus „Bildungsorganisatorinnen“ in der Einrichtungsleitung und Spezialistinnen, etwa für interkulturelle oder religiöse Bildung, die mit ihren inhaltlichen Kenntnissen dann diejenigen unterstützen, die als erste Bezugspersonen für die Kinder verlässlich da sind und Vertrauen aufbauen.

Krabbelstuben: Eine Aufgabe, die alle angeht

Nachdem in Punkto Kinderbetreuung für unter Dreijährige lange Zeit Familien und öffentliche Einrichtungen gegeneinander ausgespielt wurden, hat jetzt endlich ein Umdenken eingesetzt. Mit ungefähr vierzig Jahren Verspätung vollzieht die deutsche Gesellschaft das, was Feministinnen schon lange vorschlagen: Sie begreift, dass die Versorgung und Erziehung kleiner Kinder eine Aufgabe ist, die alle angeht und für die es ordentliche Konzepte braucht – und zwar ökonomische ebenso wie pädagogische.

Was die pädagogische Seite betrifft, so hat sich bereits vieles verändert. Das Konzept der ungarischen Kinderärztin Emmi Pikler, nach dem die evangelischen Krabbelstuben in Frankfurt arbeiten, ist durchaus überzeugend. Zentral ist der Respekt vor den Kindern, auch bereits den Kleinsten, die als eigenwilliges Gegenüber ernst genommen werden. Modell für dieses Verständnis von Bildung ist nicht mehr der autoritäre Lehrer, der Wissen einpaukt, sondern eher die Mutter, die verlässlich da ist, dem Kind erklärt, was es interessiert, und ihm im ganz normalen Alltag Anregungen bietet. Im Zentrum steht die Vertrauensbeziehung zwischen einem Kind und einer erwachsenen Person – ob es nun die Mutter, der Vater oder eben die Erzieherin ist.

Nicht richtig durchdacht ist aber nach wie vor die ökonomische Seite. Wenn es nicht so traurig wäre, wäre es zum Lachen: Der massive Ausbau an Krippenplätzen, der jetzt holterdipolter aus dem Boden gestampft werden muss, droht nämlich daran zu scheitern, dass es schlicht und ergreifend nicht genügend Erzieherinnen gibt. Was ja auch kein Wunder ist, wenn gleichzeitig jungen Mädchen bei „Girls Days“ beigebracht wird, dass sie doch besser Kfz-Mechanikerin oder Ingenieurin werden sollen anstatt etwas „typisch Weibliches“.

Hier liegt also durchaus ein Fehler im System. Zwar ist es inzwischen Konsens, dass junge Mütter berufstätig sein sollen. Doch die Frage bleibt, wer dann eigentlich die Arbeit der ehemaligen „Hausfrauen“, die ja auch nicht den ganzen Tag nur Däumchen gedreht haben, übernehmen soll – und vor allem unter welchen Bedingungen. Denn Tätigkeiten, die auf Beziehungen, Vertrauen, Fürsorge gründen, lassen sich nun mal nicht in unser derzeitiges Verständnis von „Wirtschaft“ integrieren. Sie „rechnen“ sich nicht, bringen keinen Profit, versprechen nicht Macht und allgemeine Anerkennung. Sie entziehen sich der betriebswirtschaftlichen Logik, und trotzdem muss irgendjemand sie erledigen.

Wer die eigene Berufstätigkeit nach streng „kapitalistischer“ Logik plant, also vor allem auf Einkommen und Status achtet, ist dazu kaum motiviert. Deshalb ist der Anteil von Männern an der Kindererziehung im institutionellen Bereich genauso winzig wie früher in der Familie. Vielleicht bietet ja die Finanzkrise, die eine Wirtschaftsexpertin kürzlich sehr treffend „Testosteronkrise“ genannt hat, einen Anlass zum Umdenken. Es wäre jedenfalls nicht das Schlechteste, wenn demnächst arbeitslose Ingenieure und Kfz-Mechaniker auf Erzieher umschulen müssten. Denn Autos haben wir längst genug, Zeit für Kinder aber nicht.

In: Kirche Intern, April 2009

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