Mai 11

Den Stummen eine Stimme (Jürges)

Den Stummen eine Stimme
Veranstaltungen zum 25. Todestag von Familie Jürges

[30.04.2008] Vor 25 Jahren starb die Pfarrersfamilie Jürges. Martin Jürges, Pfarrer der evangelischen Gutleutgemeinde, seine Frau Irmtraud, Sohn Jan (11), Tochter Katharina (1), Mutter Erna (77) und Nichte Gesine Wagner (19) sind auf dem Weg zu einem Familienausflug ins Grüne, als am 22. Mai 1983 ihr Auto auf der Autobahn von brennenden Wrackteilen eines Militärjets getroffen wird.
Zur Erinnerung an das engagierte Pfarrerehepaar und seine Familie lädt die Evangelische Hoffnungsgemeinde zu mehreren Veranstaltungen ein.
Am Pfingstsonntag, 11. Mai, um 12 Uhr findet ein Gedenken an der Unfallstelle am Kreuz an der Einmündung Otto-Fleck-Schneise statt.
Am Dienstag, 20. Mai, um 19 Uhr wird im Martin-Jürges-Haus, Gutleutstraße 131, eine Ausstellung zu Leben und Wirken eröffnet. Zu Gast ist Ulrike Bremer, Autorin des HR-Films „Die tödliche Flugschau von Frankfurt“. Zu sehen ist die Ausstellung bis 1. Juni täglich von 13 bis 18 Uhr.
Einen Gottesdienst zum Gedenken an Familie Jürges gestalten Diakon Kurt Kirmes sowie der Posaunen- und der Kirchenchor der Hoffnungsgemeinde am Sonntag, 25. Mai, um 10 Uhr in der evangelischen Gutleutkirche, Gutleutstraße 121.
Texte von Irmtraud Jürges-Kießling, Martin Jürges und Gesine Wagner sind am Dienstag, 27. Mai, um 19 Uhr im Martin-Jürges-Haus, Gutleutstraße 131, zu hören. Unter dem Titel „Im Feuer ist mein Leben verbrannt“ lesen Kurt-Helmuth und Marion Eimuth. Musik kommt von Marion Eimuth und Lutz Lemhöfer.

Mai 01

Hirtenkapelle im urbanen Niemandsland

Evangelisches Frankfurt Mai 2008

Hirtenkapelle im urbanen Niemandsland

Man findet sie auf keinem Stadtplan, und auch die Suche auf der offiziellen Homepage der Stadt Frankfurt bleibt erfolglos. Die so genannte „Wurzelsiedlung“ bildet das äußerste westliche Ende des Gutleutviertels. Eingeklemmt zwischen einer breiten Ausfallstraße, Industrie- und Gleisanlagen leben dort in sieben Siedlungsstraßen 400 Menschen.

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Gebaut hat die Wohnungen in den 1920er Jahren die Deutsche Reichsbahn für ihre Mitarbeiter. Niedrige Mieten gibt es hier bis heute. In der Siedlung mit den engen Straßen gibt es keinen Laden, nicht einmal einen Kiosk. Aber es gibt eine Kapelle: Das zunächst für industrielle Zwecke genutzte Holzhäuschen an der Hirtenstraße wurde bereits Anfang der 1950er Jahre von der evangelischen Kirche genutzt. 1953 kam dann ein Holzturm mit Läutewerk hinzu. Die Gemeinde versammelte sich jeden Sonntag in ihrer „Hirtenkapelle“, wie sie nach der Straße genannt wurde, zum Gottesdienst. Bilder aus dieser Zeit belegen die qualvolle Enge, die dabei in dem winzigen Gottesdienstraum herrschte.

Heute sind die Zeiten anders. Gottesdienst wird in der Hirtenkapelle nur noch in den Sommermonaten gehalten, ein Mal im Monat. Auch in der Wurzelsiedlung selbst sind gesellschaftliche Veränderungen zu spüren. Trotzdem hat sich die Hoffnungsgemeinde vor zwei Jahren entschieden, den alten, marode gewordenen Holzturm durch einen neuen zu ersetzen. Aus eigenen Mitteln hat man hierfür 22000 Euro aufgebracht. Die Hirtenkapelle bleibt somit markantes Wahrzeichen im urbanen Niemandsland.

Text und Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

Mai 01

Wie konnte Gott das zulassen?

Evangelisches Frankfurt Mai 2008

Wie konnte Gott das zulassen?

Es war eine Tragödie mit Symbolwert: Vor 25 Jahren stürzte ein Starfighter während einer Militär-Flugschau auf das Auto eines friedensbewegten Pfarrers: Martin Jürges und seine Familie verbrannten in den Trümmern.

Weit über tausend Menschen waren am 30. Mai 1983 zur Trauerfeier in die Katharinenkirche gekommen. Bis auf die Zeil standen sie, um der Familie Jürges die letzte Ehre zu geben, die auf unfassbare Weise ums Leben gekommen war.

Pfingstsonntag vor 25 Jahren: Pfarrer Martin Jürges hält in der Gutleutkirche den Gottesdienst. Es ist Bilderbuchwetter – genau richtig für einen Familienausflug. Am frühen Nachmittag fährt die Familie los. Zur gleichen Zeit vergnügen sich Tausende bei der Kirmes vor dem Wäldchestag am Oberforsthaus sowie bei einer Flugschau der amerikanischen Streitkräfte am Rhein-Main-Flughafen.

Pfarrer Martin Jürges beim Kirchentag in Nürnberg im Jahr 1979. | Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

Pfarrer Martin Jürges beim Kirchentag in Nürnberg im Jahr 1979.
Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

Als sich einer der Militärjets aus der Formation löst, passiert der hellblaue Peugot-Kombi der Pfarrersfamilie gerade den Autobahnzubringer beim Waldstadion. Die brennenden Wrackteile des abstürzenden Flugzeugs knallen auf den Wagen. Martin Jürges (40), seine Frau Irmtraud (38), sein Sohn Jan (11), seine Tochter Katharina (1) und seine Mutter Erna (77) verbrennen im Auto. Die 19jährige Nichte Gesine Wagner erliegt 81 Tage später ihren schweren Verletzungen. Auch heute, nach einem Vierteljahrhundert, schaut man sich fassungslos die Bilder an. Eine ganze Familie ausgelöscht. Warum?

Martin Jürges und Irmtraud Jürges-Kiesling haben in Frankfurt viele junge Menschen geprägt. Beide arbeiteten im Stadtjugendpfarramt, er als Stadtjugendpfarrer, sie als Sozialarbeiterin. Ihre Mitwirkung beim Kir­ chentag, die Ausrichtung von Sacro-Pop-Festivals, ihre Einmischung in die Kommunalpolitik mit der Initiative „Politische Obdachlose“, die Untersuchung alternativer Lebensstile, die aktive Jugendpolitik, die praktizierte Ökumene – alles Stichworte, die die Breite und den Aktionsradius der beiden andeuten.

Die Nato wollte damals aufrüsten. Dagegen formierte sich die Friedensbewegung unter dem Slogan „Frieden schaffen ohne Waffen“. Lila Tücher, mit diesem Motto bedruckt, lagen schon im Keller der Gutleutgemeinde bereit, wo Martin Jürges seit knapp zwei Jahren Pfarrer war. Und dann kommt die Familie genau durch so eine Waffe ums Leben.

Wie konnte Gott dieses Unglück nur zulassen? Diese Frage ist wohl so alt wie die Vorstellung von Gott selbst. Krieg, Naturkatastrophen und familiäres Unglück lassen zweifeln. Doch der Mensch, so erzählt die Bibel, ist geschaffen als Wesen mit eigenem Willen. Es stimmt eben nicht, dass Gott lenkt und der Mensch denkt. Die Übel dieser Welt sind oft genug Menschenwerk. Aber Gott ist bei den Leidenden. Gott leidet mit. Gott war an diesem Pfingstsonntag vor 25 Jahren auch bei der Familie Jürges. Dies symbolisiert das Kreuz, das von der Paul-Gerhardt-Gemeinde zur Erinnerung am Rand der Einfahrt zu den Sportverbänden aufgestellt wurde.

Trotzdem machen solche Tragödien sprachlos. Da darf man klagen, so wie es ein Lied der Gruppe Habakuk sagt, das damals zur Trauerfeier gespielt wurde: „Meine ganze Ohnmacht, was mich beugt und hemmt, bringe ich vor Dich. Wandle sie in Stärke, Gott erbarme dich.“

Die Hoffnung, dass trotz Zerstörung Neues wachsen kann, war auch die Hoffnung von Martin Jürges. Im Jahr 1978 hatte er zu einem Sacro-Pop-Konzert, das den Titel „Unkraut Leben“ trug, geschrieben: „Und das Unkraut Jesus war so lebendig, dass es nach dem Zertreten weiterwuchs. Die Wurzeln waren so stark, sie waren nicht auszurotten. Aus dieser Wurzel kommt auch heute neues Leben, sie sind stark genug, um rauszuwachsen aus dem gleichgemachten Leben, und Mensch zu werden – eines schönen Tages.“

Kurt-Helmuth Eimuth

An das Leben und Wirken der Familie Jürges erinnert eine Ausstellung vom 21. Mai bis 1. Juni im Martin-Jürges-Haus der Gutleutgemeinde, Gutleutstraße 131. Eröffnet wird sie am Dienstag, 20. Mai, um 19 Uhr, einen Abend mit Texten und Musik gibt es dort am Dienstag, 27. Juni, um 19 Uhr. Ein Gedenkgottesdienst findet am Sonntag, 25. Mai, um 10 Uhr in der Gutleutkirche, Gutleutstraße 121, statt.

Mrz 01

Einfach etwas bewirken

Evangelisches Frankfurt März 2008

Einfach etwas bewirken
Juristen helfen obdachlosen Menschen mit ihrem Fachwissen

Dem studentischen Milieu sind sie noch verhaftet, die beiden Doktoranten der Jurisprudenz: Treffpunkt zum Interview ist ein stadtbekanntes Café in der Bockenheimer Grempstraße. An den blanken, naturbelassenen Tischen sitzen zwei sportliche junge Herren, die sich für die Allgemeinheit engagieren: Sie sind die Gründer des eingetragenen Vereins „Frankfurter Nächstenhilfe“. Man glaubt Christian Zeller (29) und Stefan Köhler (30) sofort, dass sie die Dinge in die Hand nehmen.

Gründeten die „Frankfurter Nächstenhilfe“: Die beiden Juristen Christian Zeller - rechts - und Stefan Köhler. | Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

Gründeten die „Frankfurter Nächstenhilfe“: Die beiden Juristen Christian Zeller – rechts – und Stefan Köhler.
Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

Die beiden Juristen hatten sich überlegt, wie sie armen Menschen helfen könnten. Dabei sollte jeder die eigene Begabung einbringen. Juristen können reden, schreiben, verhandeln. Und so boten sie ihre Kompetenz und ihre Zeit dem diakonischen Tagestreff für obdachlose Menschen im Bahnhofsviertel an.

„Weser 5“, wie sich der Treffpunkt nach der Anschrift des Hauses in der Weserstraße nennt, freut sich über die Zusammenarbeit. Das Angebot einer Unterstützung beim Umgang mit Behörden, Banken oder Vermietern kann man hier gut gebrauchen. „Viele Menschen, die zu Weser 5 kommen, legen uns ungeöffnete Briefe vor, die schon Monate alt sind“, erzählt Köhler. „Meistens wissen sie gar nicht, um was es in den Schreiben geht.“ Köhler betont aber auch die andere Seite – denn auch der, der hilft, bekommt etwas zurück: „Wir kommen vom Studium, und plötzlich können wir etwas tun. Mit einem einfachen Schreiben kann man etwas bewirken. Das ist ein Motivationsschub. Da sieht man ein Ergebnis.“

Der Name „Frankfurter Nächstenhilfe“ ist keineswegs zufällig. „Die Wortwahl“, so Zeller, „verrät den christlichen Hintergrund.“ Dies wundert nicht, denn beide sind in enger Bindung an die evangelische Kirche groß geworden. Zeller, aufgewachsen in Pforzheim, besuchte den kirchlichen Kindergarten, ging später in die Jungschar und spielte im Posaunenchor. Köhler kommt aus Erfurt. Zur „Wende“ war er zwölf Jahre alt. Seine Familie gehörte zur evangelischen Kirche. Er besuchte Freizeiten, machte Fahrten mit und ging in die „Christenlehre“, wie der außerhalb der Schule stattfindende Religionsunterricht in der DDR hieß. Kennengelernt haben sich die beiden beim Studium in Mannheim, eine enge Verbindung wurde es beim gemeinsamen Auslandsstudium in London.

Frankfurt haben sie inzwischen kennen und schätzen gelernt. „Deshalb heißt der Verein ja auch „Frankfurter Nächstenhilfe“, betonen sie. Zeller, verheiratet mit einer Hessin und Familienvater, sagt: „Ich fühle mich als Hesse.“ Die Vorzüge Frankfurts? „Die Campus-Universität. Das ist einmalig in ganz Deutschland“, sagt Zeller und Köhler nickt zustimmend. Ja und dann ist da noch die internationale Prägung der Stadt. „Das fand ich von Anfang an am anziehendsten“, ergänzt Köhler und verweist auf die Erfahrung in London.

Für die engagierten Juristen hat Frankfurt ein großstädtisches Kultur- und Freizeitangebot. Das ist wichtig für sie, denn sie sind auch in Sportvereinen aktiv. Und wenn alles klappt, wird Christian Zeller in diesem Jahr den Ironman in Frankfurt durchstehen. Wer weiß, vielleicht stehen dann ja einige von den Leuten aus „Weser 5“ zum Anfeuern an der Strecke. Denn sie wissen: Dieser Mann kann durchhalten.

Kurt-Helmuth Eimuth

Dez 01

Magistrat noch evangelischer

Mit Volker Stein ist jetzt ein weiterer Kirchenmann Dezernent

Mit Volker Stein ist nun der dritte engagierte evangelische Kirchenmann in den Frankfurter Magistrat gerückt. Nach Jean Claude Diallo, dem ehrenamtlichen Integrationsdezernenten, und dem Pfarrer im Ruhestand Christof Warnke gehört nun auch der stellvertretende Vorsitzende des Evangelischen Regionalverbandes der Stadtregierung an. Der ehemalige Fraktionsvorsitzende der FDP sieht nichts Ungewöhnliches darin, dass sie alle verschiedenen Parteien angehören. „Die Identifikation mit Positionen und Überzeugungen macht sich an politischen Grenzen fest und nicht an Grenzen der Religion“, sagt der neue Dezernent für Ordnung, Sicherheit und Brandschutz. Dabei, so Stein, unterstelle er allen Magistratsmitgliedern eine christliche Grundhaltung.

Der neue Ordnungsdezernent ist auch stellvertretender Vorsitzender des Evangelischen Regionalverbandes.

Der neue Ordnungsdezernent ist auch stellvertretender Vorsitzender des Evangelischen Regionalverbandes.

Ein gewisses Konfliktpotential sieht Stein mit seiner Kirche beim Thema „Illegale“. Während sich viele in der Kirche für ein Bleiberecht dieser Menschen aussprechen, die sich ohne legalen Aufenthaltsstatus in Frankfurt aufhalten, sieht der Ordnungsdezernent in dieser Hinsicht wenig Spielraum. Schließlich hießen Illegale so, weil sie illegal in der Stadt lebten. Doch moderat fügt er hinzu, dass man beispielsweise gemeinsam mit dem Petitionsausschuss bei Härtefällen nach Lösungen suchen wolle.

Die Auseinandersetzungen um aggressives Betteln dagegen sieht Stein als erledigt an. Da sei man sich überparteilich einig: „Aggressives Betteln wird nicht geduldet.“ Und anspielend auf jene Frauen, die beimBetteln ihr Kind auf dem Arm haben, formuliert Stein: „Kinderschutz geht über die Freiheit, zu betteln.“

Als Ordnungsdezernent will Stein die Stadt „sauberer“ machen und durch verstärkte Streifen in den Bahnhöfen die Sicherheit und auch das subjektive Sicherheits-gefühl erhöhen. Auch sollen ausländische Unternehmer aus Nicht-EU-Ländern und qualifizierte Arbeitskräfte künftig innerhalb eines Monats wissen, ob sie nach Deutschland kommen können. Für Stein ist diese Verfahrensbeschleunigung „ein klarer Wettbewerbsvorteil“.

Amt und Ehrenamt in der Kirche will er auch künftig unter einen Hut bekommen. Auch das hat Tradition in dieser Stadt: Hans- Jürgen Moog, ehemaliger Bürgermeister, stand über Jahrzehnte der Evangelischen Regionalversammlung, dem Frankfurter Kirchenparlament, vor.

Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Frankfurt Dezember 2007

Sep 01

San Clemente in Rom

Eine Kirche aus dem 12. Jahrhundert, erbaut auf den Resten einer Kirche aus dem 4. Jahrhundert, die wiederum auf einem Heiligtum des vorchristlichen Mithras-Kultes errichtet war: die Kirche San Clemente in Rom ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie Wandel im Glauben und Wandel in der Architektur aufeinander einwirken. | Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

Eine Kirche aus dem 12. Jahrhundert, erbaut auf den Resten einer Kirche aus dem 4. Jahrhundert, die wiederum auf einem Heiligtum des vorchristlichen Mithras-Kultes errichtet war: die Kirche San Clemente in Rom ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie Wandel im Glauben und Wandel in der Architektur aufeinander einwirken.
Foto: Kurt-Helmuth Eimuth
Evangelisches Frankfurt Sept 2007
Apr 01

Kontakt zu Menschen und zur Arbeitswelt

Auch in Frankfurter Kirchengemeinden suchen „Ein-Euro-Jobber“ nach Perspektiven

Im Gemeindebüro der Heddernheimer Thomasgemeinde ist Leben. Die Sekretärin kümmert sich um die Anliegen einer Besucherin, der Hausmeister lässt sich etwas am Computer erklären. Geduldig und kompetent gibt Richard Petermann ihm Auskunft. Der 37 Jahre alte Verwaltungsfachangestellte gehört nicht zum festen Mitarbeiterstamm der Gemeinde. Er ist einer der „Frankfurt-Jobber“, also einer von denen, die sich zum Arbeitslosengeld II noch 1,50 Euro die Stunde dazuverdienen.

Richard Petermann an seinem Arbeitsplatz in der Thomasgemeinde: „Ich will nicht aufgeben“ sagt der arbeitslose Verwaltungsfachmann, der sich über seinen „Ein-Euro-Job“ beim Diakonischen Werk freut. | Foto: Eimuth

Richard Petermann an seinem Arbeitsplatz in der Thomasgemeinde: „Ich will nicht aufgeben“ sagt der arbeitslose Verwaltungsfachmann, der sich über seinen „Ein-Euro-Job“ beim Diakonischen Werk freut.
Foto: Eimuth

Petermann hat sich selbst um die Stelle in der Thomasgemeinde bemüht. „Ich will nicht aufgeben“, sagt er kämpferisch. Und er ist sichtlich zufrieden mit seiner Wahl: „Ich fühle mich hier sehr wohl, so als ob ich schon zwanzig Jahre dazugehöre.“ Kein Wunder, denn er hilft im Büro, gibt sein Wissen weiter – auch an die Pfarrer. Petermann ist im Einsatz, wenn es darum geht, Obdachlosen oder älteren Menschen zu helfen. Zwar ist die Zukunft ungewiss, trotzdem fällt seine Bilanz positiv aus: „Jeder Tag hier war für mich ein Gewinn.“

Bis zu 150 „Arbeitsgelegenheiten“, so die genaue Bezeichnung für das, was gemeinhin Ein-Euro-Job oder Frankfurt-Job genannt wird, kann das Diakonische Werk für Frankfurt zur Zeit anbieten – meistens soziale Tätigkeiten, wenn zum Beispiel eine Hilfe beim Einkauf gebraucht wird oder jemand einem Sehbehinderten vorlesen soll. Aber auch beim Heckenschneiden oder Glühbirnenaustauschen sind die Frankfurt-Jobber zu finden.

„Die Erfahrungen sind so unterschiedlich wie die Menschen“ sagt Jürgen Simon von der Koordinationsstelle für Arbeitsgelegenheiten beim Evangelischen Regionalverband. „Für die einen sind die Arbeitsgelegenheiten ein Sprungbrett in den ersten Arbeitsmarkt, andere bekommen nach vielen Jahren wieder Kontakt zu Menschen und damit etwas Anerkennung, wieder andere überwinden ihre persönlichen Schwierigkeiten auch nicht.

Jürgen Simon sucht immer wieder Arbeitsgelegenheiten für sein Klientel. Das ist gar nicht so einfach. Zum einen sollen und dürfen nicht durch Finanzknappheit wegfallende Stellen durch Ein-Euro-Jobs ersetzt werden. Zum anderen bedürfen die eingesetzten Menschen der Begleitung, der Wertschätzung und der Förderung: „Die Leute wollen gelobt werden.“ Doch für Lob und Motivation bedarf es eben auch der Menschen, die vor Ort präsent sind. Angesichts der ausgedünnten Personaldecke in den Kirchengemeinden ist dies gar nicht so einfach.

Derzeit werden Sonderprogramme für jüngere und ältere Arbeitslose aufgelegt. Die Jungen sollen eine Ausbildung erhalten, die über 58-Jährigen können bis zu drei Jahren in der Arbeitsgelegenheit bleiben und haben so einen nahtlosen Übergang in die Rente. Die Koordinationsstelle hofft auf noch mehr Engagement von Seiten der Kirchengemeinden in dieser Sache. Sie sucht nach Einsatzorten, aber auch nach Möglichkeiten der Fort- und Weiterbildung. Denn schließlich sollen die Arbeitsgelegenheiten nicht nur psychisch stabilisieren, sondern auch qualifizieren.

Darauf hofft auch Richard Petermann: Sein Vorgänger hat schließlich eine reguläre Anstellung gefunden.

Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Frankfurt April 2007

Dez 01

Fechenheimer Gemeinden wieder eins

Rückblende in der Gemeindezeitung: „Bei wachsenden Bevölkerungszahlen war absehbar, dass mehr als 3000 Evangelische den Fechenheimer Norden bevölkern würden. Da lag es nahe, dort 1954 eine Hauptpfarrstelle, so hieß das damals, zu errichten. Zwei Jahre später folgte der Bau des Gemeindezentrums.“

Heute leben in dem Gebiet zwischen Mainkur und Industriegebiet Riederwald noch nicht einmal 900 Evangelische. Der Zusammenschluss der beiden Fechenheimer Gemeinden, der Glaubenskirchengemeinde im Norden und der Melanch­ thongemeinde in Alt-Fechenheim, ist da nur konsequent. Einstimmig beschlossen die Kirchenvorstände beider Gemeinden die Fusion zur Evangelischen Gemeinde Fechenheim, die nun am 1. Januar auch formal vollzogen wird.

Hier ist städtebaulich getrennt, was jetzt kirchlich zusammengehört: Die Hanauer Landstraße zerschneidet die beiden Quartiere Fechenheims, und doch sehen die bisher selbstständigen Gemeinden Vorteile darin, sich zusammenzuschließen. | Foto: Eimuth

Hier ist städtebaulich getrennt, was jetzt kirchlich zusammengehört: Die Hanauer Landstraße zerschneidet die beiden Quartiere Fechenheims, und doch sehen die bisher selbstständigen Gemeinden Vorteile darin, sich zusammenzuschließen.
Foto: Eimuth

Die beiden Pfarrer, Karl Langensiepen und Wilfried Steller, beschreiben den Zusammenschluss als notwendigen Prozess, den sie schon längst in ihrer Arbeit vollzogen haben. Zuerst gab es eine gemeinsame Konfirmandengruppe, dann eine gemeinsame Pfarrdienstordnung, und jetzt ist auch die Liturgie, der Gottesdienstablauf, in den Gemeinden links und rechts der Hanauer Landstraße gleich. „Insgesamt“, so das Fazit der Pfarrer, „war die Fusion weniger kompliziert als gedacht.“

Doch beide sind sich auch der Schwierigkeiten bewusst. Die Hanauer Landstraße stellt ein nur schwer überwindbares Hindernis dar. Die Busverbindung vom einen zum anderen Quartier ist gerade sonntags schlecht, und ein von der Gemeinde angebotener Fahrdienst wird kaum angenommen, berichtet Langensiepen. Wohl auch deshalb soll trotz Fusion an den beiden Standorten festgehalten werden.

„Wenn alles glatt läuft“, sagt Steller, „merken die Gemeindemitglieder die Fusion gar nicht. Selbst das Gemeindebüro im Nordbezirk ist zumindest an einem Tag in der Woche geöffnet.“ Möglich wird dies durch das Engagement von Gemeindemitgliedern, die diesen Dienst ehrenamtlich übernehmen.

Vor der Zukunft ist zumindest den Pfarrern nicht bange. „Wir haben bei besonderen Veranstaltungen einen großen Zuspruch“, berichtet Langensiepen. Da sind die Konzerte, die mit einem sich anschließenden Essen zu dem werden, was früher ein gesellschaftliches Ereignis war und heute „Event“ genannt wird. Die Kirchengemeinde ist ohne Zweifel der Kulturträger im Stadtteil. Und sie ist fest verwurzelt, zum Beispiel im Stadtteilarbeitskreis. Dort arbeiten die verschiedenen Kirchen, Vereine und Initiativen zusammen. Besonders die Zusammenarbeit zwischen Gemeinde, Schule und Kindertagesstätte hebt Steller hervor. Da sei schon etwas von dem gewachsen, was der neue Hessische Bildungsplan jetzt fordert: Vor allem mit ihren drei Kindertagesstätten stärkt die Fechenheimer Gemeinde den Zusammenhalt im Stadtteil. Umso wichtiger, als die Ansiedlung der Großmärkte an der Hanauer dem Stadtteil die Kaufkraft und damit auch die Basis für
urbane Lebensqualität entzieht.

„Das Gemeindehaus stand für eine bessere Zukunft“, steht im Rückblick auf die Errichtung im Gemeindeblatt. Die Zukunft ist für Gemeinde noch lange nicht vorbei.

Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Fankfrt Dez 2006

Okt 01

Von Fechenheim in die Welt

Martin Meißner wurde Präsident des CVJM-Weltbundes

Die blaue Clubjacke mit den Goldknöpfen ist so eine Art Dienstkleidung. Seriosität ist für einen Rechtsanwalt nun mal ein absolutes Muss. Doch Martin Meißner macht um seine Person nicht viel Aufhebens. Gelassen und souverän sitzt der Fachanwalt für Familienrecht hinter seinem Schreibtisch. Diese Ausstrahlung war sicherlich ein Grund, warum ihn die 700 Delegierten des „Christlichen Vereins Junger Menschen“ (CVJM) im Juli zum Präsidenten ihres Weltverbandes wählten.

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Der CVJM ist weltweit die größte überkonfessionelle christliche Jugendorganisation mit insgesamt 45 Millionen Mitgliedern aus 124 Ländern. Und an der Spitze steht jetzt der Fechenheimer Rechtsanwalt Martin Meißner. Sicher wäre es falsch zu sagen, der 53-Jährige wäre in diese Aufgabe so „hineingerutscht“. Denn schon lange hat er sich weltweit Ver-trauen erarbeitet. Der Spanisch sprechende Meißner arbeitete schwerpunktmäßig mit latein-amerikanischen CVJM-Gruppen zusammen. Mindestens einmal im Jahr besucht er Länder in Süd- und Mittelamerika. Zudem, der Beruf legt es nahe, war er bisher schon federführend in den recht-lichen Belangen des weltweiten CVJM. „Sicher war ich keiner, den man bei seiner Wahl erst vorstellen musste“, sagt Meißner lächelnd.

Meißner ist wohl eher ein Mann des Ausgleichs, einer, der Brücken bauen will. „Wir haben kompetente Partner in der Dritten Welt. Wir sind längst davon entfernt, zu glauben, dass nur wir wissen, wie es geht.“ Meißner freut sich auf die kulturellen Begegnungen. „Wir müssen aus dem Reichtum unterschiedlicher Kulturen etwas machen.“

Was ihn immer wieder fasziniert, ist die Art, wie man in anderen Ländern an Probleme herangeht. Man schaue zunächst genau hin, was gebraucht werde, und versuche dann, dieses zu realisieren. Hier in Deutschland habe man hingegen lange aus der Tradition heraus gelebt. Dies sei zwar gut und wichtig, doch es reiche nicht. So habe der CVJM auch in Frankfurt hingeschaut und sich dann in der Schulsozialarbeit enga­ giert. Die Ganztagsschule verändere eben auch die Jugendarbeit.

Wer sich vorstellt, der CVJM sei ein Club frömmeliger junger Menschen mit engem Horizont, muss sein Vorurteil revidieren, wenn er Meißner begegnet. Der CVJM ist die größte ökumenische Vereinigung, betont er. Evangelische, ob nun pfingstlerisch oder lutherisch geprägt, arbeiten hier selbstverständlich mit katholischen Christen zusammen. Und wie steht es mit den doch schon recht fundamentalistischen Strömungen in Nordamerika? „Der US-CVJM hat kein einheitliches Profil“, erklärt Meißner. „Die einen machen Sozialarbeit und die anderen Sport. Seinen Glauben lebt man in der jeweiligen Freikirche.“ Ja, da komme schon die Frage danach, was das „C“ bedeutet, und das werde auch derzeit diskutiert.

Schon früh war Meißner mit der christlichen Jugendarbeit und der Kirche verbunden. Er war Mitglied des „Rates der evangelischen Jugend“ in Frankfurt. Fast selbstverständlich ist, dass er dem Kirchenvorstand der Glaubenskirchengemeinde in Fechenheim angehört und dort seit über zwanzig Jahren den stellvertretenden Vorsitz hat.

Wer sich so viel ehrenamtlich engagiert, dem bleibt nicht mehr viel Freizeit. Bei der Frage nach den Hobbys überlegt Meißner lange. „Vielleicht das eine oder andere klassische Konzert.“ Doch wo und wann sich eine solche Gelegenheit in den nächsten vier Jahren – so lange dauert die Amtszeit des Weltbund-Präsidenten – ergibt, bleibt fraglich.

Text und Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Frankfurt Okt 2006

Okt 01

Über uns

„Evangelisches Frankfurt wird nicht einseitig sein und sich nicht allein um den kirchlichen Nabel drehen“ – das versprach die Redaktion, als Ende 1976 die erste Ausgabe der neuen Mitgliederzeitung der Frankfurter Kirche erschien.

Antje Schrupp, Ralf Bräuer, Stephanie von Selchow, Kurt-Helmuth Eimuth, Gunda Höppner, Wilfried Steller - v.l.n.r. | Foto: Oeser

Antje Schrupp, Ralf Bräuer, Stephanie von Selchow, Kurt-Helmuth Eimuth, Gunda Höppner, Wilfried Steller – v.l.n.r.
Foto: Oeser

Und so war es dann auch: Sachkenntnis, Meinungsvielfalt, der Kontakt zur Stadt und ein Gespür für aktuelle religiöse Themen kennzeichnen „Evangelisches Frankfurt“ bis heute. Die Redaktion nimmt sich bei ihren wöchentlichen Treffen viel Zeit für engagierte Diskussionen. Im Mittelpunkt steht dabei immer die Frage: Was interessiert unsere Leserinnen und Leser?

  • Information: Wer Kirchensteuern bezahlt, hat ein Recht darauf, zu erfahren, was mit diesem Geld geschieht. Daher gibt es immer wieder Berichte über neue Einrichtungen, Projekte und Initiativen der Frankfurter Kirche.
  • Sachkenntnis: Journalistinnen, Pfarrer und kirchliche Medienexperten arbeiten in der Redaktion zusammen. Professionalität beim Zeitungsmachen ist daher genauso garantiert wie eine genaue Kenntnis kirchlicher Strukturen und theologischer Hintergründe.
  • Meinungsvielfalt: Heiße Eisen sind kein Tabu. „Evangelisches Frankfurt“ diskutiert aktuelle Themen kontrovers – hier kommen die verschiedenen Argumente zu ihrem Recht. Zum Beispiel auf der regelmäßigen Seite „Pro und Contra“.
  • Regionalbezug: Kirchliches Leben wird dort konkret, wo die Menschen leben, in der Stadt, in der Nachbarschaft, in der Gemeinde. Kommunalpolitik, Stadtteilinitiativen und aktuelle Frankfurter Ereignisse sind daher wichtige Bezugspunkte für „Evangelisches Frankfurt“.

    Zahlen und Fakten

  • „Evangelisches Frankfurt“ erscheint sieben Mal im Jahr in einer Auflage von 120.000 Exemplaren.
  • „Evangelisches Frankfurt“ wird per Post an alle Haushalte verschickt, in denen mindestens ein Mitglied evangelisch ist, sowie an alle anderen Interessierten, die die Zeitung beziehen möchten. Außerdem liegt es an verschiedenen Stellen aus, zum Beispiel im Foyer des Dominikanerklosters oder in der Katharinenkirche.
  • „Evangelisches Frankfurt“ kostet, inklusive Druck, Porto und Redaktionskosten, nur rund 1,60 Euro pro Jahr und Kirchenmitglied – eine Investition, die sich lohnt.

vangelisches Frankfurt Okt 2006