Jun 01

Recht auf Bildung

Evangelisches Frankfurt Juni 2010

Schulbesuch für Statuslose gefordert

Recht auf Bildung

Die Kinder von „Illegalen“ sollen in Deutschland Kindergarten und Schule besuchen können, ohne dass ihre Familien die Entdeckung durch die Ausländerbehörde fürchten müssen. Dies forderte die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, und verwies darauf, dass bislang in den meisten Ländern der Zugang von Kindern ohne Aufenthaltstitel nicht eindeutig geregelt ist. Sie will nun erreichen, dass die Meldepflichten der Schulen gegenüber den Ausländerbehörden in allen Bundes­ländern aufgehoben werden. In Hessen ist dies bereits geschehen. Den Kindern von Statuslosen müsse zumindest ein Recht auf den Schulbesuch eingeräumt werden. Union und FDP hätten schon im Koalitionsvertrag vereinbart, „dass Übermittlungspflichten so geändert werden, dass der Schulbesuch von Kindern generell ermöglicht wird“. Mit dieser Änderung begingen Schulleiter kein Dienstpflichtvergehen mehr, wenn sie bei Bekanntwerden einer Anmeldung eines statuslosen Kindes dieses nicht der zuständigen Ausländerbehörde melden, sagte die CDU-Politikerin.

Böhmer will sich auch dafür einsetzen, dass illegal in Deutschland lebende Kinder den Kindergarten besuchen können.

Kurt-Helmuth Eimuth / AP

Jun 01

Pfingsten 2010

Evangelisches Frankkfurt Juni 2010

Pfingstgottesdienst

Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

Vor den 1200 Besuchern, die am Pfingstgottesdienst auf dem Römerberg teilnahmen, griff Pröpstin Gabriele Scherle deutlich das Denken in der Politik an: „Es stimmt etwas nicht in den Verhältnissen der Finanzwirtschaft, wenn mit öffentlichen Mitteln Banken gerettet und dafür Kommunen in den Ruin getrieben werden. Es stimmt etwas nicht, wenn die Geldströme nicht mehr den Betrieben und Händlern dienen, sondern in den Depots weniger zu immer größeren Geldseen angestaut werden. Es stimmt etwas nicht, wenn die Solidarsysteme erodieren, obwohl der gesellschaftliche Reichtum hierzulande immens ist. Und es stimmt etwas nicht, wenn wir unseren Reichtum auf Kosten der Armen dieser Welt verteidigen.“ Scherle forderte: „Wir sollten den Mut haben, denen zu widersprechen, die behaupten, es gebe zur jeweiligen Politik keine Alternative.“

Jun 01

Gesucht: Alleinstellungsmerkmal

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Evangelisches Frankfurt Juni 2010

Der Evangelische Regionalverband Frankfurt, der Zusammenschluss der Frankfurter Gemeinden und Dekanate, überarbeitet zurzeit sein vor zehn Jahren entstandenes Leitbild. Dabei geht es an erster Stelle um die besonderen Stärken und Eigenheiten der evangelischen Kirche in der Stadtgesellschaft.

„Das Unternehmensleitbild ist der sichtbar gemachte Unternehmensgeist, sozusagen die geistige Signatur der Organisation. Es ist vom ersten Tag an da, auch wenn es nirgends geschrieben steht, es ist die gelebte Philosophie der Menschen, die das Unternehmen repräsentieren.“ So jedenfalls sieht es die Unternehmensberaterin Brigitte Wolter. Die Kultur eines Unternehmens zeige sich eben in der Art und Weise, wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter miteinander umgehen und kommunizieren, wie sie im Team zusammen arbeiten, wie sie gemeinsam Herausforderungen bewältigen. Auch darin, wie sie sich nach außen verhalten, zum Beispiel im Umgang mit Kunden und Geschäftspartnern, wie sie über das Unternehmen sprechen und welche Geschichten sie darüber in ihrem privaten Umfeld erzählen. Diese Kultur sei Ausdruck des praktizierten Führungsstils und in allen unternehmerischen Entscheidungen und auf allen Ebenen des unternehmerischen Handelns sichtbar.

Das Facettenkreuz der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau symbolisiert auch die Vielfältigkeit kirchlicher Arbeit. Hier präsentiert vom Kommunikationsbeauftragten der EKHN, Pfarrer Wolfgang Weinrich. Auch Ihre Meinung zur evangelischen Kirche in Frankfurt ist gefragt. Was ist ihr Profil? Schreiben Sie an: kommunikation@ervffm.de
Foto: epd Bild
Man könnte denken, dass diese Fragen für eine Kirche gelöst sind. Schließlich gibt es hier sogar ein – wenn auch sehr altes – Regelwerk: die Bibel. Und doch ist Kirche nicht nur Verwalterin der Lehre, sondern auch ein Unternehmen mit sehr weltlichen Anforderungen, Konflikten und Widersprüchen. Auch darum ist es wichtig, ein Leitbild zu haben und ständig weiterzuentwickeln. Die gerade wiedergewählte Vorsitzende des Vorstandes, Esther Gebhardt, hat einen solchen Prozess angestoßen.

Alle sind eingeladen mitzumachen, gleich wie nah oder fern sie der Kirche stehen. Dabei hat es schon die erste Frage in sich: „Was schätzen Sie an der evangelischen Kirche in Frankfurt am meisten im Vergleich zu anderen Institutionen und Verbänden in der Stadt?“ Ist die Kirche nur ein Verein, eine Organisation, die Gutes tut? Oder gibt es einen grund­sätzlichen Unterschied zwischen der evangelischen Kirche, dem Roten Kreuz oder Amnesty international? Die Frage ist: Gibt es so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal der evangelischen Kirche? Das gilt es jetzt herauszufinden.

Kurt-Helmuth Eimuth

Mai 01

Fundamentalismus in Familien

Evangelisches Frankfurt Mai 2010

Fachtagung: Religiös-totalitäre Minigruppen schaden Kindern

Rund hunderttausend Kinder und Jugendliche sind nach Schätzung von Kurt-Helmuth Eimuth in Deutschland „totalitären Erziehungssystemen“ ausgesetzt, die unter dem Deckmantel von Religion auftreten. Für die „Gefährdung des Kindeswohls durch Sekten und christlichen Fundamentalismus“ wollte eine von „Sinus“, der hessischen Sekteninformations- und Selbsthilfe-Initiative, organisierte Tagung in Frankfurt sensibilisieren. Eingeladen waren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Jugendämtern, Kitas sowie Kinder- und Jugendberatungsstätten.

Waren religiös-totalitäre Erziehungsmethoden früher haupt-sächlich in klassischen Großsekten wie den Zeugen Jehovas oder Scientology zu finden, so habe man es heute mit einer Vielzahl kleiner Gruppen zu tun, berichtete Eimuth, der beim Diakonischen Werk für Frankfurt den Arbeitsbereich Kindertagesstätten leitet. In dem „fast undurchschaubaren Dickicht“ wisse man nicht, welche Gruppierung unschädlich und welche bedrohlich ist. Daher müsse jeder Einzelfall genau geprüft werden.

Wenn sich die Betroffenen unter Druck gesetzt fühlen, wanderten sie nicht selten ab, so Eimuth. Die Mutter, die mit Kind ihrem Guru ins Ausland gefolgt ist, sei kein Einzelfall. Aufsehen erregte ein Fall aus Baden-Württemberg, wo Eltern ihre fünf Kinder aus religiösen Gründen nicht in die Schule schicken wollten und in den USA Asyl erhielten.

Harald Achilles, Referent für Schulrechtsangelegenheiten im Hessischen Kultusministerium, sieht darin eine neue Wendung. Differenzen zwischen staatlichem Erziehungsauftrag und elterlichem Erziehungsrecht sind nach Erfahrung des Juristen immer eine Gratwanderung. Das schulgesetzlich verbriefte Toleranzgebot verlange schließlich, auf weltanschauliche Hintergründe Rück- sicht zu nehmen. „Wir können die Sekten nicht abschaffen“, sagte Achilles, „sollten aber für ein Bewusstsein der Problematik sorgen“.

Das gehört sozusagen zum Alltagsgeschäft von Jürgen Zillikens. Der Rechtsanwalt und Vizepräsident des Vereins „Kids“ („Kinder in destruktiven Sekten“) glaubt, dass sich der Zug zu solchen Gruppen in Zukunft noch verstärken wird. In einer Gesellschaft, die „immer kälter wird“, würden Menschen in sektenartigen Zusammenschlüssen Halt, Wärme und soziale Kontakte suchen.

Auch Frauke Zahradnik, die Leiterin des Kinderbüros der Stadt Karlsruhe, geht davon aus, dass das Thema sich nicht so schnell erledigt. Sie verfolgt, „wenn wieder eine dubiose Gruppe auf dem Markt erscheint“, und berät päda­gogische Einrichtungen. Gleichwohl warnte sie vor überzogener Angst: „Nicht jede Sektenmitgliedschaft gefährdet gleich das Kindeswohl.“ Zudem dürfe man nicht vergessen, dass auch Armut oder zerrüttete Familien Kindern erheblichen Schaden zufügen können.

Doris Stickler

Apr 01

Jesus Christ Superstar

Evangelisches Frankfurt April 2010

Jesus Christ Superstar

Das Musical ist fast so alt wie das Privattheater Katakombe. In der 50. Spielzeit lebt mit „Jesus Christ Superstar“ in der kleinen Spielstätte am Zoo eine große Produktion wieder auf, die 1971 in New York erstmals aufgeführt wurde.

Hier in Frankfurt kommt das Musical von Tim Rice und Andrew Lloyd Webber in deutscher Sprache zur Aufführung. Lediglich vom E-Piano begleitet, wird ganz ohne elektronische Unterstützung gesungen, verständlich, präzise und mit sichtlicher Freude. Vor allem Raphael Dörr als Jesus und Biagio Spatola als Judas überzeugen, während Christine Richter als Maria Magdalena die Töne gelegentlich etwas gepresst hervorbringt. Die Steppeinlagen sind ebenso gekonnt wie belebend.

Es wird von den letzten sieben Tagen im Leben Jesu erzählt. Im Zentrum steht der Verrat des Judas, der Jesu Aufenthalt an die Römer preisgibt. Der Text rafft genial das biblische Geschehen, ohne theologisch zweifelhaft zu werden.

Die Inszenierung von Carola Moritz lebt von der Intimität des Raums und von manch überraschendem Einfall. So gelingt dem Ensemble immer wieder die Übertragung der Spielhandlung in die heutige Zeit, etwa wenn die Reporter sich sensationslüstern um den sterbenden Jesus scharen.

Kurt-Helmuth Eimuth

Apr 01

Die Kirche braucht eine wie Käßmann

Evamgelisches Frankfurt April 2010

Kommentar

Die Kirche braucht eine wie Käßmann

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Für die Comedians war es der Stoff, aus dem flache Scherze sind. Eine Bischöfin mit 1,5 Promille ist eine Steilvorlage für Harald Schmidt und Co. Auch deshalb war es richtig, dass Margot Käßmann von ihren Ämtern als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und als Bischöfin ihrer Landeskirche zurücktrat.

Dem Spott auf Kosten einer Bischöfin hätte sie vielleicht noch mit einer kleinen Charmeoffensive begegnen können. Doch Margot Käßmann wusste, dass da etwas zerbrochen war, das existentiell für sie, für ihre Arbeit, ist: Glaubwürdigkeit. Sie wollte nicht darüber hinwegsehen, dass ihre Autorität beschädigt war. Wörtlich sagte sie: „Die Freiheit, ethische und politische Herausforderungen zu benennen und zu beurteilen, hätte ich in Zukunft nicht mehr so, wie ich sie hatte.“ Man denke nur an die Auseinandersetzung um den Afghanistan-Krieg. Eine Bischöfin, die selbst einen „schweren Fehler“ gemacht hat, kann so etwas nicht durchhalten.

Doch die eigentliche Stärke von Margot Käßmann sind ihre Niederlagen. Sie kann wie kaum eine andere von ihrem Leben, von ihren Zweifeln und von ihrem Glauben erzählen. So schreibt sie über ihre Brustkrebserkrankung und ihre Scheidung: „In der Mitte des Lebens ist mir wichtig geworden, Krankheit und Leid und Krisen als Vertiefung anzusehen. … Nach acht Wochen habe ich wieder angefangen zu arbeiten. Und es war da eben doch auch ein tiefer Einschnitt, weil ich in dieser Zeit begriffen habe, dass ich der Tatsache ins Auge schauen muss, dass meine Ehe als gelebte Beziehung nicht mehr existiert. In einer existentiell bewegenden Situation ist es nicht möglich, vor der Realität wegzulaufen. Die Erkrankung hat mir letzten Endes den Mut gegeben, mich dieser Wirklichkeit zu stellen.“

Auch als sie ihren Rücktritt bekannt gab, zeigte sie Stärke. Nach all dem Erlebten, nach ihrer größten persönlichen Niederlage, kam dann dieser Satz: „Du kannst niemals tiefer fallen als in Gottes Hand.“ Welch eine Glaubenszuversicht, welch eine Kraft!

Es ist ihr zu wünschen, dass sie sich bald von ihrem Erschrecken über sich selbst erholt. Denn die evangelische Kirche braucht Menschen wie Käßmann, die unerschrocken, politisch und fromm an der öffentlichen Meinungsbildung mitwirken. Und die heute 51-Jährige wird in naher Zukunft sicher wieder die öffentliche Bühne betreten. Ob als Autorin – sie hat über zwanzig Bücher verfasst – ob als Professorin oder gar in einem hohen kirchlichen Amt. Die Kirche braucht eine wie Margot Käßmann.

Kurt-Helmuth Eimuth

Apr 01

Die Sichtbarkeit des Religiösen

Evangelisches Frankfurt April 2010

Die Sichtbarkeit des Religiösen

Das sichtbare Zeichen des Christentums ist das Kreuz. Und gerade am Kreuz macht sich der Konflikt zwischen Religion und einem zur weltanschaulichen Neutralität verpflichteten Staat immer wieder fest. Warum es nicht sinnvoll ist, religiöse Symbole völlig aus der öffentlichen Sichtbarkeit zu verbannen.

Ob im Gerichtssaal, im Kreistag oder in der Schule, immer wieder wird die Neutralität öffentlicher Versammlungsorte eingeklagt. Wie kürzlich in Bad Soden. An den dortigen Kliniken, die vormals in katholischer Trägerschaft waren und jetzt vom Landkreis betrieben werden, hat man zwölf Kreuze aus Krankenzimmern abhängen und in einen Müllsack stecken lassen. Die Aktion stieß bei vielen Patientinnen und Patienten auf Unverständnis.

Wie es hieß, hatte sich ein Muslim über die Kreuze beschwert. Man kann natürlich solches Drängen von Angehörigen anderer Religionen gegen die Sichtbarkeit christlicher Symbole lapidar so abtun, wie es der Bad Sodener Dekan Eberhard Kühn gemacht hat. Gegenüber der Nachrichtenagentur Idea sagte er: „Ein Kruxifix im Krankenhauszimmer bedeutet für einen Moslem nicht, dass seine Genesung gefährdet ist.“

Doch die Diskussion geht tiefer. Es handelt sich nicht nur um Themen, die vergleichsweise nebensächlich sind, wie die Frage von Kreuzen in Krankenzimmern. Im Kern geht es um die Frage, ob eine Gesellschaft, die sich insgesamt mehr und mehr von religiösen Inhalten entfernt, Religionsgemeinschaften noch Privilegien einräumen darf. Sollen zum Beispiel Religionslehrerinnen und

und Normensysteme liefern auch die Religionsgemeinschaften. Insofern sind sie wichtige Dialogpartner in gesellschaftlichen Veränderungsprozessen. Sie haben nicht nur eine private Bedeutung für die einzelnen Gläubigen, sondern auch für die öffentlichen Diskussionen. Deshalb sollten sie auch sichtbar sein.

Kurt-Helmuth Eimuth

Feb 01

Bibelmuseum: Vom Alltag in Judäa

Evangelisches Frankfurt Februar 2010

Bibelmuseum: Vom Alltag in Judäa

Für die Armen im Lande ging es zur Zeit Jesu um das tägliche Überleben. In Tongefäßen bewahrten sie ihre Lebensmittel auf. Sie mahlten ihr Korn, mit der Spindel fertigten sie Wolle an. Im Herrscherhaus des Herodes gab es aber auch Parfümflakons, Kosmetik und Schmuck. Solche Objekte sind jetzt im Bibelmuseum, Metzlerstraße 19, in der Sonderausstellung „Judäa und Jerusalem – Leben in römischer Zeit“ zu sehen. Ein Silberschatz erinnert an die Tempelsteuer, und eine antike Kno­ chenkiste, ein Ossuar, gibt Einblick in die Bestattungskultur. Die rund 2000 Jahre alten archäologischen Funde kommen vor allem von der israelischen Antikenverwaltung und sind das erste Mal außer Landes ausgestellt.

Maße und Gewichte, Münzen und Arbeitsmittel zu kennen, hilft auch, die Welt der Bibel zu verstehen. „Judäa und Jerusalem“ beleuchtet das Leben und Den­ ken von religiösen Gruppen, römischen Besatzern, von Pilgern, Händlern und Handwerkern.

Die Besucher und Besucherinnen können in der Ausstellung selbst aktiv werden. Außerdem vermitteln Führungen Alltag und Religion im Heiligen Land, sechs Vorträge vertiefen die Themen. Der Katalog ist mit seinen übersichtlichen und verständlichen Grafiken und Beiträgen auch eine Fundgrube für den Religions- und Konfirmandenunterricht. Gruppenführungen sind nach Anmeldung möglich, Infos unter www.judaeaundjerusalem.de oder Telefon 069 66426525.

Kurt-Helmuth Eimuth

Feb 01

„Die Logik des Krieges“- warum Käßmann Recht hat

Evangelisches Frankfurt Februar 2010

„Die Logik des Krieges“- warum Käßmann Recht hat

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Selten hat es eine neue Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche geschafft, so schnell auch bei Kirchenfernen bekannt zu werden – und das noch mit einer Predigt. Margot Käßmann, die Bischöfin aus Hannover und neue Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), hat, kaum hundert Tage im Amt, ein Thema transportiert, das ansonsten gerne verdrängt wird.

„Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden“, führte sie in ihrer Predigt am Neujahrstag aus. „Wir brauchen Menschen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut, von Alternativen zu reden und mich dafür einzusetzen.“ Die Bischöfin wusste wohl, was ihr die Kritiker vorwerfen würden, denn sie sagte weiter: „Ich bin nicht naiv. Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen. Das kann manchmal mehr bewirken als alles abgeklärte Einstimmen in den vermeintlich so pragmatischen Ruf zu den Waffen.“

Käßmann fordert also andere Konfliktlösungsstrategien, weil die bisherigen Muster der Realpolitik versagt haben. Das ist keine prinzipielle Antikriegshaltung. Die EKD hat vor drei Jahren in einer Denkschrift Kriterien eines gerade noch zulässigen Krieges benannt und darin politische, moralische und völkerrechtliche Aspekte aufgeführt, unter denen der Einsatz „rechtserhaltender“ militärischer Gewalt zulässig ist. Diese Kriterien hält die Ratsvorsitzende beim Afghanistan-Krieg völlig zu Recht für nicht (mehr) erfüllt. Inzwischen hat sich der gesamte Rat der EKD hinter die Bischöfin gestellt. Es ist zu befürchten, dass die Strategie der USA, mit immer noch mehr Militär den Krieg zu gewinnen, genau so scheitert wie einst das Engagement der Sowjetunion in Afghanistan. Margot Käßmann hat eine notwendige Diskussion angestoßen. Keineswegs naiv, sondern mit Augenmaß. Ihre Predigt ist gleichzeitig prophetisch und voller Realitätssinn. Es ist zu hoffen, dass die Zuspitzung auf die Frage, wie viele Soldaten Deutschland zusätzlich nach Afghanistan schickt, etwas von der Offenheit des protestantischen Denkens der Bischöfin atmet. Es geht um Krieg und Frieden und damit für viele Menschen um Leben oder Sterben.

Kurt-Helmuth Eimuth

Nov 01

Albert Schweitzer fasziniert

Evangelisches Frankfurt November 2009

Albert Schweitzer fasziniert

Spielfilm und Dauerausstellung über den Universalgelehrten

Vermutlich hätte es Albert Schweitzer gefallen, dass die neue Ausstellung über sein Leben in eher bescheidenen Räumen im ersten Stock eines Wohnhauses im Westend zwar durchaus professionell, aber keineswegs aufgemotzt daherkommt. Das Ausstellungsgestänge wurde aus Resten des Messebaus zusammengeschraubt, die Ausstellungsdidaktik ist modern und interaktiv: Im Frankfurter Albert-Schweitzer-Zentrum in der Wolfsgangstraße 109 können sich Besucher und Besucherinnen die wesentlichen Stationen des Universalgelehrten an Audiostationen mit Einspielungen von Schweitzers Bachinterpretationen und Predigttexten oder mittels Quiz und Brettspielen aneignen. Filmausschnitte ergänzen den Einblick in das Leben des Kulturphilosophen, Theologen, Organisten und Tropenarztes.

Ärztliche Hilfe für Menschen in Afrika: Szenenfoto aus dem Film über Albert Schweitzer, der von Jeroen Krabbè gespielt wird. | Foto: NFP / Stefan Falke

Ärztliche Hilfe für Menschen in Afrika: Szenenfoto aus dem Film über Albert Schweitzer, der von Jeroen Krabbè gespielt wird.
Foto: NFP / Stefan Falke

Schweitzer begründete eine universell gültige Ethik der Verantwortung für alles Leben und kämpfte noch im hohen Alter für atomare Abrüstung und den Frieden in der Welt. Das Leben des Friedensnobelpreisträgers zeichnet auch die britische Produktion „Albert-Schweitzer – Ein Leben für Afrika“ nach, die am Heiligen Abend, 24. Dezember, in den Kinos anläuft. Der Spielfilm wurde vom gleichen Team realisiert, das auch „Luther“ auf die Leinwand brachte. Zum Kinostart gibt es zahlreiche Begleitveranstaltungen. Für Schulklassen werden Sondervorführungen und umfangreiches Unterrichtsmaterial angeboten.

Das Drehbuch konzentriert sich auf zwei Schauplätze – New York in den 50er-Jahren, damals das Zentrum fortschrittlichen Denkens, und den Dschungel von Gabun. Dort leben die Menschen in großer Armut. Im Zentrum steht das Krankenhaus, in dem unter anderem Lepra-Kranke behandelt werden. Der Film zeigt, wie schwierig es für Albert Schweitzer im vom Kalten Krieg dominierten Nachkriegsamerika war, seine Kritik am Atomkrieg vorzutragen. Regisseur Gavin Millar sagt:

„Ich wusste wenig über Albert Schweitzer, und als ich mich umhörte, erfuhr ich in England ganz widersprüchliche Ansichten.“ Millar schreibt diese Widersprüchlichkeit einer Verleumdungskampagne der CIA gegen Schweitzer zu, die noch heute nachwirke.

Wer nach dem Film mehr über Schweitzer wissen möchte, dem sei der Besuch im Albert-Schweitzer-Archiv angeraten. Schließlich hatte der Goethe-Preisträger und Ehrenbürger der Stadt Frankfurts stets eine besondere Beziehung zur Mainmetropole. Mehr als zwanzig Mal war er zu Konzerten, Vorträgen und Preisverleihungen hier, und 1951 nahm er in der Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen. Eine Schule und eine Wohnsiedlung wurden nach ihm benannt.

Das Albert-Schweitzer-Zentrum verfügt über eine umfangreiche Sammlung aus Schweitzers Nachlass und eben über eine ganz neue, zwar kleine, aber dennoch angemessene Dauerausstellung. Weitere Informationen im Internet unter www.albert-schweitzer-zentrum.de sowie www.albertschweitzer-derfilm.de.

Kurt-Helmuth Eimuth